Protestaktion in Tricastin

Atomausstieg selbermachen

50 Greenpeace-Aktivistinnen und -Aktivisten protestierten heute an einem Atomkraftwerk in Frankreich gegen die hochriskanten Laufzeitverlängerungen überalterter Anlagen.

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Greenpeace-Aktivistinnen und Aktivisten begannen heute Morgen symbolisch mit dem Rückbau von Tricastin: Mit Baumaschinen, Schubkarren und riesigen Schaumstoffhämmern rückten sie dem überalterten Atomkraftwerk im Südosten Frankreichs zu Leibe. Auf dem Gelände entfalteten sie ein 22 Meter breites Transparent mit der Aufschrift „Abgelaufenes Kraftwerk“, das auf einen der risikoträchtigen Reaktoren zeigt. Das Gebäude, in dem sich die Lagerbecken für abgebrannte Brennstäbe befinden, wurde mit der Aufschrift „Stilllegung läuft“ versehen.

In diesem Jahr wird Tricastin mehr als vier Jahrzehnte in Betrieb sein. „40 Jahre ist die maximale Betriebszeit, für die die französischen Reaktoren ausgelegt und getestet wurden. Darüber hinaus sind die Folgen der Alterung der Kernkraftwerke unvorhersehbar“, sagt Heinz Smital, Greenpeace-Experte für Atomenergie. „2020 wird Tricastin sein Verfallsdatum überschreiten: Um die Sicherheit der Anwohner zu gewährleisten, muss es so schnell wie möglich geschlossen werden.“

Abschaltung in Fessenheim

Ein nahe an Deutschland gelegenes Atomkraftwerk wird aus eben diesem Grund teilweise in den Ruhestand versetzt: Der erste Reaktor des Kernkraftwerks Fessenheim, wenige Kilometer von Freiburg entfernt, wird morgen nach 43 Jahren Betrieb endgültig abgeschaltet.

Auch für das Atomkraftwerk Tricastin ist es höchste Zeit. Die Anlage hat etliche Mängel und muss dringend vom Netz. Dafür gibt es mehrere schwerwiegende Gründe:

  • Der Reaktordruckbehälter des ersten Reaktors in Tricastin ist der mit der stärksten Rissbildung von allen französischen Atomkraftwerken.
  • Das Kraftwerk wurde in einer erdbebengefährdeten Zone gebaut. Der Deich, der es vor Überschwemmungen schützt, ist brüchig und würde im Ernstfall keinen ausreichenden Schutz bieten.
  • Bereits mehrfach sind radioaktive Elemente ausgetreten und haben das Grundwasser der Region verseucht.

Die Betreiberfirma EDF ignoriert auf skandalöse Art und Weise die Umweltrisiken, die das Kraftwerk nach Ablauf seiner maximalen Laufzeit darstellt. Stattdessen versucht EDF, die Lebensdauer von Tricastin noch um mindestens zehn Jahre zu verlängern, indem sie kostspielige, aber unzureichende Arbeiten durchführt. "In der Kernkraft kann man aus etwas Altem nichts Neues machen. Es ist praktisch unmöglich, aktuelle Sicherheits- und Sicherungsstandards in einem alten Kraftwerk wie Tricastin herzustellen“, sagt Smital. „Die Lebensdauer nahezu aller französischen Kernreaktoren um jeden Preis verlängern zu wollen, ist eine riskante, gefährliche und teure Entscheidung von EDF und der französischen Regierung.“

Bis 2025 werden fast zwei Drittel der französischen Kernreaktoren 40 Jahre in Betrieb sein. Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Grünen im Europäischen Parlament offenbart die Mängel der Atomkraftwerke in Frankreich. Greenpeace fordert einen genauen Zeitplan für die Schließung aller Atomreaktoren, um einen sozialverträglichen und wirtschaftlichen Wandel in der Region zu ermöglichen. Gleichzeitig ist es dringend notwendig, in erneuerbare Energien zu investieren, um die abgeschalteten Anlagen schrittweise zu ersetzen.

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