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Ziemlich beste Freunde

Mächtige Manager und Politiker haben sich gegen den Klimaschutz in Europa verbündet. Sie möchten die CO2-Grenzwerte für Neuwagen in der EU noch weiter aufweichen. Gestern feierten sie einen Triumph. Die Bundesregierung hat die Abstimmung über europäische Grenzwerte platzen lassen. Greenpeace zeigt wie das Netzwerk der Autolobby funktioniert.

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Matthias Wissmann: Wenn es für die Autoindustrie eng wird, pflegt der Präsident des Verbands der Autoindustrie (VDA) eine enge Freundschaft zur Bundeskanzlerin. "Liebe Angela", begann er einen Brief vom 8. Mai. Er bat die Kanzlerin darum, alles daran zu setzen, möglichst lasche Grenzwerte in der EU durchzusetzen. Für die deutsche Autoindustrie sei "eine stärkere Anrechenbarkeit besonders effizienter Modelle auf den Flottendurchschnitt eines Herstellers" wichtig. Das Rechenmodell, das den Absatz von Spritschluckern absichern soll, läuft unter dem Zauberwort "Supercredits".

Angela Merkel: Die Bundeskanzlerin liebt ihren Titel als Klimakanzlerin. Der gehört ihr aber schon lange aberkannt. Nachdem sie den Bettelbrief des VDA erhalten hatte, sprang sie der Autoindustrie Ende Mai öffentlich bei: "Daher kommt dem Wort Supercredits eine Super-Bedeutung zu", sagte sie auf einem Elektroautogipfel in Berlin. Jahrelang in der EU verhandelte Ergebnisse waren ihr plötzlich egal. Dabei ignorierte sie, dass sie nicht mal für alle Autohersteller in Deutschland sprach. VW und Ford bekennen sich öffentlich zum EU-Ziel ohne wenn und aber. In der entscheidenden Nacht vor der Abstimmung der EU-Ratspräsidenten griff Merkel Berichten zufolge persönlich zum Hörer und stimmte einige Regierungschefs um.

David Cameron: Der britische Ministerpräsident legte regierungsnahen Quellen zufolge einen U-Turn hin. Cameron wurde auf der Seite derer vermutet, die das EU-Gesetz unterstützen. Aber auch ihn ereilte offenbar ein Anruf von Kanzlerin Merkel. Wie sich Deutschland für Camerons Schützenhilfe revanchiert hat, ist unklar. Auch andere Regierungschefs haben sich auf den Kurs von Merkel eingelassen.

Norbert Reithofer: Der BMW-Chef hat nie verheimlicht, ein Verfechter von lascheren Grenzwerten in der EU zu sein. Zwar gibt sich der Münchner Autobauer mit dem Elektromodell i3 gerne einen grünen Anstrich, aber hinter den Kulissen entpuppten sich die Bayern als härteste Fürsprecher der Supercredits. "Derzeit erhalten Elektroautos auch in der EU einen sogenannten 'Supercredit'. Dieser soll 2015 auslaufen. Das wäre ein falsches Signal", sagte er bei der Vorlage der BMW-Ergebnisse im ersten Quartal.

Dieter Zetsche: Weniger laut als BMW, aber auch der Daimler-Chef gehört zur Fraktion, die mehr, mehr, mehr fordern - also mehr Supercredits und somit schwächere Grenzwerte. Im Vergleich der deutschen Premiumhersteller hat Daimler diese auch am bittersten nötig. Mit 153,5 Gramm je Kilometer im Schnitt, besitzen die Stuttgarter den höchsten CO2-Ausstoß unter den deutschen Premiumherstellern. Damit Daimler ein enger Draht zu Merkel sicher ist, wechselt der Merkel-Vertraute und Staatsminister im Bundeskanzleramt Eckart von Klaeden noch dieses Jahr zu Daimler, wo er auf den Posten des Chef-Lobbyisten rückt.

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