300 Jahre nachhaltige Forstwirtschaft: Mehr Schein als Sein

300 Jahre nachhaltige Forstwirtschaft - das klingt zunächst nach einem Grund zum Feiern. Doch bei genauerem Hinsehen stellt man schnell fest, dass sich hinter diesem Begriff mehr Schein als Sein verbirgt. Greenpeace hat die wichtigsten Fragen und Argumente zu dem Thema nachhaltige Forstwirtschaft zusammengefasst.
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Woher stammt der Begriff der Nachhaltigen Forstwirtschaft?

Der sächsische Oberberghauptmann Hanns Carl von Carlowitz benutzte den Begriff in seinem 1713 erschienen Buch „Sylvicultura oeconomica“ erstmals, ohne näher auf den Begriff einzugehen. Beschrieben wurde der Begriff dann 1795 vom Forstwissenschaftler Georg Ludwig Hartig - auch wenn er selbst mit diesem Begriff nicht gearbeitet hat. Lange Zeit wurde von „Nachhaltigkeit der Nutzung“ gesprochen, wenn bei der Bewirtschaftung „immer nur so viel Holz entnommen wird, wie nachwachsen kann“.

Welche Bedeutung hatte das Werk von Carlowitz für die Forstwirtschaft?

Obwohl der Begriff der Nachhaltigkeit in von Carlowitz’ Werk nur einmal erwähnt wird, gilt Carlowitz als „Erfinder“ der Nachhaltigkeit. Heute, in Zeiten der Ressourcenverknappung bei gleichzeitigem Bevölkerungswachstum haben die von Carlowitz erstmals erwähnten Grundsätze der Nachhaltigkeit für die Gesellschaft eine große Bedeutung erlangt.

Ein wichtiger Meilenstein für die Prägung des Begriffs der Nachhaltigkeit war die Veröffentlichung des Brundtland-Berichts im Jahr 1987. Der Gedanke der Generationengerechtigkeit tauchte hier erstmalig auf: "Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Als Reaktion auf die Veröffentlichung des Brundtland-Berichtes wurde die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung einberufen, die 1992 in Rio de Janeiro stattfand. Nachhaltige Entwicklung wurde zum Leitbild. Der Gedanke der Generationengerechtigkeit ist inzwischen Bestandteil aller nach Rio vereinbarten internationalen Umweltabkommen.

Nachhaltigkeit klingt doch gut - wo liegt dann das Problem?

Der Grundgedanke der Nachhaltigkeit ist in einer Zeit der Ressourcenverknappung und des Bevölkerungswachstums aktueller denn je. Nachhaltigkeit ist jedoch nach wie vor eher ein Leitbild, das nicht genau definiert und damit nur schwer messbar ist. Dies machen sich viele zu Nutzen: Nachhaltigkeit ist zu einem Modewort geworden. Es wird damit geworben, ohne zu wissen, was das konkret heißt.

So stellt sich auch die Frage: Was genau ist unter einer nachhaltigen Forstwirtschaft zu verstehen? Viele Themen, die unter den Begriff der Nachhaltigkeit fallen, sind immer noch Auslegungssache. In Zeiten des Klimawandels und wachsender gesellschaftlicher Anforderungen an den Wald ist es mit einer reinen Massennachhaltigkeit längst nicht mehr getan. Es darf heute im Wald nicht mehr primär darum gehen, lediglich den Rohstoff Holz für folgende Generationen sicher zu stellen, indem nicht mehr eingeschlagen wird als nachwächst. Der Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume: Er ist Lebensraum für selten gewordene Pflanzen- und Tierarten, Kohlenstoffspeicher und Naherholungsort für gestresste Menschen.

Wofür brauchen wir alte Wälder?

Durch die intensive Bewirtschaftung der Wälder ist ein Mangel an alten Waldbeständen, vor allem an alten Buchenwäldern, entstanden. Nur noch auf zwei bis drei Prozent der Waldfläche findet man Buchenwälder, die älter als 140 Jahre sind. Natürlicherweise wäre Deutschland zu 66 Prozent mit Buchenwäldern bedeckt -dem Doppelten der heutigen Gesamtwaldfläche.

Wir haben daher eine besondere Verantwortung, diese Wälder zu erhalten. Alte Buchenwälder sind ökologisch sehr wertvoll und haben die Chance, zu einem Urwald von morgen zu werden. Die meisten wirtschaftlich genutzten Wälder weisen große strukturelle Mängel auf: Ihnen fehlt eine natürliche Vielfalt. So ist beispielsweise der Anteil an Tot-, Biotop- und Altholz gering. Dabei wäre gerade das ein wichtiger Schlüssel für Artenreichtum.

Außerdem stehen die letzten alten Wälder unter unzureichendem Schutz, wie es im Spessart zu sehen ist. Die Bayerischen Staatsforsten haben zwar Schutzkonzepte für alte Wälder – doch sie halten sich nicht einmal an ihre eigenen Konzepte und so werden dort alte Bäume eingeschlagen. Anschließend erfolgt die Aufforstung zum Teil mit nichtheimischen Bäumen wie der Douglasie.

Was versteht Greenpeace unter einer nachhaltigen Waldwirtschaft?

Die Bundesregierung hat 2007 in Anlehnung an die Rio-Konferenz die Nationale Biodiversitätsstrategie beschlossen. Diese sieht vor, dass bis 2020 zehn Prozent der öffentlichen Wälder komplett aus der Nutzung genommen werden. Das ist bislang in fast keinem öffentlichen Wald umgesetzt. Die übrigen 90 Prozent sollten nach strengen ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Kriterien, wie denen des Forest Stewardship Council (FSC), naturnah bewirtschaftet werden. Eine wirklich naturnahe Waldbewirtschaftung zeichnet sich zum Beispiel durch wenige Eingriffe des Menschen auf der Wirtschaftsfläche aus (Minimumprinzip) und orientiert sich an den Prozessen einer natürlichen Waldentwicklung.

Ein wichtiger Aspekt einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung ist es, die Holzvorräte aufzubauen, d.h. mehr Holz im Wald stehen zu lassen. So kann der Wald der Atmosphäre dauerhaft mehr Kohlendioxid entziehen und speichern. Zu einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung in den öffentlichen Wäldern gehört aber auch, die Bürger und BürgerInnen an der Forstplanung zu beteiligen.

Was sich überhaupt nicht mit der naturnahen Waldbewirtschaftung verträgt, sind Kahlschläge, Gifteinsatz, Düngung, flächige Befahrung des Waldbodens mit schweren Maschinen, Vollbaum- und Ganzbaumnutzung, aktives Einbringen nicht standortheimischer oder genetisch veränderter Bäume sowie die Entwässerung von Feuchtgebieten – alles Dinge, die heute und jeden Tag in den öffentlichen Wäldern geschehen.

Gibt es Wälder, die nach den Vorstellungen von Greenpeace bewirtschaft werden?

Der Göttinger Stadtwald und der Lübecker Stadtwald werden seit knapp 20 Jahren nach einem Konzept bewirtschaftet, dass Förster gemeinsam mit Greenpeace und anderen Umweltverbänden entwickelt haben. Beide Wälder zeigen ganz klar: Von einer möglichst schonenden Nutzung profitieren auf Dauer Mensch und Natur. Denn bei diesem Konzept wird der Wald schonend bewirtschaftet und sogar in vielen Teilen sich selbst überlassen. Totholz und sogenannte Biotopbäume bieten Tieren und Pflanzen eine wichtige Lebensgrundlage. Bedrohte Tiere kehren in diese Wälder zurück. Im Stadtwald Göttingen beispielsweise haben sich wieder Wildkatzen und Luchse angesiedelt, alle Spechtarten sind dort vertreten. Auch im Lübecker Stadtwald sind viele seltene gewordene Tiere wieder heimisch geworden, selbst so scheue und selten gewordene Spezies wie der Schwarzstorch.

Sind solche Wälder überhaupt noch wirtschaftlich?

Eigentlich kann man betriebswirtschaftlich nur gewinnen, wenn man das Ökosystem Wald weitestgehend sich selbst überlässt. Weniger Eingriffe (z.B. Durchforstungen, Pflanzungen, etc.) bedeutet auch weniger Kosten und Risikominimierung. Ein Wald-Öko-System, das sich über Tausende von Jahren entwickelt hat, ist bestmöglich an seinen Standort angepasst und daher stabil. Selbst starke Stürme machen einem natürlichen Ökosystem viel weniger zu schaffen, als beispielsweise einer Monokultur aus standortsfremden Fichten. Im Klartext heißt naturnahe Waldbewirtschaftung: geringe Kosten, geringes Risiko und eine hohe Produktivität, denn ein ungestörter, stabiler Wald produziert am besten.

Wenn die Wälder so bewirtschaftet werden, wie es Greenpeace fordert und zudem zehn Prozent aus der Nutzung genommen sind, wird dann nicht das Brennholz knapp?

Nein: Weiterhin kann aus dem überwiegenden Teil der öffentlichen Waldfläche - nämlich 90 Prozent - Holz genutzt werden. Doch Holz ist ein wertvolles Gut und die zunehmende energetische Nutzung ist in der Tat ein Problem für den Wald. Doch die lokale Brennholznutzung ist dabei weniger problematisch als der Export.

Deutschland ist eins der größten Exportländer für Holz und Holzprodukte. Auch beim Energieholz gehen nicht unbeträchtliche Mengen ins Ausland, zum Beispiel in Form von Holzpellets. EuroStat meldet für den Zeitraum 2001 bis 2011 deutsche Pellet-Gesamtexporte von 13,4 Millionen Tonnen. Am meisten wurde in die Niederlande, nach Österreich, Belgien, Frankreich, Italien und Dänemark exportiert. Diese sechs Länder machten in diesen elf Jahren 78 Prozent aller deutschen Exporte aus.

In den ersten elf Monaten 2012 wurden insgesamt 744.000 Tonnen Holzpellets im Wert von 13 Millionen Euro exportiert, das meiste davon nach Dänemark, Österreich und Italien (die drei Länder machten 60 Prozent der Menge und 56 Prozent beim Wert aus). Der Verbrauch an Holzpellets in Deutschland lag 2102 bei 1,6 Millionen Tonnen gegenüber einer Produktion von 2 Millionen Tonnen. Allein bei Holzpellets produzieren wir also deutlich mehr, als wir benötigen.

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