Greenpeace-Probenahmen nach Explosion in Leverkusen

Auf den zweiten Blick

Welchen Schadstoffen ist die Bevölkerung nach der Explosion in Leverkusen ausgesetzt? Nach Greenpeace-Analysen kommt die Entwarnung durch das Landesumweltamt verfrüht.

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Die schwarze Rauchwolke über Leverkusen beherrschte nicht nur in Nordrhein-Westfalen tagelang die Berichterstattung. Bei der Explosion in einer Müllverbrennungsanlage im Chempark nahe der Stadt starben sechs Menschen, 31 Beschäftigte wurden zum Teil schwer verletzt. Eine vermisste Person konnte zehn Tage nach dem Unglück noch nicht geborgen werden.

Am 27. Juli gerieten im Entsorgungszentrum der Firma Currenta drei Tanks in Brand, gegen 9:40 Uhr kam es zu der Explosion, die bis nach Köln zu hören war. Nach offiziellen Angaben befanden sich in den Tanks chlorierte und nicht-chlorierte Lösungsmittel; was genau in den Tanks verbrannte, wurde der Öffentlichkeit bislang nicht zugänglich gemacht. Weder die Betreiberfirma Currenta noch die zuständige Bezirksregierung Köln haben Greenpeace auf Nachfrage dazu Auskunft erteilt – sie verweisen auf laufende staatsanwaltliche Ermittlungen. 

So kann allerdings nicht letztgültig geklärt werden, wie gesundheitsbelastend der Niederschlag nach dem Unfall für die Bevölkerung tatsächlich war. Greenpeace-Mitarbeiter:innen haben am 28., 29. und 30. Juli eigene Wischproben und Proben größerer Rußpartikel genommen. Die Ergebnisse zeichnen ein differenzierteres Bild als die Analysen des Landesumweltamtes in NRW.

Höhere Dioxinbelastung gemessen als vom Umweltamt

Greenpeace hat in Stichproben von Brandrückständen nach der Explosion in Leverkusen teilweise höhere Dioxinkonzentrationen gefunden als in den vom LANUV veröffentlichten Messergebnissen. Wischproben, die Greenpeace einen Tag nach dem Chemieunfall im Stadtteil Bürrig genommen hat, weisen keine Auffälligkeiten auf. In Proben von größeren Rußpartikeln fanden sich aber teilweise Spuren krebserregender Stoffe, darunter polychlorierte Dibenzodioxine und -furane (PCDD/F), Polychlorierte Biphenyle (PCB) und Dioxin-ähnliche PCB. 

Das Landesamt hatte am Donnerstag Entwarnung für die Anwohner:innen rund um den Chempark gegeben, da es keine relevanten Schadstoffwerte in ihren Proben gefunden habe. “Die Entwarnung kommt zu früh”, sagt Manfred Santen, Greenpeace-Experte für Chemie. “Unsere Ergebnisse geben Anlass zu weiteren systematischen Untersuchungen, die Stadt muss die Rückstände flächendeckend und systematisch untersuchen. Die Menschen in den benachbarten Stadtteilen brauchen klare Anweisungen, wie sie mit stark verrußten Rückständen auf ihren Grundstücken umgehen sollen.” Kinder sollten damit auf keinen Fall damit in Berührung kommen – als Verursacher hat Currenta dafür Sorge zu tragen.

Anders als das LANUV, dessen Entscheidung auf lediglich drei Stichproben basiert, hat das Team von Greenpeace insgesamt 20 Proben rund um den Unglücksort gesammelt oder von Anwohner:innen erhalten. Zunächst wurden die Proben von einem auf Dioxine spezialisierten Labor analysiert. Die Messergebnisse werden nun in einem zweiten Labor überprüft. Ergebnisse eines breiteren Screenings auf weitere Schadstoffe erwartet Greenpeace Anfang der kommenden Woche.

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Update vom 11. August 2021, 18 Uhr:

Erst 15 Tage nach der Explosion in der Müllverbrennungsanlage hat die Betreiberfirma Currenta veröffentlicht, welche Stoffe in den Tanks lagerten, die am 27.7.2021 bei dem Unfall zerstört wurden. Die späte Informationspolitik von Currenta führt zu erheblichem Mehraufwand und Kosten für die Untersuchungslabore, denn erst jetzt kann gezielt nach einzelnen Schadstoffen gesucht werden. 

In den Tanks der Müllverbrennungsanlage wurden teils hoch toxische Substanzen wie 2,3-Dichloranilin und Chlorbenzol sowie chlorhaltige aromatische Amine gelagert. Einige dieser Stoffe wurden in den Tanks mit einer Reihe anderer Chemikalien und Lösungsmitteln gemischt. Die Rauchwolke zog einige Stunden lang über die Stadtteile wie Bürrig, Opladen und Lützenkirchen und war auch weiter entfernt noch deutlich wahrnehmbar. Sie enthielt nicht nur saure Rauchgase sondern mit höchster Wahrscheinlichkeit auch eine Reihe giftiger Verbindungen. Die Gefährdung bestand aufgrund der frei gesetzten Tankinhalte und möglicher Reaktionen der Stoffe untereinander in der Rauchwolke.

Nach wie vor finden sich Brandrückstände und Rußpartikel in Gärten und auf Freiflächen, die hochchlorierte Diebenzodioxine und -furane enthalten können. Die Anwohner:innen von Bürrig und benachbarten betroffenen Stadtteilen dürfen mit dem Problem nicht allein gelassen werden. Currenta und die zuständigen Behörden stehen in der Verantwortung, diese Gebiete systematisch und fachgerecht zu reinigen.

Die nun veröffentlichte Liste wirft die grundsätzliche Frage auf, ob solche Schadstoff-Cocktails in diesen großen Mengen in der Nähe von Wohngebieten gelagert werden sollten. Außerdem bedarf es bestmöglicher Sicherheitskonzepte, die  Explosionen und Brände bei der Lagerung dieser Stoffe in Zukunft verhindern. 

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