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Gemeinsames Kochen in der Küche
Mitja Kobal / Greenpeace

Ein Drittel aller Nahrungsmittel wird nicht verzehrt

Zu dick, dünn oder krumm – Gemüse außerhalb der Norm kommt nicht auf den Tisch. Ebenso ergeht es im Kühlschrank vergessenen Lebensmitteln. Gegen die Verschwendung gibt es Rezepte.

Verrückt, zumindest aber wunderlich würden wir wohl Personen finden, die am Müllcontainer stehen und Geld hineinwerfen. Über abgelaufenen Joghurt, schimmeliges Toastbrot und braune Bananen in der Tonne hingegen wundern wir uns nicht. Das ist doch verrückt! 82 Kilogramm Lebensmittel wirft statistisch gesehen jeder Bundesbürger pro Jahr weg – 53 davon wären vermeidbar. Das macht 235 Euro für den Müll – bei einer vierköpfigen Familie etwa kommen so 940 Euro pro Jahr zusammen.

Laut Verbraucherministerium gehen hierzulande elf Millionen Tonnen Nahrung jährlich verloren. Verluste bei der Ernte und Lagerung nicht eingerechnet. Zählt man die hinzu, kommt noch was drauf. Der WWF bezifferte den Schwund insgesamt auf 18 Millionen Tonnen. Davon seien acht Millionen nach heutigem Kenntnisstand nicht vermeidbar. Dazu gehören beispielsweise Ernteverluste, aber auch Küchenabfälle wie Eier- oder Kartoffelschalen. Bleiben immer noch zehn Millionen Tonnen, die nicht nötig gewesen wären – die Hälfte davon aus privaten Haushalten. 

Das können wir uns nicht leisten

Die Zahlen der beiden Studien variieren aufgrund der unterschiedlichen Hochrechnungen leicht; einiges fußt auf Schätzungen, anderes ist wegen fehlender Daten gar nicht eingeflossen. Das Ausmaß ist demnach vermutlich noch größer. Eine unfassbare Verschwendung – nicht nur auf Kosten des Konsumenten. Denn irgendwo auf der Welt wurde die Nahrung ja produziert: in Brasilien das Futter fürs Rind, dessen Steak im Supermarkt liegt, Bananen mit enormem Wassereinsatz in Costa Rica. Alles, was nicht konsumiert wurde, hat also Ressourcen verschlungen und wertvolle Ackerflächen belegt.

24 Prozent der klimaschädlichen CO2-Emissionen weltweit gehen auf das Konto der Landwirtschaft; hinzu kommen Transport, Lagerung und Verarbeitung – bevor die nur halb aufgegessene Pizza in der Tonne landet. Eine wachsende Weltbevölkerung, die sich gesund ernähren will, kann sich das nicht leisten.

Fast jede dritte Möhre wird nicht geerntet

Die Ursachen für die Lebensmittelverschwendung sind unterschiedlich: In armen Ländern wie etwa afrikanischen Staaten südlich der Sahara würden bessere technische Ausrüstungen für Landwirte und eine bessere Infrastruktur die Ernte-, beziehungsweise Lagerungsverluste reduzieren. Verbraucher kommen dort lediglich auf sechs bis elf Kilogramm Müll – verglichen mit den 82 Kilogramm pro Kopf hierzulande.

In den reichen Ländern dreht sich die Verantwortung um. Müll vermeiden können in erster Linie Handel und Verbraucher. Denn Verluste bei der Ernte und Lagerung durch mechanische Zerstörung oder Schädlinge können trotz der heute verfügbaren Technik nicht immer verhindert werden. Überzogene Vorstellungen des Handels darüber, wie Gurken, Äpfel oder Karotten auszusehen haben, aber schon. Palettenweise gehen Lebensmittel bei geringen äußeren Makeln an Erzeuger zurück. Andere schaffen es nicht mal in den Vertrieb und bleiben gleich auf dem Acker liegen – diese Vergeudung fließt noch nicht einmal in die Berechnungen ein. Schätzungen gehen davon aus, dass 30 Prozent der Möhren und zehn Prozent der Äpfel nicht geerntet werden.

Und der Verbraucher? Der schaut bloß zu: Die geöffnete Sahne schimmelt mit einem bläulichen Belag hinten links im Kühlschrank, der Salat liegt schlapp herum, weil doch nicht genügend Zeit zum Schnippeln war.

Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen – Produkt ungenießbar?

Und dann ist da noch die Sache mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). Sind zwei Wochen drüber noch okay? Viele Verbraucher sind verunsichert und entsorgen vorsichtshalber das fragliche Produkt. Dabei halten die meisten Lebensmittel deutlich länger – Greenpeace Österreich hat es ausprobiert: Im Auftrag von Greenpeace durchgeführte Untersuchungen des Labors der österreichischen Lebensmittelversuchsanstalt (LVA) zeigten, dass Bio-Produkte noch Wochen nach Ablauf des MHD-Datums bedenkenlos genießbar waren. Ein Natur-Joghurt war selbst mehr als zwanzig Wochen nach dem MHD-Datum noch einwandfrei zu verzehren, Eier zeigten selbst nach Verdreifachung der MHD-Frist keine Beeinträchtigung – ältere Eier sollten allerdings nicht zu Frischeiprodukten verarbeitet werden. Das Vertrauen auf die eigenen Sinne (Sehen, Riechen, Schmecken) oder einfache Tests (zum Beispiel der Schwimmtest bei Eiern) sind häufig aussagefähiger als das MHD.

Denn das MHD ist kein Verfallsdatum, sondern soll vorrangig bestimmte Produkteigenschaften garantieren wie Cremigkeit oder Farbe. Im Gegensatz dazu werden leicht verderbliche Produkte wie frisches Hack- oder Geflügelfleisch mit einem Verbrauchsdatum versehen, das nicht überschritten werden sollte.

Rezepte gegen die Verschwendung

Das Problem mit dem MHD hat sich herumgesprochen. Broschüren wie die der Verbraucherzentrale geben hilfreiche Tipps, wie Verbraucher den Zustand eines Lebensmittels bewerten können. 

Doch auch der Handel muss umdenken: Statt Frischprodukte kurz vor Erreichen des MHD zu entsorgen, sollten diese zu deutlich verminderten Preisen angeboten oder Organisationen geschenkt werden, die sie an Bedürftige verteilen.

Lösen sollten wir uns auch von gängigen Schönheitsidealen. Was ist an „dreibeinigen“ Karotten oder krummen Gurke auszusetzen? Nichts, also ab damit in den Handel. In vielen Bio-Läden ist das längst üblich, in einigen Supermärkten mittlerweile auch. Erfahrungen zeigen: Kunden nehmen die unangepasste Ware an. Denn ein Qualitätskriterium ist die Form selbstverständlich nicht. Und eine ungekrümmte Gurke zaubert niemandem ein Lächeln ins Gesicht.

Darüber hinaus sind gesetzliche Maßnahmen nötig. Schließlich hat sich auch Deutschland dem UN-Ziel verpflichtet, die Lebensmittelverluste bis 2030 zu halbieren. Wirksame Ansätze sind – abgesehen von der sinnvollen, aber nicht ausreichenden Internet-Initiative lebensmittelwertschaetzen.de – bislang nicht erkennbar. Foodsharing, ein Online-Portal gegen Lebensmittelverschwendung, fordert beispielsweise ein Wegwerfverbot für Supermärkte oder eine Dokumentationspflicht für Lebensmittelverluste entlang der Wertschöpfungskette.

Was Sie gegen Lebensmittelverschwendung tun können, haben wir hier zusammengestellt:

  • Geben Sie krummem Obst und Gemüse eine Chance. Greifen Sie auf dem Markt zu herzförmigen Kartoffeln oder vernarbten Tomaten. Auch einige Supermärkte oder Online-Anbieter vermarkten Gewächse, die sich nicht in eine Norm pressen lassen.
  • Saisonales Obst und Gemüse aus der Region hält länger, weil es keinen langen Weg hinter sich hat.
  • Ihr Einkauf landet sowieso am Abend im Kochtopf? Vielleicht tun es dann auch Lebensmittel mit auslaufendem Mindesthaltbarkeitsdatum.
  • „So erkennen Sie, ob Lebensmittel noch gut sind“ – auch jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums. Ein zweiseitiges Infoblatt der Verbraucherzentrale bietet schnelle Orientierung und gibt Tipps zur richtigen Lagerung. 
  • Kaufen Sie nur das ein, was sie wirklich aufbrauchen. Ist es doch zu viel, geben sie Lebensmittel, die sich nicht lange halten, an Nachbarn. Oder laden Sie Freunde zum Essen ein. Vieles können Sie auch einfrieren.
  • Reste verkochen: Spaghetti von gestern, ein schrumpeliger Fenchel und ziemlich weiche Tomaten. Wenn das die Ausbeute in Ihrer Küche ist: Internet und Kochbücher zeigen, wie Kochen mit Resten geht.
  • Sie haben regelmäßig mit übriggebliebenen Tomaten, Broten oder Milchprodukten zu tun? Vielleicht wäre foodsharing.de was für Sie. Die Initiative rettet Lebensmittel vor dem Müll und kümmert sich um deren Verteilung.
  • Das Menü im Restaurant doch nicht geschafft? Kein Problem, wenn Sie Frischhaltedosen eingepackt haben.

Appetit auf weitere Tipps? Dann lesen Sie hier weiter. 

(Stand: April 2018)

Datum
Müllhalde mit Kühen in Ghana

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