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Heinz Smital in Namie, Präfektur Fukushima, Japan
© Christian Åslund / Greenpeace

Interview: Heinz Smital über das Leben in Japan neun Jahre nach der Atomkatastrophe

Fukushima. Bei den meisten Menschen weckt die eigentlich recht wohlklingende japanische Präfektur wohl düstere Erinnerungen an die verheerende Atomkatastrophe im Jahr 2011. Das soll sich ändern: mit den diesjährigen Olympischen Spielen in Japan, für die auch in Fukushima City das Baseball-Stadion umgebaut wurde. Japan will die Olympiade als Spiele des Wiederaufbaus inszenieren. Es soll Normalität einkehren.

Verständlich dieser Wunsch. Doch Radioaktivität bleibt. Jahrzehntelang. Egal wie oft hochkontaminierte Dörfer gereinigt werden. Die Natur mit Bergen, Bäumen, Steinen, Sand lässt sich nicht in eine Waschmaschine packen. Von irgendwoher kommt die Radioaktivität zurück, etwa wenn Regen die Teilchen anspült.

In jedem Atommeiler steckt das Potenzial, große Gebiete unbewohnbar zu machen. Das darf man nicht vergessen. Auch nicht in Deutschland, wenn Forderungen laut werden, aus Klimaschutzgründen nicht aus der Atomkraft auszusteigen. Heinz Smital, Atom-Experte bei Greenpeace, reist Jahr für Jahr nach Fukushima. Um Strahlung zu messen, um den Widerspruch zwischen verordneter Normalität und Realität aufzuzeigen und um jene zu unterstützen, die darin aufgerieben werden. Im Interview berichtet der Kernphysiker von seinen Erfahrungen.

Greenpeace: Seit neun Jahren bist du in Fukushima unterwegs, um die radioaktive Belastung zu messen. Hast du keine Angst, deine Gesundheit zu gefährden?

Heinz Smital: Ich habe nicht nur eine Ausbildung als Kernphysiker, sondern mache auch alle fünf Jahre meine Fachkunde als Strahlenschutzbeauftragter. Da lernt man Verhaltensweisen, die darauf abzielen, Radioaktivität nicht zu verschleppen. Das könnte zum Beispiel passieren, wenn kontaminierte Steine angefasst werden. Auch meine Ausrüstung schützt mich. Durch das Messgerät weiß ich, wo die Strahlung hoch ist. Außerdem bin ich nur ein paar Wochen dort und nicht mein ganzes Leben.

Übernachtest du auch in dem radioaktiv belasteten Gebiet?

Ich bin immer mit einem internationalen Greenpeace-Team in Fukushima. Zum Übernachten suchen wir uns Gebiete, die nur eine niedrige Dosis haben. Wir achten darauf, dass wir während unseres Aufenthalts deutlich unter der maximal zulässigen Jahresdosis bleiben.

Haben sich, seitdem du die Messungen machst, die Werte verbessert?

Zu Beginn haben wir in Fukushima City, etwa 60 Kilometer vom Reaktor entfernt, Spielplätze gesehen, die hoch belastet waren. Vor allem in Kuhlen unter den Schaukeln, in die Wasser gelaufen war, hatten sich radioaktive Partikel gesammelt. Wir haben gegenüber den Behörden lange drauf hingewiesen, irgendwann wurden diese Plätze saniert. Und das hat was gebracht.

In weniger kontaminierten Gebieten wie Fukushima City, wo es nur an einzelnen Stellen eine Belastung gab, ist es durchaus sinnvoll, Plätze gezielt zu reinigen. In den hochkontaminierten Gegenden hingegen würde man durch solche Aktionen nur kleine Inseln schaffen. Das ist kontraproduktiv, da es Arbeiter unnötig belastet – und auch die Familien, die an diese Plätze zurückkehren.    

Der Fackellauf für die im Sommer stattfindende Olympiade startet im März im Sportkomplex J-Village. Dieser Ort ist nur 20 Kilometer vom Unglücksmeiler entfernt. Ist das zu verantworten?

Greenpeace hat genau dort einen hohen, mehr als tausendfach erhöhten Wert von 70 Mikrosievert pro Stunde gemessen. Dort lassen sich also vereinzelt Bereiche mit hochkonzentrierter Strahlung finden – sogenannte Hot Spots. Wer dort reintritt, kann die Radioaktivität verteilen und über die Schuhe sogar in die Wohnung tragen. In der Gegend gibt es immer noch Geisterstädte, die nahezu unbewohnt sind. Es wird der Situation nicht gerecht, wenn so getan wird, als ob das Leben in der Nähe des Reaktors wiederhergestellt ist.

Die Sportler sind den Hot Spots nur kurz ausgeliefert – das wird sich auf die Jahresdosis nicht entscheidend auswirken. Die Gefahr ist eher, dass die Radioaktivität verschleppt wird. Wenn man dort ohne Strahlenmessgerät zum Beispiel im Wald unterwegs ist, weiß man nicht, wo die Radioaktivität ist.

Nach welchen Kriterien entscheidet Japan, welche Gebiete wieder freigegeben werden?

Ursprünglich hat sich die Regierung einen Messwert vorgenommen, der zwar immer noch eine Strahlenbelastung beinhaltet, aber unter einem Millisievert zusätzlicher Strahlendosis pro Jahr bleibt und damit einem internationalen Richtwert entsprechen würde. In vielen Gebieten wird dieser Wert allerdings nicht erreicht. Japan gibt sie dann trotzdem frei, seit dem Jahr 2017.

Wie leben die Menschen damit, nicht zu wissen, ob es in der Nähe des freigegebenen Wohnhauses eine kontaminierte Stelle gibt?

Es kehren nur wenige Bewohner in ihre Häuser zurück. Es ist ja auch so, dass nur einige Kilometer vom Wohnort entfernt nach wie vor eine Sperrzone sein kann. Fukushima gleicht da einem Flickenteppich, je nachdem, wo die radioaktive Wolke runterging. Der Nordwesten ist allerdings wesentlich stärker verseucht als der Süden oder Westen. Im Nordwesten sind Orte, die 30 Kilometer vom AKW entfernt sind, immer noch gesperrt.

Greenpeace hat in einem Report gezeigt, dass Arbeiter ohne entsprechende Ausbildung in die kontaminierten Gebiete geschickt werden, um diese zu reinigen. Zudem kehren auch Menschen in ihre freigegebenen Dörfer zurück, weil ihnen sonst die Entschädigungszahlungen gestrichen werden. Ist diese Ungerechtigkeit Thema in Japan?

Es ist Thema, aber nicht genug. Die Menschen, die ihr Zuhause verloren haben oder in Fukushima leben, werden mit den Problemen allein gelassen. Es liegt in der Verantwortung der Politik und des Unglückverursachers, des Atomkraftbetreibers Tepco, den Betroffenen zu helfen. Doch die lassen die Menschen in Stich.

Deshalb wird unsere Arbeit in Fukushima auch begrüßt. Die Bevölkerung begegnet uns sehr freundlich und bittet uns vielfach, Messungen durchzuführen – in einem Kindergarten zum Beispiel. Glücklicherweise konnten wir Entwarnung geben. Wir haben zwar in einer Dachrinne höhere Werte gemessen, der Bereich ließ sich aber einfach abschirmen.

Auch die Medien berichten wohlwollend über unsere Arbeit. Die Mehrheit der Bevölkerung ist auch nach wie vor gegen die Nutzung der Atomkraft.

Und dennoch werden in Japan nach dem Unglück abgeschaltete Atomkraftwerke wieder hochgefahren. 300 Anwältinnen und Anwälte sind gegen das Wiederanfahren von Reaktoren aktiv, so auch gegen das AKW Ikata. Das Gericht hat nun die Wiederaufnahme des Betriebs untersagt. Die Sicherheitspläne für das in der Nähe eines Vulkans liegende Kraftwerk seien unzureichend. Wie kann es sein, dass die Behörden so nachlässig den Betrieb genehmigt hatten?

Welche Anforderungen an ein AKW in der Nähe eines Vulkans gestellt werden müssten, hat erst eine von Greenpeace beauftragte Studie gezeigt. So kann ein Ascheregen auch in größerer Entfernung die Notstromversorgung des AKW lahmlegen, die bei einem Unglück die unerlässliche Kühlung des Reaktors aufrechterhalten soll. Das Gericht ist den Erkenntnissen aus der Studie gefolgt. Generell lässt sich sagen, dass man sich beim Bau der Atomkraftwerke früher weniger Sorgen gemacht hat. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben im Laufe der Zeit dazu geführt, dass Gefahren besser erkannt werden können.

Nach Fukushima hat Deutschland beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen. Der fortschreitende Klimawandel macht einen raschen Ausstieg aus der Kohlekraft unumgänglich. Nun werden vereinzelt Stimmen laut, dass es nicht möglich sei, gleichzeitig aus Kohle und Atomkraft auszusteigen. Wird Atomkraft wieder salonfähig?

Eine Laufzeitverlängerung in Deutschland ist völlig unrealistisch – dafür gibt es keine politischen Mehrheiten. Es gibt zwar Leute – auch in CDU-Kreisen, die den Atomausstieg nur zähneknirschend mitgemacht haben und jetzt aufgrund der Klimakrise Morgenluft wittern. Doch selbst wenn wir diesen Gedanken verfolgen, wird er nicht zu einer Lösung der Klimakrise führen. Die Atomkraft kann das nicht leisten.

Schauen wir nach Frankreich: Eine große Industrienation, die seit vielen Jahren an einem einzigen Atomkraftwerk baut. Das Ganze wird immer teurer und nicht fertig. Die Atomkraft liefert nicht. Und alte Atomkraftwerke weiterlaufen zu lassen, ist ein zu großes Risiko – auch für die Stromversorgung, die Anlagen sind zu anfällig für Pannen.  

Warum ist Frankreich nicht in der Lage, ein Atomkraftwerk zu bauen?

Die Technologie ist sehr kompliziert. Durch die verschiedenen Unfälle – nicht nur die großen wie Fukushima oder Tschernobyl, sondern auch all jene, bei denen gerade noch nicht so viel passiert ist – hat man erkannt, dass höhere Sicherheitsstandards notwendig sind. Heute ein Atomkraftwerk zu bauen, ist also deutlich komplizierter als in den 60er-Jahren.

Auch in Ländern, die auf Atomkraft setzen, wie Frankreich oder die USA nimmt die Atomkraft ab. Das ist keine Entscheidung der Politik, sondern der Tatsache geschuldet, dass die Technik es nicht bringt. Es ist gefährlich, Atomkraft als Energielösung zu versprechen und dann die Erneuerbaren Energien nicht auszubauen. Das ist auch in Polen zu sehen: Seit vielen Jahren spricht die Regierung davon, die Atomkraft auszubauen. Das ist natürlich nicht passiert. Wenn Frankreich schon kein Atomkraftwerk bauen kann, wird sich Polen nicht leichter tun. Und da Polen die Erneuerbaren Energien, die viel günstiger und vor allem technisch umsetzbar sind, nicht ausgebaut hat, kann das Land klimaschädliche Kohlekraftwerke nun nicht abschalten.  

Zum Schluss noch zwei Fragen zum Unglücksmeiler. Wie ist dort eigentlich die Situation?

Die ursprünglichen Brennstäbe sind geschmolzen, der immer noch sehr heiße geschmolzene Kernbrennstoff muss nach wie vor gekühlt werden – das wird auch noch einige Jahre so sein. Wird dieser zu heiß, kommt es wieder zur vermehrten Freisetzung von radioaktiven Partikeln. Da die Strahlung vor Ort immer noch so hoch ist, kann dort niemand arbeiten. Es gibt also keine Leitungen, durch die das Wasser zum Kühlen gezielt geführt werden könnte. Das Wasser wird also auf gut Glück in den Reaktor gepumpt.

Das kontaminierte Wasser muss dann aufgegangen werden. Hinzu kommt das Grundwasser aus den Bergen, das ins hochkontaminierte Gelände sickert und ebenfalls abgepumpt wird. Pro Tag fallen so insgesamt etwa 400 Tonnen an, 200 durch Grundwasser und 200 durch Kühlung, das sind etwa 4000 Badewannen.

Ideen der japanischen Regierung, dieses Wasser in den Pazifik laufen zu lassen, weisen Nachbarstaaten empört zurück. Was empfiehlst du Japan, wohin mit dem Wasser?

Japan hat bereits mit einer Reinigungsanlage gearbeitet. Diese war aber zu schlecht, die Regierung müsste deutlich mehr Geld für eine bessere Reinigungsanlage in die Hand nehmen. So fiele weniger kontaminiertes Wasser an. Außerdem muss sie in größere Auffangbehälter investieren. Hinzu kommt ein besseres Wassermanagement für die Kühlung des Reaktors, aber auch um Grundwasser an dem Werk vorbeizuleiten.

Ein Video aus dem Jahr 2019

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