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Atommüll in Russland: Diese Behälter rosten vor sich hin

Wohin mit dem Atommüll? Das ist die Frage, die sich seit Beginn der Atomenergie stellt. Die Entsorgungspraktiken der europäischen Atomkonzerne sind dabei oft haarsträubend, denn das Problem wird einfach ins Ausland „verkauft“. Auch die deutschen Konzerne RWE und E.ON haben ihren Atommüll in Form von abgereichertem Uranhexafluorid (UF6) jahrelang aus Gronau nach Russland geschafft und dort abgeladen. Im Interview berichtet Vladimir Tchouprov, Energie-Experte von Greenpeace Russland über die skandalösen Praktiken der europäischen Atomindustrie und die Konsequenzen für Mensch und Natur.

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Online-Redaktion: Aus welchen europäischen Ländern kommt Atommüll nach Russland? Was passiert mit dem Müll aus Deutschland?

Vladimir Tchouprov: Das abgereicherte UF6 kommt aus Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Neben dem Unternehmen Urenco, das die Anreicherungsanlage in Gronau betreibt, sind noch andere Firmen an den UF6-Exporten beteiligt: Internexco, eine deutsche Tochterfirma der russischen Tenex AG, GKN und das französische Unternehmen Cogema. Aus Gronau kommen jedes Jahr etwa 2.000 Tonen abgereichertes Uranhexafluorid nach Russland. In Sewersk wird hauptsächlich französischer Atommüll verarbeitet und gelagert. Deutscher Müll geht vor allem an das Elektrochemische Kombinat in Novouralsk - vormals Swerdlowsk-44, eine weitere Anlage zur Anreicherung.

Online-Redaktion: Wie viel Atommüll kommt in Sewersk an und wie viel wird wieder zurückgeschickt?

Vladimir Tchouprov: Von den 20.000 Tonnen Atommüll in Sewersk, die aus französischer Wiederaufarbeitung kommen, werden etwa 1.000 Tonnen erneut angereichert und gehen zurück nach Frankreich. Weitere 1.000 Tonnen werden in Russland genutzt. Der Rest - also zwischen 85 und 90 Prozent - bleibt in Russland. Dieser Teil kann nicht weiter angereichert werden. Die russische Atombehörde Rosatom behauptet, dass es in den nächsten Jahrzehnten in sogenannten schnellen Brütern verwendet wird. Aber das ist illusorisch. Diese unwirtschaftliche und fehlerhafte Technologie kann nichts dazu beitragen, das Problem zu lösen.

Online-Redaktion: Wie wird der Atommüll aufbewahrt?

Vladimir Tchouprov: Die Container, in denen das UF6 gelagert ist, werden unter freiem Himmel in Stahlbehältern aufbewahrt. Diese Behälter rosten vor sich hin. Dieses Problem gibt es übrigens nicht nur in Russland. Alle Länder die Urananreicherung betreiben, sind damit konfrontiert. Frankreich hat zwar ein Verfahren entwickelt, mit dessen Hilfe sich UF6 in weniger gefährliches Uranoxid umwandeln lässt, die Defluorination, aber das Verfahren ist sehr teuer. Den Müll in Russland abzuladen, ist viel billiger. Hinzu kommt, dass Rosatom die europäischen Länder für die Mülllieferungen wie für Wertstoffe bezahlt.

Online-Redaktion: Und was halten die Menschen in Sewersk von den Atommülltransporten?

Vladimir Tchouprov: Eine große Mehrheit der Menschen in Sewersk ist gegen den Handel mit Atommüll. Das gilt auch für andere russische Städte: In Angarsk, wo ebenfalls abgereichertes Uran gelagert wird, ist 2007 ein Aktivist während eines friedlichen Protestcamps getötet worden. Daran zeigt sich, wie groß der Widerstand ist.

Online-Redaktion: Wird die Gesundheit der Bevölkerung in Sewersk gefährdet?

Vladimir Tchouprov: Ja, Gefahren ergeben sich vor allem aus der möglichen Beschädigung der Container. Nach einem Unfall könnte eine Evakuierung der Stadt notwendig werden. Man muss sich klarmachen, dass die Züge mit den UF6-Containern ohne die erforderlichen Schutzmaßnahmen durch Tomsk und Sewersk rollen.

Online-Redaktion: Warum schreitet die russische Regierung da nicht ein?

Vladimir Tchouprov: Rosatom hat großes Interesse an den Mülllieferungen. Schließlich können sie noch etwas angereichertes Uran rausquetschen. Außerdem lässt sich Rosatom von Urenco und anderen den Anreicherungsservice kräftig entlohnen. Doch dieses profitorientierte Handeln ist extrem kurzsichtig. Schließlich muss Russland mit den Problemen der Entsorgung von 100.000 Tonnen von abgereichertem UF6 aus der EU fertig werden.

Online-Redaktion: Wer verdient an den Exporten?

Vladimir Tchouprov: Vor allem die russische Firma Techsnabexport, die als Zwischenhändler fungiert. Techsnabexport hat rund 1,7 Milliarden Euro mit der Anreicherung von Uran verdient. Ein Teil dieses Geldes wird dazu verwendet, russische Anreicherungsanlagen zu bezahlen. Urenco und die anderen Firmen möchten die Kosten vermeiden, die eine Entsorgung von Uranhexafluorid mit sich bringen würde. Wir gehen davon aus, dass eine Defluorination mit anschließender Einlagerung Russland in den nächsten Jahrzehnten zwei Milliarden kosten würde.

Vladimir Tchouprov unterstütze 2009 ein Filmteam von ARTE bei der Recherche für den Dokumentarfilm Albtraum Atomkraft. Die schockierenden Enthüllungen über die Entsorgungspraktiken der europäischen Atomindustrie in Russland sorgten für große Empörung bei den Zuschauern. Hier finden Sie den Film Albtraum Atommüll

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