Fragen & Antworten zur Robbenjagd in Kanada

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1. Wie steht Greenpeace zur kommerziellen Robbenjagd?

Greenpeace lehnt jegliche kommerzielle Jagd auf Robben strikt ab. Es gibt aus unserer Sicht kein Argument und keinerlei Rechtfertigung für diese alljährlich wiederkehrende grausame Massentötung auf den Eisflächen vor der Ostküste Kanadas (im Gebiet des Golf von St. Lorenz sowie vor Neufundland). Greenpeace ist darüber hinaus generell gegen die kommerzielle Jagd aller Meeressäugetiere.

2. Ist Greenpeace gegen die Robbenjagd der Ureinwohner?

Nein, wir unterscheiden zwischen dem kommerziellen, profitorientierten Töten und der Jagd zum Lebensunterhalt durch Indigene, bei der nur so viel gejagt wird, wie zum Leben nötig ist. Der Protest von Greenpeace richtet sich also nicht gegen die traditionelle Jagd der Indigenen zur Deckung des Eigenbedarfs, sondern gegen die Pelzjagd, bei der die Robben ausschließlich ihres Fells wegen getötet werden. Bei der sogenannten Subsistenzjagd nutzt die lokale Bevölkerung das  Fleisch und im Fall der Robbenjagd die Felle sowie weiteren Produkte zur Existenzsicherung. Greenpeace erkennt dieses Recht der Indigenen in der Arktis zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen an, sofern keine vom Aussterben betroffenen Bestände gejagt werden oder das Ökosystem zerstört wird. Dieses galt bereits während der Greenpeace-Kampagnen gegen die kommerzielle Robbenjagd in Kanada zwischen 1976 und 1983.

Unabhängig von der kommerziellen Massentötung dürfen die Ureinwohner u.a. in Kanada, die Inuit, einige tausend Robben für den eigenen Bedarf erlegen. Diese Jagd wird auch in der EU-Verordnung (EG Nr.1007/2009 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 16. September 2009 über den Handel mit Robbenerzeugnissen) gesondert bewertet. Es gibt auch keine Überschneidung der Inuit-Jagd mit der Massentötung – die Inuit jagen in ganz anderen Gebieten (z.B. im Bereich Hudson Bay) in Nordkanada.

3. Wie viele Robben werden gejagt?

Die kanadische Regierung hat im Jahr 2015 400.000 Sattelrobben zur Jagd freigegeben. In den letzten Jahren ist die Zahl der getöteten Tiere jedoch zurückgegangen. Laut IFAW-Bericht wurden 2014 knapp 60.000 Tiere getötet, 2013 waren es fast 100.000. In diesem Zusammenhang ist auch die Zahl der Robbenjäger gesunken. 2014 waren es noch keine 400 mehr. Zum Vergleich: 2006 gab es noch über 5.500.

Die Jagdquoten werden von der kanadischen Regierung – wenn überhaupt – kurz vor der Jagd oder erst während dessen bekannt gegeben. Es kann aber auch vorkommen, dass die Informationen erst nach der Jagd veröffentlicht werden. Es ist unverantwortlich von der kanadischen Regierung, das geschäftsmäßige Töten von fast einer halben Million Jungtiere zu erlauben.

Die Situation des Eises im Golf von St. Lorenz ist sehr kritisch für die Robben: Sie gebären dort im Frühjahr ihre Jungtiere, aber abhängig von der Höhe der Temperatur und damit der Stabilität des Eises besteht die Gefahr, dass unzählige Jungtiere nach der Geburt ertrinken. Dies ist dann - zusätzlich zur Jagd - ein weiterer großer Verlust für den Robbenbestand.

Die für Jagdquoten zuständigen kanadischen Wissenschaftler rechnen bislang diese Bedrohungen für die Robben nicht mit ein. Es gibt also von dieser Seite aus keine verlässlichen wissenschaftlichen Daten zur Gesundheit der Bestände oder zu den Auswirkungen externer Einflüsse wie des Klimawandels. Die globale Erwärmung wird aber einen deutlichen Einfluss haben.

Die Robben fürchten sich bei der Jagd meist nicht vor den Menschen. Dieser Umstand ermöglicht es den Jägern, so nah an die Tiere heranzukommen, dass sie diese erschlagen können. Dafür benutzen sie Hakapiks - Schlagstöcke, die mit Haken versehen sind. Die Schläge sind häufig nicht tödlich.

Nach Untersuchungen  des Internationalen Tierschutzbundes International Fund for Animal Welfare (IFAW) wurden mehr als 30 Prozent der Tiere nur betäubt - und somit lebend gehäutet. Zwar sollen 90 Prozent der Robben inzwischen erschossen werden, aber viele Tiere sterben immer noch auf diese grausame Weise.

4. Von wem geht das Robbenschlachten aus?

Die kanadische Regierung, speziell das Fischereiministerium (Department of Fisheries and Oceans - DFO), ist für die Jagd und die Vergabe der Quoten verantwortlich. Aufgrund der zunehmenden Proteste auch in Kanada werden die Quoten nur noch sehr kurzfristig vor Jagdbeginn bekannt gegeben. Diese Robbenjagd ist das Ergebnis einer starken kanadischen Fischerei-Lobby: sie hat es geschafft, dass die Regierung die Geschichte von den Robben verbreitet, die den Menschen den Fisch wegfressen - eine politische Entscheidung ohne Berücksichtigung der wissenschaftlichen Erkenntnisse.

5. Fressen Robben zu viel Fisch?

Nein. Robben und Fische leben von Natur aus seit Jahrmillionen in einem Gleichgewicht. Robben ernähren sich von einer großen Bandbreite von Meerestieren. Der vom Menschen genutzte Kabeljau macht dabei nur etwa ein bis drei Prozent im Nahrungsspektrum aus. Unter den Beutetieren von Sattelrobben etwa sind auch Tintenfische - und deren bevorzugte Beute ist junger Kabeljau. Weniger Robben heißt also auch: mehr Tintenfische.

Die Bestände von Kabeljau und anderen Fischarten sind durch die systematische Überfischung durch kanadische und auch durch EU-Fischereiflotten seit 1992 zusammen gebrochen. Mehr als 30.000 Fischer an der kanadischen und amerikanischen Ostküste wurden arbeitslos. Zuvor war zwischen 1986 und 1992 die erlaubte Fischereiquote bis zum 16-Fachen überschritten worden. Die kanadische Regierung hätte schon frühzeitig die Fischerei nachhaltig regeln müssen.

6. Brauchen die Fischer die Robbenjagd zum Überleben?

Als das Argument, die Robben seien eine Bedrohung für die Fische, nicht mehr zu halten war, behauptete die kanadische Regierung, die Robbenjagd sei erforderlich, um den Fischern zusätzliche Einkünfte zu ermöglichen und die Ökonomie der Region zu stärken.

Aber in der strukturschwachen Region in Ostkanada, wo die Robbenjagd stattfindet, entstehen durch die Jagd nur saisonale Jobs. Die Produkte aus Sattelrobben umfassen Pelze, Öle und Fleisch. Die Märkte für Robbenfett und -fleisch sind jedoch verschwindend gering. Das Fleisch wird auch in Pelztierfarmen (z.B. an Nerz und Mink) verfüttert. Oft nehmen die Jäger das Fleisch jedoch nicht mit, da sich Transport, Lagerung und Haltbarmachung wegen eher schlechter Absatzchancen nicht lohnen. Auch der Markt für Öle ist klein: Industrielle Öle aus dem Speck der Sattelrobben sind von geringem Wert, auch hier lohnt sich für die Jäger der Aufwand nicht.

Die Robben werden vor allem wegen der Felle getötet. Durch das Einfuhrverbot für Robbenprodukte aus Massenjagd fällt die EU damit als Absatzmarkt weg.

7. Wie steht Greenpeace zum EU-Import- und Handelsverbot von Robbenprodukten?

Seit 2010 besteht EU-weit ein Import- und Handelsverbot von kommerziellen Robbenprodukten. Greenpeace ist für dessen Aufrechterhaltung. Es ist weiterhin wichtig und darf nicht ausgehebelt werden. Für Robbenprodukte aus der Inuit-Jagd enthält das Handelsverbot bereits eine Ausnahme. Sie betrifft zum Beispiel Felle, die als „Beiprodukte“ aus der Subsistenzjagd anfallen. Die Jagd der Inuit ist – im Gegensatz zur kanadischen Robbenjagd – keine Pelzjagd, das heißt die Robben werden nicht ihrer Pelze wegen getötet. Das Fleisch der Tiere dient dem Lebensunterhalt der Inuit-Gemeinschaften. Greenpeace befürwortet daher die Ausnahme für Inuit-Produkte.

Für die Aufhebung des Importverbots haben auch Inuit wiederholt protestiert, zum Beispiel im Mai 2015 vor dem Europäischen Parlament. Hintergrund ist die kanadische Klage gegen das Importverbot von Robbenfellen, die die WTO Ende 2013 jedoch zurückgewiesen hat. Greenpeace befürwortet den Ausnahmeparagraph für die Produkte der Inuit.

8. Durch welche anderen Gefahren sind die Robben bedroht?

Die Situation der Meere, dem Lebensraum der Robben, ist kritisch: Die Klimaerwärmung beeinflusst immer stärker das ganze polare Ökosystem mit unabsehbaren Folgen – das Eis wird dünner und weniger.

In Kanada gehörten die Winter der letzten zwei Jahrzehnte zu den wärmsten seit 50 Jahren. Sattel- und Klappmützenrobben aber brauchen die Kälte: Sie bringen ihre Jungen auf dem Packeis zur Welt und säugen sie dort. Die Jungen können in den ersten Wochen nicht schwimmen. Ist das Eis aufgrund der Wärme zu dünn, können die schweren Muttertiere nicht auf das Eis zurück oder die Jungen können selbst durch das Eis brechen und ertrinken. Nach offiziellen Schätzungen der Behörden starben in den vergangenen Jahren bis zu 75 Prozent der Jungtiere, weil die notwendigen Eisflächen abgetaut waren. Im Jahr 2010 gab es die bislang schlechtesten Eisbedingungen überhaupt – in weiten Teilen war gar kein Eis vorhanden. Zehntausende Jungtiere sind dadurch vermutlich umgekommen.

Durch die Fischerei und andere Nutzungen durch den Menschen nimmt die Artenvielfalt ab, Lebensräume werden zerstört. Wasser, Meeresboden und Meeresorganismen sind mit unzähligen Giftstoffen belastet. Robben haben heute hohe Mengen langlebiger Gifte in ihrer Fettschicht gespeichert - mit unabsehbaren Folgen für Gesundheit und Fortpflanzungsfähigkeit.

Die Robbenjagd ist letztlich ein Symptom eines übergeordneten Problems: dem Missmanagement der menschlichen Aktivitäten im Meeresökosystem durch die kanadische Regierung. Greenpeace fordert, dass mindestens 40 Prozent der Meeresoberfläche aus jeglicher menschlichen Nutzung herausgenommen werden. Die Fischvorkommen in solchen Schutzzonen können sich über deren Grenzen hinaus regenerieren, so dass Schutzgebiete für die Fischerei und auch für Meeressäugetiere wie Robben von Nutzen sind.

9. Warum ist Greenpeace nicht auf dem Eis und verhindert das Robbenschlachten?

Die globale Klimaveränderung ist die gefährlichste Entwicklung auf dem Planeten, von dem Robben schon heute stark betroffen sind. Deshalb richten wir unsere Kraft und unsere begrenzten Ressourcen auf den Kampf gegen die Klimaerwärmung. Aktuell nimmt Greenpeace Schritt für Schritt Kontakt zu den Bewohnern nördlich des 53. Breitengrades auf, um zukünftig gemeinsam für den Schutz der Arktis zu kämpfen.

10. Was können Sie tun?

Schreiben Sie an die Kanadische Botschaft und fordern Sie das Ende des Massentötens von Robben in Kanada:

Botschaft von Kanada, Botschafter Peter M. Boehm,
Leipziger Platz 17,
10117 Berlin

(Stand: April 2015) 

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