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IAEO verharmlost Katastrophe in Fukushima

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO) spielt in empörender Weise herunter, was in Fukushima passiert. So verheimlicht sie bisher eine Wasserstoffexplosion, die sich nach Greenpeace-Recherchen in der vergangenen Woche im Abklingbecken von Reaktor 4 ereignet hat.

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Die Information über die Explosion findet sich in einem Dokument des Japan Atomic Industrial Forum (JAIF). JAIF repräsentiert alle japanischen Atomunternehmen. Das Forum veröffentlicht regelmäßig und mehrmals täglich den aktuellen Status der Anlage in Fukushima. Am 18. März ist dort für 16:00 Uhr vermerkt, dass sich Wasserstoff gebildet hatte. Im Statusbericht für 22:00 Uhr ist eine Wasserstoffexplosion angegeben. JAIF meldete das Ereignis als sehr ernst an die IAEO.

Die Informationspolitik der internationalen Atomenergiebehörde ist skandalös, sagt Greenpeace-Atomexperte Heinz Smital. Eine Wasserstoffexplosion in einem Brennelementelagerbecken muss veröffentlicht werden. Bei jeder Explosion wird Radioaktivität freigesetzt, die Atomanlagen werden weiter zerstört. So ein gravierendes Ereignis darf nicht verheimlicht werden. Die Behörde versucht gegenwärtig, die Nachrichtenlage schönzureden, obwohl immer noch vier Reaktoren außer Kontrolle sind.

Greenpeace fordert die Verantwortlichen in der UN-Behörde auf, vollständig und rückhaltlos über den Zustand der Reaktoren zu berichten.

Atomenergiebehörde manipuliert Reaktorstatusmeldung

Die IAEO in Wien erhält vom japanischen Atomindustrie-Forum dreimal täglich einen Statusbericht über die Situation in Fukushima. Dieser beinhaltet eine Tabelle, die den aktuellen Status der Reaktoren erklärt. Rot bedeutet hohe Sicherheitsrelevanz, Gelb steht für mittlere Sicherheitsrelevanz, Grün für einen stabilen sicheren Status.

Die IAEO änderte den Vorfall von vergangener Woche von Rot auf Gelb. In den Originaltabellen sprechen die Japaner von unmittelbarer Bedrohung (immediate threat). Die UN-Behörde formuliert dies um in: Behörden nach wie vor besorgt (authorities remain concerned). Die IAEO steht außerdem in der Kritik, weil sie zu spät und zögerlich auf die Reaktorkatastrophe in Japan reagiert hat.

IAEO: Verharmlosung wie beim Super-GAU in Tschernobyl

Schon nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl vor 25 Jahren ist die IAEO durch ihre Verharmlosungsversuche unangenehm aufgefallen. Jahrelang sprach sie lediglich von 32 Todesopfern in Folge des Super-GAU. In einer überarbeiteten Schätzung gemeinsam mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2004 wurde die Zahl auf 4000 Todesopfer erhöht.

Wissenschaftler und Organisationen auf der ganzen Welt kritisierten diesen gemeinsamen Bericht von IAEA und WHO. Die WHO-Wissenschaftler rechtfertigten sich damals damit, dass es sich bei dem Bericht um ein politisches Kommunikationswerkzeug handelt ... Wissenschaftlich wäre es nicht die beste Annäherung gewesen. In der Folgezeit wurden zahlreiche wissenschaftliche Berichte veröffentlicht, die die endgültige Zahl der Todesopfer von Tschernobyl auf mindestens einige zehntausend bezifferten.

Die ehrgeizigen Pläne der IAEO für eine Renaissance der Atomenergie verdampfen seit der Atomkatastrophe in Fukushima, so Smital. Die IAEO will die Atomenergie weltweit fördern und opfert dafür wissenschaftliche Seriosität.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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