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FSC - noch auf Linie?

Zum FSC-Siegel für Holz- und Waldprodukte gibt es keine echte Alternative, doch die kritischen Stimmen zur Zertifikatvergabe mehren sich. Waldexperte Christoph Thies erklärt, wie Greenpeace zu dieser Kritik steht und was den FSC auszeichnet. Thies ist Mitglied des FSC für Greenpeace International.
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Online-Redaktion: Christoph, wie ist der Forest Stewardship Council aufgebaut und wer ist Mitglied?

Christoph Thies: Der FSC besteht aus drei Kammern: der Umweltkammer, der Sozialkammer und der Wirtschaftskammer. In diesen Kammern sind Firmen, Umweltorganisationen, Menschenrechtsgruppen, Gewerkschaften und Vertreter indigener Völker vertreten.

Online-Redaktion: Was unterscheidet den FSC von anderen Zertifizierern wie beispielsweise dem PEFC*?

Christoph Thies: Der FSC ist im Bereich Holz und Wald international das einzige echte Zertifizierungssystem in dem Sinne, dass nach vorgegebenen Standards unabhängig geprüft wird. Und zwar durch Dritte, damit Wirtschaft oder Regierungen sich nicht selber überprüfen. Nur beim FSC findet eine transparente, unabhängige Überprüfung von Standards statt. PEFC ist in unseren Augen überhaupt kein echtes Zertifikat, denn da überprüft sich die Wirtschaft selber.

Online-Redaktion: Wer kontrolliert das beim FSC?

Christoph Thies: Die Mitglieder selber müssen aufpassen, dass die Abläufe sauber sind. Wenn etwas nicht in Ordnung ist, gibt es die Möglichkeit der Beschwerde und eine transparente Beschwerdeprozedur. Das ist eine sehr wichtige Eigenschaft des FSC. Das gibt es bei anderen Siegeln nicht. Auf diesem Weg können wir erreichen, dass bei einer Zertifizierung Korrekturen vorgenommen werden oder ein Zertifikat sogar wieder zurückgenommen werden muss. Das kommt beim FSC vor und zeigt, dass das System lernfähig ist. Der FSC bildet einen Kompromiss zwischen ökologischen, sozialen und Wirtschaftsinteressen. Das Ergebnis ist aus unserer Ökologensicht nicht immer perfekt.

Online-Redaktion: Der FSC wird seit Jahren kritisiert. Es heißt, er vergebe Zertifikate, die den eigenen Ansprüchen nicht standhalten. Gibt es also trotz aller eingebauten Vorsorgemaßnahmen Schwächen im System?

Christoph Thies: Zum Teil liegt das wie gesagt sicherlich daran, dass unterschiedliche Interessen, wirtschaftliche, soziale und ökologische, unter einen Hut gebracht werden sollen. Das ist nicht immer einfach. Und es gibt natürlich Bereiche, in denen das Wirtschaftsinteresse sehr stark durchkommt, das kann zum Beispiel bei regionalen Standards passieren. Dann reicht das Ergebnis aus ökologischer Sicht womöglich nicht aus.

In solchen Fällen werden wir aktiv und üben Kritik - und zwar möglichst intern. Wir wollen den FSC, der ja in Konkurrenz zu anderen Siegeln steht, die in unseren Augen keine echten Siegel sind, natürlich nicht unnötig öffentlicher Kritik aussetzen. Aber wenn wir merken, dass bestimmte Dinge sich intern nicht ausreichend klären lassen, haben wir, wie andere auch, die Möglichkeit und das Recht, an die Öffentlichkeit zu gehen. Auch als Mitgliederverband des FSC.

Online-Redaktion: Ist auch denkbar, dass Greenpeace ab einem bestimmten Punkt sagt, jetzt geht es nicht mehr, wir steigen aus?

Christoph Thies: Wenn wir an irgendeinem Punkt feststellen müssten, dass der FSC Kompromisse eingeht, die weit entfernt sind von unserer eigenen Position, dass eine Annäherung ausgeschlossen ist, die Positionen im Gegenteil immer weiter auseinanderdriften, dann ist nicht ausgeschlossen, dass Greenpeace die Mitgliedschaft aufgibt, ja.

Das würden wir uns aber sehr gut überlegen, denn dann müssten wir sofort eine Alternative ins Leben rufen. Sonst könnten wir dem Verbraucher in Sachen Wald und Holz gar nichts mehr raten und hätten auch keine gute Möglichkeit mehr, auf dem Markt Einfluss zu nehmen. Insofern versuchen wir natürlich erst einmal alles, um kritische Punkte intern zu klären und die Wirtschaftskammer zu überzeugen, dass es letztlich auch in ihrem Interesse ist, dem Verbraucher optimale ökologische Qualität anzubieten. Das war ja ursprünglich der Grund, warum der FSC entstanden ist: ökologische Waldwirtschaft.

Online-Redaktion: Derzeit wird besonders die Vergabepraxis im Kongobecken angeprangert. Was passiert dort?

Christoph Thies: Der FSC möchte natürlich in Regionen wie dem Kongobecken expandieren. Er geht davon aus, dass er dort Verbesserungen erreichen kann, und gerade in Afrika ist der FSC bis heute gegenüber anderen Regionen noch sehr wenig präsent.

Wir dagegen sagen, gerade im Kongobecken und ganz extrem in der Demokratischen Republik Kongo, dem größten Land des Kongobeckens, sind noch nicht einmal Minimalvoraussetzungen für die Beteiligung der lokalen Bevölkerung, der Zivilgesellschaft gegeben. Da gibt es eigentlich gar keinen Staat, keine funktionierende Regierung, und es gibt massive Korruption. Es fehlen aus unserer Sicht die Grundvoraussetzungen für eine erfolgreiche, transparente Zertifizierung.

Dazu kommt, dass es gerade dort noch riesige Flächen intakter Urwälder gibt. In diesen intakten Urwäldern sind in erheblichem Maße schon Konzessionen für den Holzeinschlag vergeben worden. Industrieller Holzeinschlag und die zugehörigen Waldwege würden aber in intakten Urwäldern unwiderrufliche Schäden hervorrufen. Das muss verhindert werden.

Online-Redaktion: Wie kann es passieren, dass eine Firma wie Sodefor das FSC-Siegel erhält, obwohl sie in Landkonflikte verwickelt ist?

Christoph Thies: Wir waren auch schockiert, dass Sodefor angesichts massiver sozialer Probleme das Siegel bekommen konnte. Außerdem sind davon große intakte Urwaldgebiete betroffen. Wir haben dagegen Beschwerde eingelegt und arbeiten daran, dass das Zertifikat zurückgezogen wird.

Online-Redaktion: Bist du zufrieden mit dem Ergebnis der diesjährigen Hauptversammlung im malaysischen Kota Kinabalu? Was müsste sich deiner Meinung nach ändern?

Christoph Thies: Es gab auf der Hauptversammlung eine ganze Reihe von Gesprächen mit der Geschäftsführung, dem Vorstand, Firmen etc., aber ein Durchbruch konnte noch nicht erzielt werden. Wir bleiben natürlich dran.

Wir konnten eine Reihe wichtiger Themen ansprechen wie intakte Urwälder, Zertifizierung in Risikogebieten mit hoher Korruption und ohne Beteiligung der Zivilgesellschaft und Urbevölkerung. Andere Themen haben wir über Anträge angeschoben, beispielsweise die Bedeutung des Wald-Kohlenstoffs fürs Klima.

Aber ansprechen allein reicht nicht. Zu diesen und anderen wichtigen Themen, zum Beispiel zur Revision der globalen Prinzipien und Kriterien, brauchen wir klare Beschlüsse, die die ökologische und soziale Qualität der Waldzertifizierung deutlich machen.

Online-Redaktion: Was rätst du Verbrauchern?

Christoph Thies: Dem Verbraucher empfehlen wir weiterhin generell Produkte mit dem FSC-Siegel - es ist das einzige Zertifikat, das vom Ansatz her diesen Namen verdient.

Natürlich werden wir regionale Probleme bei dessen Umsetzung nicht verschweigen. Es macht aber keinen Sinn, längerfristig zwischen FSC-Siegeln verschiedener Regionen zu unterscheiden. Vielmehr drängen wir darauf, dass für den Verbraucher eine global weitgehend vergleichbare Qualität erreicht wird.

* Programme for the Endorsement of Forest Certification Schemes - ein internationales Waldzertifizierungssystem

(Stand: Juli 2011)

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