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Interview mit Hindi Kiflai, Initiatorin des Secondhand-Mode-Projekts Daily Rewind

„Auf Schatzsuche gehen“

Es muss nicht immer neu sein. Dass gebrauchte Mode Spaß und Vielfalt bedeutet, beweist Hindi Kiflai mit ihrem Projekt Daily Rewind – und im Interview.

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Jeden Tag ein neues Outfit, 365 Tage lang: Das hat sich Hindi Kiflai zur Aufgabe gemacht. Neu kommt der Journalistin dabei allerdings nicht in die Tüte – sie kauft ausschließlich Secondhand. Auf ihrer Website Daily Rewind zeigt sie, welche vielfältigen Möglichkeiten gebrauchte Mode liefert. Und sie stellt täglich ein neues Styling vor – Secondhand, selbstverständlich.

Im Interview erklärt sie, wie man die besten Teile erstöbert. Und warum man Kleidung lieber ein zweites Mode-Dasein verschaffen sollte, als sie im Schrank vermotten zu lassen.

Greenpeace: Was ist für dich das Tolle an Secondhand?

Hindi Kiflai: Ich liebe Secondhand-Mode. Es macht mir total Spaß, auf Schatzsuche zu gehen; meist finde ich tolle Teile. Ich stöbere gern in Secondhand-Läden und habe mit Oxfam einen tollen Partner. Deren Shops gibt es ja in vielen deutschen Großstädten. Ich habe einfach Lust auf das Mixen der verschiedenen Stile.

Wen willst du mit deinem Projekt erreichen?

Am liebsten alle Menschen, die sich gern mit Mode befassen, die sich gern modisch kleiden – die Leute, die Spaß an schönen Klamotten haben. Leute, die viel unterwegs sind und sich jedesmal cool anziehen wollen. Ich will all denen zeigen, dass es möglich ist, sich nachhaltig zu kleiden ohne weniger stylisch oder cool zu sein oder ein Vermögen auszugeben.

Wie bist du auf dein Projekt Daily Rewind gekommen?

Ich habe mich eines Nachts ertappt, wie ich schon wieder etwas online bei einem Shopping-Portal kaufte, die x-te Jeans. Vermeintlich brauchte ich die ganz dringend, und sie war ganz günstig. Da habe ich mich vor mir selbst erschrocken und festgestellt: Ich falle wieder und wieder auf diese „Das-brauchst-du-jetzt-unbedingt“-Marketing- und Werbestrategie rein.

Darauf hatte ich keine Lust mehr. Ich wollte testen wie es so ist, nur in Secondhand-Mode gekleidet zu sein. Bei meinen Recherchen war mir vor allem Kirsten Brodde von Greenpeace (ihr Blog heißt Grüne Mode, die Red.) eine riesen Hilfe. Ihr Wissen und ihre Zahlen zu dem Thema haben mich einfach umgehauen. 40 Prozent der Kleidung, die in unseren Schränken hängt und liegt, tragen wir nicht.

Warum ausgerechnet Secondhand?

Nach dem Einsturz der Kleidungsfabrik Rana Plaza in Bangladesch gab es viele Berichte, in denen auch die Konsumentinnen als Verantwortliche ausgemacht wurden. Meist mit dem Unterton, die Frauen sollten doch gefälligst auf nachhaltige Mode umsteigen und sich von Fast Fashion verabschieden. Ich mochte diesen Unterton nicht. Denn es gibt Menschen, für die ist Fast Fashion der einzige Zugang zu Mode. Außerdem gibt es die vielen jungen Leute, die viel unterwegs sind und bei jedem Mal Ausgehen gut aussehen wollen.

Doch wie die Zahlen der letzten Greenpeace Studie belegen, kennen die meisten jungen Leute keine nachhaltigen Labels, halten nachhaltige Mode für uncool und teuer. Ich möchte diesen Menschen zeigen: Secondhand-Mode ist nachhaltig, muss nicht teuer sein und ist mindestens genauso cool und stylisch wie fabrikneues Zeug. 

Würdest du selbst manchmal gern einfach in die Filiale eines Fast-Fashion-Anbieters gehen und dir zwei, drei Röcke kaufen?

Nein, ich lasse mich von den Fast-Fashion-Läden zwar inspirieren, aber ich habe schon vor über einem Jahr aufgehört, dort einzukaufen. Ich glaube, meine letzten Teile waren so funktionale Sachen wie eine Hose zum Joggen und vielleicht noch ein Sport-BH.

Dein Projekt läuft jetzt seit einigen Monaten. Hat sich deine Einstellung zu Secondhand-Mode in dieser Zeit geändert?

Ich bin noch faszinierter von Secondhand. Gleichzeitig bin ich aber auch erschrocken, in was für einem Überfluss wir leben. Es gibt so unfassbar viele Klamotten in den Secondhand-Läden. Es wird so viel entsorgt, und gleichzeitig locken täglich die üblichen Verdächtigen mit neuen Trends. Und alle rennen wieder hin und kaufen die engen Röcke, die kurzen Jacken, die Schlaghosen. Ich merke, dass ich mich auch ohne die Fast-Fashion-Tempel so stylen kann.

Wie waren bisher die Rückmeldungen auf Daily Rewind?

Die meisten Reaktionen sind positiv. Der Satz, den ich am häufigsten höre, ist: Das ist aber jetzt nicht Secondhand! Es gibt aber auch die Nachhaltigkeits-Spezialisten, die mir erklären, dass sie schon lange nur Secondhand tragen – das sei gar keine Kunst. Natürlich ist das keine Kunst. Sich täglich zu fotografieren, mit den Secondhand-Klamotten inspirieren zu wollen und sich an ein großes Publikum zu richten, das ist dann doch eine andere Hausnummer, finde ich.

Es gibt auch noch den Vorwurf, dass ich Konsum und Klamotten verherrliche. Ich sehe das anders: Gerade mit der Vielfalt, die ich zeige, beweise ich, was Secondhand-Mode alles zu bieten hat. Es ist nämlich egal, welchen Kleidungsstil frau trägt – in der Regel gibt es den auch Secondhand. Ganz gleich ob man die Bürolady ist, Hipster mäßig unterwegs oder einfach nur Jeans und T-Shirt trägt. Alles möglich.

Wie geht es weiter, wenn dein Projekt nach 365 Tagen zu Ende ist?

Ich weiß nicht wie es nach dem Selbstversuch weitergeht; das jetzt ist ja eine Ausnahmesituation. Ich bin einmal die Woche in einem Oxfam-Shop – ich war noch nie so viel shoppen wie jetzt. Deshalb gönne ich mir anschließend vielleicht erst mal eine Pause vom Klamotten kaufen.

Was wünschst du dir für Daily Rewind?

Ich fände es cool, wenn MTV oder die Glamour über mein Projekt berichten würden. Damit könnte ich nämlich noch mehr Menschen erreichen, die sich noch gar keinen Kopf um Alternativen zu Fast Fashion gemacht haben. Wie cool wäre es, wenn die angesagten Modeblogs wie Journelles oder Les Mads ihre Leserinnen noch mehr auf Secondhand-Mode aufmerksam machen würden? Kurz gesagt: Ich möchte noch mehr Leute inspirieren ihren Klamotten-Konsum zu überdenken und zumindest auf Secondhand-Mode umzusteigen.

Das Interview führte Nunu Kaller von Greenpeace Österreich.

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