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Klima-Aktivistin Selina Leem spricht auf einer G20-Protestveranstaltung
Chris Grodotzki / Greenpeace

Interview mit Selina Leem, Klimaschutz-Aktivistin von den Marshallinseln

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Das Rauschen des Pazifiks hat sie in den Schlaf gesungen, Nacht für Nacht. Keine hundert Schritte vom Meer entfernt ist Selina Neirok Leem aufgewachsen, auf Majuro, einer der mehr als tausend Inseln der Republik Marshallinseln mitten in Ozeanien. Sie gehört zur Ratak-Inselkette im Osten, zu den Sonnenaufgangsinseln. Die Eilande im Westen heißen Sonnenuntergansinseln; sie umfassen auch das Bikiniatoll. Gerade mal zwei Meter erheben sich die Marshallinseln im Durchschnitt über den Meeresspiegel.

Diese tropischen Atolle mitten im Pazifik sind so wunderschön, dass es wehtut. Das Meer leuchtet türkis, der Strand ist mit Muscheln übersät, der Sand aus zerriebenen Korallenstückchen strahlt weiß. Palmen reichen bis ans Meer. Üppige Blumen und tropische Früchte wachsen überall. Doch immer häufiger und immer heftiger rollen Sturmfluten über das Paradies hinweg. Pflanzen verkümmern, weil das Land versalzt.

Irgendwann in der Schule hat Selina Leem begriffen, dass das nicht normal ist. Auch keine Strafe Gottes, wie sie anfangs dachte. Sondern dass der Meeresspiegel ansteigt und das Wasser ihre Insel bedroht. Wegen des Klimawandels, den die Menschen in den Industrieländern verursachen. Seit sie 16 ist, reist die heute 19-Jährige um die Welt. Und hält auf Klimaschutzkonferenzen und Versammlungen flammende Reden, um die Menschen aufzurütteln. Denn sie will den Klimawandel aufhalten. Will ihre Heimat retten. Will verhindern, dass die Inseln der Südsee im Meer versinken. Darüber spricht sie auch im Interview.

Greenpeace: Du wurdest 1997 auf einer der Marshallinseln geboren – und hast die Folgen des Klimawandels selbst erlebt.

Selina Neirok Leem: Schon als ich ein Kind war, kamen regelmäßig Fluten, dann hat mein Großvater meine Großmutter und uns Kinder in ein Hotel geschickt, das höher liegt. Ich weiß noch, dass ich jedesmal Angst um ihn hatte. Mit der Zeit kamen die Fluten immer häufiger, das Wasser reichte immer höher. 2014 wurde per Radio zur Evakuierung aufgerufen. Zwei Tage habe ich mit meinen Eltern und meinen sieben Geschwistern in einer höher gelegenen Kirche verbringen müssen. Die Angst, vielleicht für immer mein Zuhause zu verlieren, das Land meiner Ahnen, das ich liebe, wo ich leben möchte  – das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen.

Wann hast du begriffen, dass es der Klimawandel ist, der deine Insel bedroht?

Ich bin tief religiös aufgewachsen und dachte lange, es liegt daran, dass Gott uns zürnt. Doch in der Schule habe ich begriffen, dass es der Anstieg des Meeresspiegels ist. Und dass die Industrienationen mit ihrem Kohlendioxidausstoß den Untergang meines Landes verschulden. Da bin ich sehr wütend geworden, vor allem auf die USA. Mit 16 habe ich Majuro verlassen, bin zwei Jahre in Freiburg zur Schule gegangen. Und nutze seitdem jede Gelegenheit, den Menschen von meiner Insel und von deren Zerstörung durch den Klimawandel zu erzählen.

Wie ist die Stimmung der Menschen auf den Marshallinseln?

Alle merken die Veränderung, die Bedrohung. Viele von uns haben Angst um ihre Heimat. Aber wir wollen uns dem Schicksal nicht einfach ergeben. Wir kämpfen. 99 Prozent unserer Inseln werden mit Solarstrom versorgt. Wir tun, was wir können. Unsere Jugend, unsere Anführer, unsere Politiker setzten sich überall auf der Welt gegen die Klimazerstörung ein.

Dabei geht es ja nicht nur um meine Heimat – der Klimawandel bedroht die ganze Welt. Es drohen Fluten, Stürme, Dürren, Hitzewellen, Hungersnöte. Abermillionen Menschen werden ihr Zuhause verlieren. Wir kämpfen für sie alle. Für euch alle. Für uns alle.

Was ist deine Botschaft an den G20-Gipfel?

Jeder muss einen Beitrag leisten, um den Klimawandel aufzuhalten. Die Bürger im Kleinen, die Politiker im Großen. Denn jeder hier, der Auto fährt, fliegt, heizt, Strom verbraucht, ist in der Pflicht, meine Heimat zu retten. Gemeinsam müssen wir Druck auf die Politiker machen: Damit sie ihre Entscheidungen in die richtige Richtung lenken und das Klima schützen, aus der Kohleverstromung aussteigen, die Treibhausgase reduzieren. Damit die Erderwärmung unter 1,5 Grad bleibt.

Ist das auch deine Botschaft an US-Präsident Donald Trump?

Nein. Zu dem spreche ich nicht, dafür verschwende ich meine Atemluft nicht. Der hört mir eh nicht zu. Ich spreche zu den amerikanischen Bürgern und Bürgermeistern, die trotz Trump am Klimaschutz festhalten. Davon gibt es so viele, dass ich guten Mutes bin, dass Trump dem Klima weniger schaden kann, als er das vielleicht möchte.

  • Kinder spielen im Meer von Mejato

    Kindheit am Meer

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  • Strand von Mejato, eine der Marshall Islands

    Bedrohtes Paradies

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  • Bewohner der Südsee-Insel Tarawa,Kiribati, schützen ihr Haus mit Steinwällen vor dem Meer.

    Nicht aufgeben!

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  • Eine Meereswelle peitscht über den Steinwall der Südseeinsel Tawara, Kiribati.

    Wenn die Flut kommt

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