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Pannenreaktor Krümmel: Geschlossen wegen Unzuverlässigkeit

Update: Greenpeace-Aktivisten haben auch die Nacht am Einfahrtstor zum AKW Krümmel verbracht. Die Aktivisten hatten das Tor am Montagvormittag verriegelt, um auf die Unzuverlässigkeit des Betreibers Vattenfall aufmerksam zu machen.

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6. Juli 2009 - Greenpeace-Aktivisten verriegeln das Einfahrtstor zum Pannenreaktor Krümmel bei Hamburg. Sie fordern von der Atomaufsicht, dem Betreiber Vattenfall wegen Unzuverlässigkeit die Lizenz zu entziehen. Offenbar ist der Reaktor nur haarscharf an einem Trafobrand vorbeigeschrammt. Ein von Vattenfall vorgelegtes Foto zeigt, wie Öl aus zwei Lecks über eine zu drei Vierteln schwarze, offenbar verschmorte Seitenwand des Maschinentransformators rinnt.

Die Panne am 4. Juli hatte zur Schnellabschaltung geführt. Sie war die dritte innerhalb von zwei Wochen - und offenbar schwerwiegend: Wieder ein Kurzschluss im Trafo und Desinformationspolitik statt Aufklärung, sagt Mathias Edler, Atomexperte von Greenpeace. Die Parallelen zum Trafobrand im Jahr 2007 sind offensichtlich.

Für den Kurzschluss im Jahr 2007 wurde die Ursache nie gefunden. Dennoch ging der Reaktor mit Genehmigung der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht am 19. Juni 2009 wieder ans Netz. Wenige Tage später fiel zuerst eine elektronische Baugruppe aus. Dann kam es zu einer Reaktorschnellabschaltung angeblich durch einen von Hand falsch gestellten Ventilhebel. Anstatt das AKW abzuschalten und die Ursachen zu klären, fuhr Vattenfall den Reaktor mit halber Leistung weiter.

Der Versuch, am vergangenen Samstag wieder in den Volllastbetrieb zu gehen, führte durch einen Kurzschluss im Maschinentransformator zu einer erneuten Reaktorschnellabschaltung. Die Atomaufsicht erfuhr davon jedoch zuerst durch die Polizei, statt durch Vattenfall - ein klarer Verstoß gegen die Bestimmungen für Störfälle.

Was Vattenfall hier veranstaltet, ist grob fahrlässig. Die Atomaufsicht in Kiel kann gar nicht anders, als dem Konzern die Lizenz zum Betreiben von AKW zu entziehen, sagt Edler. Jede andere Entscheidung wäre ein Skandal. Die Atomaufsicht hatte nach dem zweiten von drei Störfällen noch erklärt, sie sehe keine rechtliche Handhabe, den Reaktor vom Netz zu nehmen.

Jetzt aber will die Landesregierung erneut die Zuverlässigkeit des AKW-Betreibers Vattenfall prüfen lassen. Das ließ Ministerin Gitta Trauernicht (SPD), Chefin der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht, verlauten. Anlass ist neben der Pannenserie auch die miserable Informationspolitik von Vattenfall.

Es ist dringend geboten, gegenüber Vattenfall konsequent aufzutreten und für Krümmel die Betreiberlizenz endgültig zu entziehen. Seit Jahren agieren die Länderaufsichtsbehörden zunehmend zögerlich gegenüber AKW-Betreibern, kritisiert Edler. Die Länder scheinen Schadenersatzforderungen der Konzerne mehr zu fürchten als die Folgen von Atomunfällen für die Bevölkerung.

Bis es so weit ist, setzen die Aktivisten auf Selbsthilfe: Das Tor zum Pannenreaktor ist mit Eisenketten verriegelt, ein eisernes Schild besagt Geschlossen wegen Unzuverlässigkeit.

In unserem Weblog Am Reaktor halten wir Sie über die Aktion auf dem Laufenden.

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