Skip to main content
Jetzt spenden
Windrad vor Braunkohlekraftwerk Weisweiler
© Paul Langrock / Greenpeace

Weil Gas knapp wird sollen Braunkohlekraftwerke mehr laufen - echt jetzt?

Zwingt die Gasknappheit uns, auch Braunkohlekraftwerke länger laufen zu lassen? “Quatsch!”, sagt Karsten Smid, Energieexperte von Greenpeace. Ein Interview zum Sinn und Unsinn der Energiedebatte.

Seit ein paar Tagen drosselt Gasprom die Zuleitung von Gas nach Deutschland erheblich,   auch andere europäische Länder sind betroffen. Heute hat Wirtschaftsminister Robert Habeck (die Grünen) die zweite Gas-Warnstufe ausgerufen. Die Nerven liegen blank: Droht jetzt die große Energiekrise? Wie durch den und die nächsten Winter kommen? Um Gas zu sparen, sollen alte Kohlemeiler reaktiviert werden. Erlebt die Verstromung der Kohleenergie ein Comeback? Ein Interview über den Sinn und Unsinn der aktuellen energiepolitischen Debatte mit Karsten Smid, Energieexperte von Greenpeace.

Karsten, was hältst du von der Initiative des Wirtschaftsministeriums, alte Kohlekraftwerke wieder ans Netz gehen zu lassen, um Gas einzusparen? Ist das sinnvoll?

Greenpeace unterstützt die Initiative der Bundesregierung, sich von der Abhängigkeit von russischen Energieimporten zu befreien. Bei einer drohenden Gasknappheit könnte eine mengenmäßig und zeitlich begrenzte Bereitstellung von zusätzlichen Kohlereserve-Kapazitäten über die Winterhalbjahre 2022/23 und 2023/24 helfen, um so den Verbrauch von Erdgas im Stromsektor einzusparen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Das führt aber zu höheren Treibhausgasemissionen? Ist das egal?

Nein, keineswegs. Klar ist, dass durch den Einsatz von Kohle anstelle von Gas zwangsläufig höhere CO2-Emissionen entstehen. Das Gesetz, dass die Bereithaltung von Kohlekraftwerks-Ersatzkapazitäten regelt, muss deshalb einen Passus enthalten, dass die CO2-Mehremissionen durch spätere Maßnahmen wieder eingespart werden.  Es geht hier immerhin um bis zu 40 Mio. Tonnen Kohlendioxid pro Jahr. Zusätzlich!  

 

Karsten Smid, Energieexperte von Greenpeace

"Wir brauchen weder Braunkohle noch Atomstrom, um der Gasknappheit zu begegnen. Sondern Sparen und den schnellen Ausbau von erneuerbaren Energien", findet Karsten Smid, Greenpeace-Experte für Energie.

Wirtschaftsminister Habeck plant auch, zusätzlich noch besonders klimaschädliche Braunkohlekraftwerke im Bedarfsfall weiter zu betreiben.

Habecks Ersatzkraftwerke-Bereithaltungsgesetz schießt weit über das eigentliche Ziel hinaus. Klimakrise und Versorgungssicherheit dürfen aber nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Nutzung der Braunkohlekraftwerke führt zu erheblichen CO2-Mehremissionen, obwohl sie nur einen marginalen Einfluss auf den Ersatz der Gaserzeugung in Deutschland hat.

Aber ist das nicht vorsichtshalber besser?

Die Kapazitäten der Steinkohlekraftwerke von bis zu 10 Gigawatt sind mehr als genug, um im Notfall einzuspringen. Es existiert auch ein funktionierender Weltmarkt, so dass wir nicht auf russische Steinkohlelieferungen angewiesen sind. Es darf jetzt nicht zu einem unnötigen Rollback der Braunkohle kommen. Das ist für die Versorgungssicherheit weder erforderlich noch mit den nationalen Klimazielen vereinbar. Eine zusätzliche Reservebereitschaft für Braunkohlekraftwerke wird für die nationale Energiesicherheit nicht gebraucht, heizt gesellschaftliche Konflikte neu an und ist klimapolitisch kontraproduktiv.

Was meinst du mit neuen gesellschaftlichen Konflikten?

Ganz konkret geht es um den Ort Lützerath im Rheinland am Tagebau Garzweiler. Die Grünen, die im Bund Verantwortung tragen und demnächst wahrscheinlich auch in NRW mit der CDU eine Koalition bilden, können kein Interesse daran haben, wieder einen gesellschaftlichen Großkonflikt vom Zaun zu brechen. Mit dem sinnlosen Plattmachen von Dörfern für die Braunkohle muss endlich Schluss sein. Die Braunkohle unter dem Ort Lützerath muss im Boden bleiben.

G7: Action in Germany for Independence from Fossil Fuels to Secure Peace

G7: Gasverbrauch in drei Jahren um 18 Prozent senken!

Anlässlich des heutigen G7-Treffens in Berlin legt Greenpeace eine Studie vor, die berechnet, wie viel Gas die G7 ohne Umstieg auf andere fossile Energie sparen können.

mehr erfahren

Was ist, wenn Putin uns den Gashahn zudreht? Brauchen wir nicht in dieser Notsituation jeden Energieträger, den wir aus der Reserve holen können?

Nein. Im Moment schreien alle Energielobbyisten auf und behaupten, ihr Energieträger sei die Lösung bei einer Gasmangellage. Das ist lautes Lobbygeschrei ohne Substanz. Jeder kommt mit der alten Idee von gestern daher. Weder Braunkohle noch Atom sind die neuen Partner der Energiewende. Diese Energieträger haben uns ja erst in die jetzt zum Problem werdende Abhängigkeit gebracht. Scheindebatten über Atomkraft als Problemlöser helfen kein Stück weiter. Die populistische Rechthaberei von Söder, der die bayerischen Atomkraftwerke länger laufen lassen will, ist da ja nur die Spitze des Eisberges. Söder ist ja einer der Herren, die uns erst durch seine jahrelange Blockade beim Ausbau der Windenergie in die prekäre Lage gebracht hat. Nicht einmal die Atomindustrie selbst denkt an eine Laufzeitverlängerung.   

Atomkraft ist keine Lösung

Action at Unterweser Nuclear Power Plant

Atomausstieg jetzt

Keine Energie ist gefährlicher und teurer als Atomkraft, ihr Beitrag zur weltweiten Stromgewinnung gering. Trotzdem ist sie nicht totzukriegen.

mehr zum Thema

Gibt es denn Szenarien und Studien, die abschätzen was für ein Bedarf kurz- und mittelfristig notwendig ist?

Probleme könnten uns die beiden kommenden Winterhalbjahre bereiten.  Es gibt aber keinen energiewirtschaftlichen Zweifel daran, dass Deutschland bei voller Versorgungssicherheit und trotz einer Abkehr von russischen Energieimporten bis zum Jahr 2030 komplett aus der Kohleverstromung aussteigen kann. Dies belegen unter anderem die aktuellen Szenariorechnungen des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). In einem klimaverträglichen Ausstiegspfad, der Braunkohle-Kraftwerke frühzeitiger als bislang geplant vom Netz nimmt, ließe sich der CO2-Ausstoß - so wie es angesichts der Klimaziele geboten wäre- zudem noch deutlicher senken. Auch die aktuelle Energy Brainpool Studie „Energiewende & Energieunabhängigkeit“ vom Mai 2022 im Auftrag von Green Planet Energy zeigt an Hand einer konkreten Abschaltreihenfolge, bei der zuerst ineffiziente, schmutzige Braunkohlekraftwerke stillgelegt werden, wie Klimaschutz und Versorgungssicherheit gemeinsam gedacht werden können.

Was also ist jetzt zu tun?

Wir müssen als erstes auf Energiesparmaßnahmen setzen. Jeder einzelne im kleinen und natürlich noch mehr die Industrie im Großen. Es gibt gewaltige Einsparpotentiale, die müssen wir jetzt an den Start bringen.  Dazu kommt ein radikaler Ausbau der erneuerbaren Energien. Ein wirklich ambitioniertes Ausbauprogramm für Sonnen- und Windenergie im großen Maßstab ist unser Ass auf der Hand. Das müssen wir nur ausspielen. Insbesondere im Wärmebereich muss zudem der Einbau von Wärmepumpen massiv gefördert werden.

Dann ließe sich am Ende auch noch etwas Positives bewirken?

Ja. Deutschland kann mit einem Turbo bei Erneuerbaren Energien schnell unabhängig von russischen Energieimporten werden, seine Versorgungssicherheit gewährleisten und einen mit dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5 C-Limit kompatiblen Pfad für die Energieversorgung einschlagen. Auch in dieser Krise liegt eine Chance: Sie könnte, wenn wir sie nutzen, zur Beschleunigung beim Bekämpfen der Klimakrise werden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mobiles Flüssiggasterminal (LNG)

LNG: sechs Mythen

Alle reden über LNG und mobile Flüssiggasterminals als Lösung der Gaskrise - doch was stimmt, und was ist ein Mythos?

mehr erfahren
Protest for an Import Ban on Russian Oil at Brandenburg Gate in Berlin

Kein Öl für Krieg

Deutschland kann sofort auf russisches Öl verzichten. Ein Öl-Embargo ist umsetzbar und würde Putin treffen.

mehr erfahren

Kurz und knapp: Was tun bei der aktuellen Gas-Krise

Was hält Greenpeace von dem Vorstoß, wegen der Gas-Krise Kohlekraftwerke länger laufen zu lassen?

Bei Gasknappheit könnte eine mengenmäßig und zeitlich begrenzte Bereitstellung zusätzlicher Steinkohlereserve-Kapazitäten über die Winterhalbjahre 2022/23 und 2023/24 (also für 2 Jahre) helfen, um den Verbrauch von Erdgas im Stromsektor einzusparen und die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Wie kann man verhindern, dass die Gas-Krise die Klimaziele torpediert?

Wird mehr Kohle verstromt, um Gas zu sparen, wird zwangsläufig mehr Kohlendioxid erzeugt. Deshalb muss das Gesetz, dass die Bereithaltung von Kohlekraftwerks-Ersatzkapazitäten regelt, einen Passus enthalten, dass die CO2-Mehremissionen durch spätere Maßnahmen wieder eingespart werde.  Dies kann durch einen schnelleren Kohleausstieg geleistet werden.

Kommt für Greenpeace auch das Bereithalten von Braunkohlekraftwerken zur Abwendung der Gasknappheit in Frage?

Klimakrise und Versorgungssicherheit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Nutzung der Braunkohlekraftwerke würde zu erheblichen CO2-Mehremissionen führen, obwohl sie nur einen marginalen Einfluss auf den Ersatz der Gaserzeugung in Deutschland hätte. Eine zusätzliche Reservebereitschaft für Braunkohlekraftwerke wird für die nationale Energiesicherheit nicht gebraucht, heizt gesellschaftliche Konflikte neu an und ist klimapolitisch kontraproduktiv.

Was also tun, wenn Putin das Gas zudreht?

Probleme könnten uns die beiden kommenden Winterhalbjahre bereiten. Das gebot der Stunde ist nun, zügig Energie zu sparen. Die Bundesregierung muss jetzt mit starken Maßnahmen Privathaushalte und die - in allen Branchen dazu bringen, weniger Gas zu verbrauchen. Außerdem muss der Ausbau erneuerbarer Energien beschleunigt werden, denn nichts macht uns unabhängiger vom Import fossiler Brennstoffe als das.