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Schmutzige Wäsche belastet weltweit Gewässer

Weltwassertag und die Textilindustrie

Ohne Wasser kein Leben: Die Versorgung von sieben Milliarden Menschen mit Trinkwasser stellt die Weltgemeinschaft vor enorme Herausforderungen, sagt Manfred Santen am Weltwassertag. Im Interview erklärt der Chemieexperte von Greenpeace, welche Auswirkungen die Globalisierung auf die Wasserqualität weltweit hat und welche Verantwortung die Textilindustrie trägt.

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Heute ist der World Water Day. Was hat es damit auf sich?

Ohne Wasser kein Leben: Die Versorgung von sieben Milliarden Menschen mit Trinkwasser stellt die Weltgemeinschaft vor enorme Herausforderungen. Derzeit leben etwa 50 Prozent der Weltbevölkerung in Städten . Alle diese Menschen müssen mit Trinkwasser versorgt werden. Schon jetzt haben geschätzt 900 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser, etwa 2,6 Milliarden Menschen mangelt es an sanitärer Grundversorgung. Mit dem World Water Day will die UN dieser Herausforderung Rechnung tragen.

Sind unsere Gewässer sauber?

Vor 30 Jahren schillerten und schäumten einige deutsche Flüsse noch. Die Chemieunfälle an Rhein und Elbe gaben der Umweltbewegung in den 1970er und 1980er Jahren starken Rückenwind. In Europa hat sich die Wasserqualität nicht zuletzt dank der Aktionen von Greenpeace seitdem erheblich verbessert. Doch das Problem Wasserverschmutzung ist damit keinesfalls aus der Welt geschafft. Es wurde im Zuge der Globalisierung in andere Regionen der Welt verlagert. Die Ressource Wasser verknappt, viele Zukunfstforscher sehen deshalb Wasser als mögliche Ursache künftiger Konflikte, sogar Kriege.

Welche Auswirkungen hat die Produktion von Textilien auf Gewässer?

Das Beispiel Textilproduktion zeigt, wie Umweltprobleme auf Kosten der Entwicklungsländer globalisiert werden. Bei der Produktion von Kleidung in diesen Ländern gelangen riesige Mengen an Chemikalien ins Abwasser. In unserem Report Schmutzige Wäche haben wir im letzten Jahr Standorte in China beprobt. Wir haben nachgewiesen, dass bestimmte Chemikalien auch mit Kläranlagen nicht aus dem Abwasser gefiltert werden können - z.B.Nonylphenolethoxylate (NPE). NPE sind in Europa seit 2003 verboten bzw. stark in der Nutzung eingeschränkt, in China und anderen Ländern dürfen sie noch verwendet werden.

Welche Auswirkungen haben NPE im Abwasser?

In der Textilproduktion werden NPE als Tenside, das heißt als fettlösende Waschmittel, eingesetzt. Wenn NPE mit dem Abwasser in Gewässer gelangen, wird Nonylphenol (NP) abgespalten. NP ist toxisch und eine hormonell wirksame Chemikalie, die insbesondere für Wasserorganismen hoch toxisch sein kann und zum Beispiel zur Verweiblichung von Fischen führen kann.

Warum ist das Problem nicht auf die Produktion der Kleidung beschränkt?

Anders als in früheren Untersuchungen haben wir uns mit dem neuen Report Schmutzige Wäsche: Gefährliche Chemie aus der Waschtrommel nicht auf die Freisetzung von NPE im Produktionsprozess konzentriert, sondern auf die Rückstände in Import-Textilien. Unser Report zeigt, dass die NPE mit der ersten und zweiten Wäsche vom Verbraucher ausgewaschen werden. Wir zeigen, dass es sich um einen globalen Schadstoffkreislauf handelt. Wir haben es mit doppelten Standards zu tun: Chemikalien, die hier nicht mehr erlaubt sind, werden in Asien weiter eingesetzt und über Importartikel wieder bei uns eingeführt. In der Verantwortung stehen die Hersteller der Kleidung. Wir zeigen mit unserem neuen Bericht, dass das Problem die gesamte Branche betrifft und nicht bloß die sechs Unternehmen, die wir nach den letzten zwei Reports an den Verhandlungstisch bekommen haben.

Wie seid ihr zu den Messergebnissen gekommen?

Wir sind leider auf Schätzungen angewiesen, weil uns die Firmen nicht sagen, wie viel sie verkaufen. Für unsere Berechnungen haben wir die freiwilligen NPE-Grenzwerte (100 PPM), die sich die Unternehmen selbst auferlegt haben, zugrundegelegt und anhand von Zahlen des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle berechnet, dass über 88 Tonnen NPE nach Deutschland eingeführt werden. Das ist eine konservative Schätzung, weil wir nicht davon ausgehen können, dass alle Unternehmen solche freiwilligen - und nach unserer Meinung dennoch viel zu hohen - Grenzwerte einhalten.

Tut sich mittlerweile was in China auf der politischen Ebene?

Wir schreiben es auch dem Erfolg unserer Kampagne zu, dass im Juli 2011 das chinesische Umweltministerium erklärt hat, dass NPE auch in China reglementiert werden müssen. Bis solche Reglementierungen in verbindliche Gesetzestexte gefasst sind, vergeht nur leider meistens viel Zeit - gerade in China, wo Regionalregierungen die Beschlüsse der Zentralregierung erst noch umsetzen müssen. Deshalb wenden wir uns an die großen Textilkonzerne - sie tragen die Verantwortung für die von ihnen verkauften Kleidungsstücke. Und sie haben den Einfluss auf die Lieferanten vor Ort und können eine saubere Kleidungsproduktion fordern.

Publikationen

Report: Schmutzige Wäsche (Teil 1)

Der Greenpeace-Report gibt einen Einblick, wie die Textilindustrie chinesische Flüsse mit gefährlichen Chemikalien verschmutzt. Die belasteten Gewässer bedrohen wiederum wertvolle Ökosysteme und die Gesundheit der Bewohner.

Zur Kampagne

Zeit zu entgiften!

Mehr als 90 Prozent unserer Kleidung kommen aus Asien. Dort vergiftet die Textilindustrie die Gewässer. Doch immer mehr Verbraucher protestieren – und konsumieren anders.

Alle Artikel zu dieser Kampagne

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