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Mensch in Schutzkleidung mit Spritzmitteldüse im Gewächshaus. Motiv aus dem Film "Unser täglich Brot".
www.unsertaeglichbrot.at

Der Regisseur über den Film - ein Interview

Warum hast Du diesen Film gemacht?

Grundsätzlich mache ich Filme, die ich selber gerne sehen möchte. Mich faszinieren Zonen, wo man normalerweise nicht hineinsieht. Die Lebensmittelproduktion ist ein geschlossenes System, von dem man ganz unklare Vorstellungen hat. Es herrscht eine Entfremdung in Bezug auf die Entstehung unserer Nahrung und auf diese Arbeitswelten, die es lohnt, aufzubrechen.

In Unser täglich Brot gibt es wie in allen Deinen Filmen keinen Off-Kommentar, hier gibt es aber auch keine Interviews ...

Ich denke meine Filme meistens in Plansequenzen, in denen dann auch Interviewszenen enthalten sind. Hier werden Arbeitswelten gezeigt, die für sich stehen. Die Menschen arbeiten in Räumen, die sehr menschenleer sind, während der Arbeit wird nicht viel gesprochen.

Der Film will reale Arbeitssituationen zeigen, und in langen Einstellungen genügend Raum lassen für Gedanken und Assoziationen dazu. Das Publikum soll einfach in diese Welt eintauchen und sich selbst eine Meinung bilden. Über die einzelnen Betriebe und Daten und Fakten informiert der Film nicht. Das ist für diesen Film auch irrelevant, ob die Kükenfirma in Österreich, Spanien oder Polen ist, und auch wie viele Millionen Schweine pro Jahr in dem gezeigten Großbetrieb geschlachtet werden. Diese Aufklärung wird durch den Journalismus, durch Fernsehen geleistet, das ist für mich nicht die Aufgabe eines Kinofilms.

Ich denke auch, dass es mir als Zuschauer zu leicht gemacht wird, wenn ich mit Informationen abgefüttert werde. Das berührt mich kurzzeitig, regt mich auf, wird dann aber sehr schnell relativierbar, und funktioniert wie alle übrigen Sensationsnachrichten, mit denen wir Tag für Tag zugemüllt werden, weil sie die Verkaufszahlen der Medien heben - die uns und unsere Wahrnehmung der Welt aber letztlich stumpf werden lassen. Hier soll der Blick hinter die Strukturen zugelassen werden, Zeit gegeben werden, Geräusche und Bilder wahrzunehmen und die Auseinandersetzung mit einer Welt ermöglicht werden, die unsere Grundnahrungsmittel herstellt und doch so verdrängt wird.

Wie schwierig war es, Drehgenehmigungen zu bekommen?

In wenigen Fällen sehr leicht, weil die Betriebe stolz sind auf das, was sie leisten, auf Erfindungen und Arbeitsabläufe, Produktsicherheit und sie auch Lust hatten, bei einem Film mitzuarbeiten, wobei es sicherlich geholfen hat, auf frühere Werke verweisen zu können. Es gibt auch Leute in diesen Firmen, die die Entfremdung der Konsumenten von der Herstellung der Nahrungsmittel als Problem betrachten, weil es so seitens der Konsumenten auch kein Verständnis für ihre Anliegen gibt.

Sehr viele Firmen haben aber Angst vor der Öffentlichkeit, vor dem, was so ein Film deutlich machen könnte, weil es natürlich immer wieder Skandale gibt, und sie sich vielleicht denken: wenn schon ein Skandalfilm, sollen sie ihn bei der Konkurrenz drehen!

Dem Film geht es aber nicht darum, Skandale aufzudecken?

Ich wollte so sachlich wie möglich Bilder dieser Branche, dieser Arbeitswelt sammeln und sie wahrnehmbar machen. In dieser hochtechnisierten Welt liegt die Faszination, die von Maschinen und der Machbarkeit, dem menschlichen Erfindungs- und Organisationsgeist ausgeht, eng neben Grauen und Kälte. Hier werden Pflanzen und Tiere genauso behandelt wie irgendwelche anderen Waren, und auf reibungsloses Funktionieren wird großer Wert gelegt.

Wenn man das, durchaus zu Recht, als Skandal betrachten will, dann muss man aber auch weiterdenken. Dann ist das der Skandal unseres Lebensentwurfs, weil diese ökonomische, seelenlose Effizienz in einem wechselseitigen Verhältnis zu der Lebensweise unserer Gesellschaft steht. Jetzt zu sagen: Kauft mehr Bio! Esst weniger Fleisch! ist sicher nicht falsch. Aber es ist auch ein Ausrede, weil wir alle täglich von den Früchten der Automatisierung und Industrialisierung und Globalisierung profitieren, die ja über den Bereich der Nahrung weit hinausgehen.

Ist so für Dich auch der Titel des Films Unser täglich Brot, mit seinem religiösen Anklang, zu verstehen?

Der Titel verweist auf unsere Kulturgeschichte und wirkt durch seine religiöse Assoziation umso krasser, wenn man dann sieht, wie der Mensch mit seinen Ressourcen und seinen lebenden Kollegen umgeht. Ich denke ja immer weiter, die nächste Strophe wäre dann: Und vergib uns unsere Schuld. Aber er verweist auch auf den täglichen Broterwerb, auf die Normalität dieses Alltags, auf die Frage, wie arbeitet der Mensch, und wie hat sich diese Arbeit verändert? Wer steuert die Maschinen, wer kontrolliert die Prozesse - und wer gräbt mit den Händen in der Erde oder pflückt die Gurken vom Strauch? Wie ist das tägliche Brot aufgeteilt im gegenwärtigen Europa?

Der Film schafft so auch ein Stück Zeitgeschichte?

Das denke ich schon. Ich sehe meine Filme immer auch als Filme für die Archive, die man in 50 oder 100 Jahren ausgraben wird und sich anschaut und denkt: So haben die das damals auch schon gemacht oder Das haben die damals noch so gemacht. So hat etwas angefangen oder ist zu Ende gegangen. Formal versuche ich so zeitlos wie möglich zu sein, es sollte ja nicht darum gehen, zu sagen, so haben die Filme damals ausgeschaut. Mir ist wichtig, dass ein Film ein Stück Zeit, ein Stück Geschichte festhält. Ganz besonders gilt das auch für diesen Film.

(Quelle: Presseheft zum Film; das Gespräch mit Nikolaus Geyrhalter führte Silvia Burner)

  • Der Regisseur des Dokumentarfilms "Unser täglich Brot" Nikolaus Geyrhalter, 2005.

    Regisseur Nikolaus Geyrhalter

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