El Niño und die Klimakrise
- Ein Artikel von Michael Weiland
- mitwirkende Expert:innen Marina Falke
- Überblick
Durch die zu erwartende El-Niño-Periode könnten 2026/27 die mit Abstand heißesten Jahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden. Fatale Extremwettereignisse können die Folge sein. Warum die Klimakrise die Folgen des natürlichen Wetterphänomens im Pazifik verschärft – und was das bedeutet.
Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und Hitzewellen: Das Klimaphänomen El Niño hat Auswirkungen auf das Wetter rund um den Globus. Für dieses Jahr liegt die Wahrscheinlichkeit, dass El Niño auftritt, bei 96 Prozent. Viele Forschende gehen von einem besonders starken Ereignis aus. Denn El Niño trifft mittlerweile auf eine Erde, die durch die Klimakrise bereits deutlich aufgeheizt ist.
Was ist El Niño? Eine Definition
Bei El Niño (spanisch für „das Christkind“, weil es einst erstmals in Peru zur Weihnachtszeit beobachtet wurde) handelt es sich um ein natürliches Klimaphänomen im tropischen Pazifik. Normalerweise treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser Richtung Westen. Während eines El Niño schwächen sich diese Winde ab. Das warme Wasser verlagert sich nach Osten vor die Küsten von Peru, Ecuador und Chile.
Dadurch verändert sich die Atmosphäre über dem Pazifik. Wetter- und Niederschlagsmuster verschieben sich weltweit. Das Phänomen tritt meist alle zwei bis sieben Jahre auf und dauert häufig neun bis zwölf Monate.
Warum ist El Niño 2026/27 besonders?
Die globale Durchschnittstemperatur liegt heute rund 1,4 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Dadurch startet jedes El-Niño-Ereignis von einer deutlich höheren Grundtemperatur als noch vor wenigen Jahrzehnten. Mehrere Vorhersagemodelle rechnen deshalb damit, dass sich durch den zu erwartenden El Niño 2026 und 2027 zu denheißesten Jahren seit Beginn der Messungen entwickeln könnten. Einige Prognosen gehen davon aus, dass 2027 sogar wärmer werden könnte als das bisherige Rekordjahr 2024.
Die Durchschnittstemperatur der Erde schnellt während eines El-Niño-Events nach oben, weil der Pazifik weniger Hitze aus der Atmosphäre aufnehmen kann. Das bedeutet für die globale Durchschnittstemperatur einen Anstieg von 0,1-0,2 Grad Celsius, während das Wasser im Pazifik sogar um bis zu 1-2 Grad wärmer wird. Wichtig ist dabei: El Niño verursacht die Erderhitzung nicht, sondern das Klimaphänomen wirkt wie ein zusätzlicher Schub auf eine bereits überhitzte Erde. Hauptursache der steigenden Temperaturen bleibt die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas.
Welche Folgen hat El Niño?
El Niño erhöht weltweit das Risiko für extremes Wetter. Welche Folgen auftreten, hängt von der jeweiligen Region ab. In Teilen Südamerikas kommt es häufig zu Starkregen, Überschwemmungen und Erdrutschen. In Australien, Indonesien und anderen Teilen Südostasiens steigt dagegen das Risiko für Dürren und Waldbrände. Auch die Landwirtschaft leidet vielerorts unter Hitze und Wassermangel. Besonders betroffen sind oft wichtige Anbaugebiete für Reis, Kaffee, Kakao oder Palmöl. Ernteausfälle können sich weltweit auf Preise und Versorgung auswirken. Hinzu kommen Auswirkungen auf die Gesundheit. Hitzewellen, Wasserknappheit und die Ausbreitung bestimmter Krankheiten treten in vielen Regionen während eines El Niño häufiger auf.
Was bedeutet El Niño für Europa?
Europa gehört nicht zu den Regionen, die am stärksten von El Niño beeinflusst werden. Dennoch können die Auswirkungen auch in Europa spürbar werden. Starke El-Niño-Ereignisse können in Nordwesteuropa heißere Sommer begünstigen. Gleichzeitig wirken sich Dürren, Überschwemmungen oder Ernteausfälle in anderen Teilen der Welt auf Lieferketten und Lebensmittelpreise aus. Steigen beispielsweise die Preise für Reis, Kaffee oder Kakao, bekommen Verbraucher:innen dies auch in Deutschland zu spüren.
Die Klimakrise verschärft die Folgen
Heute betrachten Forschende das wiederkehrende Klimaphänomen und die daraus folgenden Extremwetterereignisse nicht mehr isoliert. Viele Extremwetterereignisse entstehen durch das Zusammenspiel von natürlicher Klimaschwankung und menschengemachter Erderhitzung. Besonders deutlich zeigt sich das in den Ozeanen. Die schwersten Korallenbleichen der Geschichte traten während starker El-Niño-Phasen auf. Zwischen 2014 und 2017 waren weltweit 68 Prozent aller Korallenriffe von Bleiche betroffen. Während des jüngsten globalen Bleiche-Ereignisses von 2023 bis 2025 stieg dieser Anteil sogar auf 84 Prozent. Korallen stoßen dabei die Algen ab, mit denen sie in einer Lebensgemeinschaft leben. Sie verlieren ihre Farbe, werden geschwächt und können schließlich absterben.
Hier kommt die Klimakrise ins Spiel: Vor dem starken El Niño von 1997/98 hatten El-Niño-Ereignisse noch nie eine weltweite Massenbleiche von Korallen ausgelöst. Erst die zusätzliche Erwärmung der Ozeane durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas macht viele Riffe heute so verletzlich. El Niño wirkt dabei als Problemverstärker in einem Meer, das sich bereits stark aufgeheizt hat. Auch bei Dürren, Hitzewellen und Waldbränden zeigen wissenschaftliche Untersuchungen immer häufiger: El Niño kann ein Auslöser sein und die Erderhitzung verstärkt die Schäden.
Und was ist La Niña?
Die zentrale US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA beschreibt El Niño und La Niña als zwei Phasen desselben natürlichen Klimazyklus im tropischen Pazifik. La Niña ist gewissermaßen das Gegenstück zu El Niño. Während bei El Niño ungewöhnlich warmes Wasser im tropischen Pazifik die Atmosphäre beeinflusst, sind die Meeresoberflächen während einer La Niña dort kühler als normal. Die Passatwinde wehen dann stärker und schieben warmes Wasser weiter nach Westen.
Dadurch verändern sich weltweit Niederschläge, Stürme und Temperaturen – so kann ein La-Niña-Jahr eine überdurchschnittlich starke Hurrikan-Saison bewirken. Global betrachtet wirken La-Niña-Jahre meist etwas kühlend. Doch wegen der fortschreitenden Klimakrise sind heute selbst viele La-Niña-Jahre wärmer als noch vor wenigen Jahrzehnten El-Niño-Jahre. Die natürliche Abkühlung kann die menschengemachte Erderhitzung also längst nicht mehr ausgleichen.
Was können wir tun?
Je schneller die Welt aus Kohle, Öl und Gas aussteigt, desto geringer fällt die zusätzliche Erwärmung aus. Damit sinkt auch das Risiko, dass zukünftige El-Niño-Ereignisse neue Temperaturrekorde brechen und kommende Extremwetter noch weiter verschärfen. Die El-Niño-Saison 2026/27 wird uns erneut zu Zeug:innen machen, wie verletzlich eine bereits aufgeheizte Welt geworden ist.