Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Atomunfall Tricastin: Bevölkerung zu spät informiert

Der Unfall in der Atomanlage Tricastin/Südfrankreich hat sich bereits am Montagabend ereignet. Doch erst am Dienstagmittag erging eine Warnung an die Bevölkerung.

  • /

Nach Greenpeace-Recherchen stellte das Atomunternehmen Socatri am 7. Juli um 23 Uhr fest, dass radioaktive Uranlösung aus einem Leck austrat. Am nächsten Morgen um 9:30 Uhr informierte die Gesellschaft zum ersten Mal die Behörden. Weitere Stunden später erkannte sie die Tragweite des Vorfalls und rief die Atomaufsicht. Diese begann mit Messungen vor Ort.

Die radioaktive Uranlösung war zu dieser Zeit bereits in die beiden Flüsschen Gaffière und Auzon gelangt. Die Behörden warnten die Einwohner der drei betroffenen Gemeinden Bollène, Lapalud und Lamotte-du-Rhône. Sie dürfen bis auf Weiteres kein Wasser aus den beiden Flüssen entnehmen. Auch das Fischen ist untersagt. Im See Trop-Long sind Baden und Wassersport untersagt.

Die Atomaufsicht ASN stuft die Gefahr für die Bevölkerung dennoch als gering ein. Damit folgt sie der Einschätzung von Socatri. Das Unternehmen stuft das Ereignis auf der INES-Messskala für atomare Vorfälle mit 1 ein. Die Skala reicht von 0 bis sieben. Greenpeace hält mindestens die Stufe drei für gerechtfertigt.

Ersten Angaben zufolge sollten 30.000 Liter Flüssigkeit (30 Kubikmeter) mit einem Urangehalt von zwölf Gramm pro Liter ausgetreten sein. Das entspräche 360 Kilogramm Uran. Inzwischen hat Socatri diese Angabe nach unten korrigiert, weil nicht die gesamte Menge in die Umwelt gelangt ist. Ein Teil verblieb auf dem Firmengelände.

Der Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital warnt die französische Atombehörde davor, den Fall herunterzuspielen: Auch wenn weniger als 360 Kilogramm Uran in die Umwelt gelangt sind, stellt dies eine Gefahr für die Gesundheit der Anwohner dar.

Für Smital zeigt der Fall Tricastin wieder einmal, wie unsicher die gesamte Atomtechnologie ist. Atomkraft wird niemals eine sichere und saubere Energie sein. Die Gefahren gehen nicht nur von den AKW aus. Auch beim Abbau und der Verarbeitung, bei Transport und Lagerung kann es zu Unfällen kommen. Die Atomkraft ist ein unkalkulierbares Risiko für uns und die kommenden Generationen.

Am Standort Tricastin konzentrieren sich etliche Atomanlagen unterschiedlicher Funktion. Auf dem riesigen, mit Stacheldraht gesicherten Gelände stehen neben einem AKW mit vier Reaktoren auch die Urananreicherungsanlage Eurodif und eine Uranumwandlungsanlage. Und die Dekontaminierungsanlage, aus der die radioaktive Flüssigkeit auslief. Die Betreiberfirma Socatri ist eine Tochter des Atomkonzerns Areva.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Mehr zum Thema

Es ist zwei vor Zwölf

Die UN wollen Atomwaffen verbieten, der Vertrag wird gerade ratifiziert. Nur: die Atommächte machen nicht mit. Ein Interview mit Greenpeace-Experte Heinz Smital und Alexander Lurz.

Sicherheit ist gutes Recht

Frankreichs AKW haben ernste Sicherheitsmängel; darauf machten Greenpeace-Aktivisten mit friedlichem Protest aufmerksam. Ein AKW-Betreiber zog vor Gericht – mit mäßigem Erfolg.

Schlechter Gewinner

Frankreichs Präsident Macron wird für seine Vision Europas mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Doch sein Beharren auf Atomkraft verdient keine Würdigung, sagen Greenpeace-Aktivisten.