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Greenpeace untersucht die Artktis vor Spitzbergen nach POP im Oktober 1999.
John Cunningham / Greenpeace

Industrieabfälle: Wenn die Chemie nicht stimmt

Sie stammen aus Produkten des täglichen Lebens: Weichmacher (Phthalate) stecken in PVC-Produkten wie Babyspielzeug, Perfluorierte Kohlenwasserstoffe in Outdoor-Bekleidung, Bisphenol A in Kassenzetteln und Babyschnullern. Viele Dauergifte verstecken sich in Elektrogeräten und Pestizide in Lebensmitteln und Trinkwasser. Zudem gelangen laufend neue Chemikalien auf die Weltbühne, deren Folgen für die Umwelt und den Menschen vor ihrem Einsatz kaum untersucht wurden. Dies trifft in besonderem Maße Länder wie China, Bangladesh, Vietnam und andere asiatische Staaten, in denen das Wirtschaftswachstum mit einer ungehemmten Industrialisierung einhergeht.

Sind solche Dauergifte einmal freigesetzt, können sie große Entfernungen zurücklegen. Als regelrechte Weltenbummler entfalten Umweltgifte ihre Wirkung nicht nur dort, wo sie hergestellt und eingesetzt werden, sondern auch Tausende von Kilometern entfernt. Obwohl die Dauergifte vor allem in den warmen und gemäßigten Regionen der Welt produziert und verbraucht werden, leiden besonders die Meere und die kalten Regionen der Erde. Da die Substanzen sehr stabil sind, werden sie kaum abgebaut. In der Kälte der Arktis, aber auch im Hochgebirge, frieren die Moleküle aus und gehen mit Schnee und Regen nieder. Diese Globale Destillation ist eine regelrechte Giftpumpe in arktische Regionen.

Unberechenbare Gefahr

Zur Armada dieser Giftprodukte gehören altbekannte Vertreter, wie das Insektengift Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT), chemische Isolationsflüssigkeiten wie Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder Dioxine, aber auch etliche Newcomer wie halogenierte Flammschutzmittel, die aus Handys und Computern ausdünsten, künstliche Moschusverbindungen, die Waschmittel und Kosmetika duften lassen, Phthalate, die als Weichmacher in PVC-Produkten dienen, Perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFC) aus wasserabweisenden Beschichtungen auf Outdoor-Bekleidung, Nonylphenol aus Waschmitteln in der Textilproduktion oder TBT (Tributylzinn), das als Schiffsanstrich den Bewuchs von Schiffen mit Algen, Seepocken und Muscheln verhindern soll.

Dazu kommen Tausende langlebige Chemikalien, von denen Chemiker weder die Zusammensetzung noch die biologische Wirkung kennen. Es handelt sich um die Vielzahl von Nebenprodukten der chemischen Produktion, die vor allem mit Industrieabwässern in die Flüsse gespült werden. Ein Teil davon fließt ungehindert in die Flüsse und ins Meer, andere lagern sich in den Hafenbecken an den Flussmündungen ab. Der Hafenschlick in Hamburg und Rotterdam muss wegen der Giftfracht aus Elbe und Rhein als Sondermüll auf Spezialdeponien gelagert werden.

Das Problem wird verlagert

Das Gefahrenpotenzial der Dauergifte ist unbestritten. Sie können Krebs erregen, greifen in den Hormonhaushalt ein und schädigen das Immunsystem. Menschen und Tiere rund um den Globus deponieren beträchtliche Mengen dieser langlebigen Umweltgifte in ihrem Körpergewebe und ihrem Blut.

Das Insektengift Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) etwa reichert sich wegen seiner chemischen Stabilität und guten Fettlöslichkeit im Gewebe von Menschen und Tieren am Ende der Nahrungskette an und zeigt hormonähnliche Wirkungen.

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind giftige und krebsauslösende chemische Chlorverbindungen, die als Hydraulikflüssigkeit oder als Weichmacher in Lacken oder Kunststoffen dienen. PCB sind nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen in Industrieländern verboten. In anderen Ländern, darunter Indien, Argentinien, Russland oder Mexiko, werden sie jedoch weiter hergestellt und eingesetzt.

Einige Vertreter der Perfluorierten Kohlenwasserstoffe wie PFOA und PFOS stehen im Verdacht, Krebs auslösen zu können oder hormonell wirksam zu sein.

Auch die Produzenten im reichen Norden haben noch keine weiße Weste. Viele geächtete Substanzen wurden nicht durch umweltverträgliche Alternativen, sondern durch ebenso gefährliche Nachfolger ersetzt. Beispielsweise sind die Ersatzstoffe für PFOA und PFOS es ebenso langlebig und z.T. bioakkumulativ, so dass sie im menschlichen Blut auf allen Kontinenten nachzuweisen sind.

Pestizide im Trinkwasser

Tausende von Biobauern erzeugen ohne chemische Belastung von Böden und Grundwasser gesunde und hochwertige Nahrungsmittel. Die konventionelle Landwirtschaft setzt jedoch noch immer auf den Einsatz von Pestiziden. Ein Teil der biologisch hochaktiven Chemikalien werden versickert ins Grundwasser – oft auch Quelle unseres Trinkwassers.

Neue Pestizide dürfen zwar in der EU nur zugelassen werden, wenn sie den Trinkwassergrenzwert im Grundwasser nicht überschreiten. Von Entwarnung kann dennoch keine Rede sein: Wegen Lücken im deutschen Zulassungsrecht sind viele Pestizide zugelassen, obwohl sie krebserregend wirken, das Erbgut, die Fruchtbarkeit oder das Nervensystem von Mensch und Tier schädigen können. Pestizide, die vor 1991 zugelassen wurden - und das ist die Mehrzahl - unterliegen nicht den strengeren Anforderungen der neuen EU-Pestizidrichtlinie. So bleiben gefährliche Agrargifte im Handel.

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