Bedrohte Wasserschutzgebiete: Gefahr fürs Trinkwasser
- Ein Artikel von Kristina Oberhäuser
- mitwirkende Expert:innen Anne Hamester
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- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Ausgerechnet da, wo unser Trinkwasser am strengsten geschützt werden sollte, greifen derzeit keine strengen Düngeauflagen – ein Fünftel der Wasserschutzgebiete sind bereits nitratbelastet.
Das Problem ist bekannt: Übermäßige Düngung in der industriellen Landwirtschaft belastet das Grundwasser in Deutschland seit Jahren massiv mit Nitrat – weil wirksame Düngeregeln fehlen. Eine Greenpeace-Analyse auf Basis amtlicher Geodaten zeigt nun, dass auch Wasserschutzgebiete auf einer Fläche von 7.741 km² betroffen sind – eine interaktive Karte verdeutlicht das Ausmaß. Somit liegen 19 Prozent der Wasserschutzgebiete in sogenannten Roten Gebieten. Als Rote Gebiete werden landwirtschaftliche Flächen bezeichnet, deren Grundwasser stark mit Nitrat belastet ist. Dort sollten eigentlich strengere Düngeregeln zum Schutz des Grundwassers gelten. Nach einem verwaltungsgerichtlichen Urteil greifen die in diesen Gebieten vorgesehenen strengeren Düngeauflagen jedoch seit knapp einem Jahr nicht mehr. Dabei verurteilte das Gericht die Verordnung nicht inhaltlich, sondern verfahrenstechnisch. Seitdem steht Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) in der Pflicht, eine neue Verordnung zu erlassen. Auf der heute beginnenden Agrarministerkonferenz könnten Bund und Länder sich auf eine weitreichende Deregulierung der Düngeregelungen generell einigen und die verschärften Düngeregelungen in den nitratbelasteten Roten Gebieten aufgeben.
„Ausgerechnet dort, wo unser Wasser besonders geschützt werden soll, liegen die Düngebeschränkungen brach. Die Agrarminister:innen von Bund und Ländern müssen für das neue Düngejahr ein rechtssicheres Düngerecht beschließen, sonst zahlen auch Verbraucher:innen doppelt: Erhöhte Nitratwerte im Grundwasser bergen Risiken für die menschliche Gesundheit. Die Aufbereitung nitratbelasteten Grundwassers zu Trinkwasser wird in vielen Regionen aufwendiger und dadurch teurer.“
Die interaktive Karte macht die geografische Überschneidung von Trinkwasserschutzgebieten und belasteten Roten Gebieten bundesweit sowie bis auf die kommunale Ebene transparent und enthält eine Analyse für jedes Bundesland.
Ranking: Welche Bundesländer sind besonders betroffen
In welchen Ländern Wasserschutzgebiete besonders von nitratbelasteten Roten Gebieten betroffen sind, zeigt das von Greenpeace aufgestellte Ranking: So ist das Grundwasser stärker verunreinigt in Regionen mit hoher Viehdichte (wie in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen), intensiver Ackerbaunutzung (wie beispielsweise in Sachsen) oder in Gebieten mit durchlässigen Böden (wie in Schleswig-Holstein oder Mecklenburg-Vorpommern).
- Mecklenburg-Vorpommern (61 Prozent Schutzlücke): Mehr als drei Fünftel der Wasserschutzgebietsfläche liegen ungeschützt in Roten Gebieten. Hauptursache sind großstrukturierte Agrarflächen auf leichten, extrem durchlässigen Sandböden, durch die überschüssiger Dünger rasch ins Grundwasser sickert.
- Niedersachsen (38 Prozent Schutzlücke): Mit 1.904 km² weist Niedersachsen flächenmäßig die zweitgrößte Fläche nitratbelasteten Grundwassers in Wasserschutzgebieten auf. Hier trifft die Aussetzung der Schutzregeln auf die bundesweit höchste Viehdichte mit enormen Überschüssen an Gülle und Mist.
- Nordrhein-Westfalen (23 Prozent Schutzlücke): Knapp ein Viertel der Schutzgebietsfläche ist betroffen. Massentierhaltung im Münsterland und intensiver Gemüsebau am Niederrhein führen infolge der Überdüngung zu hoher Nitratbelastung in Wasserschutzgebieten.
- Weitere Bundesländer: Auch in Hessen (21 Prozent), Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Sachsen (jeweils rund 20 Prozent) fehlt auf rund einem Fünftel der Wasserschutzflächen der verordnete Schutz vor Nitrat.
Was sind Wasserschutzgebiete?
Kurz und knapp
Wasserschutzgebiete sind rechtlich festgelegte Areale, die Grund- und Oberflächenwasser vor Verunreinigungen durch Pestizide, Dünger oder Schadstoffe schützen sollen. Für die Trinkwasserversorgung sind sie unverzichtbar, da sie die natürliche Wasserqualität sichern. Unterteilt in verschiedene Schutzzonen gelten dort gestaffelte Auflagen etwa für Bauvorhaben, Düngung oder Pestizide. Die Auflagen in Wasserschutzgebieten sind durch die Wasser- und Umweltbehörden der Länder geregelt und daher nicht einheitlich.
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Juristisches Vakuum sorgt für mehr Überdüngung
Dass die strengeren Regeln zum Wasserschutz aufgehoben wurden, geht auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom Oktober 2025 zurück. Das Gericht erklärte die Landesverordnungen für unwirksam, weil eine bloße Verwaltungsvorschrift des Bundes verfassungsrechtlich nicht als Grundlage ausreiche. Der Bund solle eine Verordnung zur Gebietsausweisung vorlegen. Das ist bis heute nicht geschehen. In der Folge hoben zahlreiche Bundesländer ihre Landesdüngeverordnungen auf oder setzten den Vollzug der verschärften Düngeregelungen aus.
„Mitten in der laufenden Düngesaison galten auf besonders sensiblen Flächen faktisch keine verschärften Auflagen mehr. Dieser Kontrollverlust wurde noch verschärft durch die Abschaffung der Stoffstrombilanzverordnung, die erst transparent machte, ob ein Hof gewässerschonend wirtschaftet oder überdüngt.“
Bundeslandwirschaftsminister Alois Rainer (CSU) sowie die Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg planen, die Düngeauflagen in den sensiblen Gebieten generell abzuschwächen. Sollten die Agrarminister:innen diesen Vorschlägen folgen, wird der Gewässerschutz massiv geschwächt und steuert Deutschland somit erneut auf ein EU-Vertragsverletzungsverfahren zu. Das jüngste Verfahren war 2023 nur unter der Auflage funktionierender Schutzinstrumente eingestellt worden. Bei andauernder Untätigkeit drohen Strafzahlungen von über 850.000 Euro täglich.
„Um Grundwasser zu schützen und Landwirt:innen Planungssicherheit zu geben, muss das Düngerecht vollständig überarbeitet werden. Doch die Agrarminister:innen hebeln das Schutzsystem der Roten Gebiete aus und rennen damit sehenden Auges in ein neues kostspieliges EU-Verfahren“, so Hamester.
Greenpeace fordert von den Agrarminister:innen von Bund und Ländern:
- Rechtssicheres Düngerecht bis Februar 2027: Das Schutzsystem der Roten Gebiete muss über eine rechtssichere Verordnung wieder vollständig in Kraft gesetzt werden.
- Verbindliche Nährstoffbilanzierung: Die betriebsgenaue Bilanzierung von Stickstoff und Phosphor muss unverzüglich wieder eingeführt werden.
- Keine Aushöhlung des Gewässerschutzes: Statt vager Ausnahmeregelungen muss das Verursacherprinzip konsequent durchgesetzt werden, um Trinkwasserressourcen langfristig zu sichern und EU-Strafen abzuwenden.