Interview mit Peter Wohlleben, Schriftsteller und Förster, zur Waldkrise in Deutschland

Wald vor lauter Bäumen sehen

“Man glaubt, besser zu wissen, was die Natur braucht, als die Natur selbst. Das hat noch nie geklappt, das klappt auch heute nicht.” Peter Wohlleben im Interview.

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Es brennt. Und das wortwörtlich. Waldbrände sind neben Dürre und Insektenschäden nur eines der sichtbaren Zeichen für die Krise, in der auch der Wald in Deutschland steckt. Es ist vor allem der Mensch, der die Wälder so geschwächt hat, dass sie den Auswirkungen der Klimakrise nicht standhalten können. Doppelt bitter, denn es sind die Wälder, die uns maßgeblich im Kampf gegen die Klimakrise und das Artensterben unterstützen könnten.

Im Sommer 2019 ist die Waldkrise nun auch in der Politik angekommen. Die für die heimischen Wälder zuständige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) spricht von Sofortmaßnahmen und will dafür Geld aus dem Klimafonds zur Verfügung zu stellen. Am 25. September hat sie zu einem Waldgipfel geladen, um Sofortmaßnahmen einzuleiten wie die Räumung und Aufforstung von Schadflächen und einen langfristigen Waldumbau. Wir haben Peter Wohlleben im Vorfeld getroffen und gefragt, was er von den angekündigten Plänen hält und was der Wald wirklich braucht.  

Greenpeace: Wie steht es um den Wald in Deutschland?

Peter Wohlleben: Leider schlecht. Aber das liegt nicht am Klimawandel, sondern vor allem an der Forstwirtschaft. Wir haben in Deutschland eine Art Massenbaumhaltung, die der Holzproduktion dient. Wo früher Wälder standen, werden heute Plantagen betrieben. Das heißt, wenige unterschiedliche Baumarten im selben Alter, die in Reih und Glied stehen und meist nicht an den Standort angepasst sind, weil sie gepflanzt wurden. Geerntet werden diese Bäume in jungen Jahren mit schweren Maschinen, die den Boden so verdichten, dass er kaum noch Wasser speichert und die Wurzeln ersticken. Hinzu kommen Helikopter, die während der Brutzeit ganze Waldgebiete mit Insektiziden vergiften, weil Monokulturen so anfällig sind wie Maisfelder. Da darf man sich nicht wundern, dass die heimischen Wälder nicht widerstandsfähig genug sind, um klimatischen Veränderungen standzuhalten und dass Bäume reihenweise sterben.

Das ist ein düsteres Bild. Trifft das auf alle heimischen Wälder zu?

Nein, es gibt auch positive Beispiele wie den Stadtwald Lübeck. Dieser Wald wird so bewirtschaftet, dass er fast wie ein Urwald leben kann. Er kann sich dadurch besonders gut runterkühlen - teilweise um bis zu acht Grad mehr als Plantagenwälder. So kann er Hitze und Trockenheit besser aushalten und der Klimakrise momentan noch sehr gut standhalten. Wenn wir in ganz Deutschland solche naturnahen Wälder hätten, dann hätte ich momentan keine Sorgen.

Apropos Sorgen, im Sommer 2019 ist die Waldkrise nun auch in der Politik angekommen. Ministerin Klöckner spricht von Sofortmaßnahmen und will dafür Geld aus dem Klimafonds zur Verfügung zu stellen. Was halten Sie davon?

Ministerin Klöckner möchte den Wald ausräumen, möchte den Wald umbauen und möchte wiederaufforsten. Das ist Plantagen-Forstwirtschaft, das hat mit Waldschutz nichts zu tun. Diese ganzen Subventionen drehen sich um den Wald als Holzlieferanten, doch das ist eine schwerwiegende Themenverfehlung: Es geht längst um die Frage, ob wir in 50 Jahren überhaupt noch Wald haben. Wollen wir das, dann müssen wir den Wald sich erholen lassen.

Kann er das überhaupt noch alleine schaffen? 

Wälder gibt es seit über 300 Millionen Jahren. Menschen gibt es seit 300.000 Jahren. Förster erst seit 300 Jahren. Wälder haben das die meiste Zeit ganz prima selber hinbekommen und die können das auch heute noch. Wir müssen sie dazu nur in Ruhe lassen.

Was bedeutet in Ruhe lassen? Keinen Holzeinschlag mehr? 

Indem man Bäume absägt, stört man den Wald, klar. Aber die Frage ist doch, ob man das ganze Ökosystem dadurch zerstören muss, so wie es derzeit noch der Fall ist. Wenn man große Waldflächen vor der Säge schützt und außerhalb dieser Schutzgebiete Holz behutsam in geringeren Mengen erntet und mit heimischen Baumarten arbeitet, dann wird man in Zukunft beides haben: Holz und widerstandsfähige Wälder, die außerdem noch zum Klimaschutz beitragen.

Müssen dafür auf den geschädigten Flächen neue Bäume gepflanzt werden, wie es beispielsweise Ministerin Klöckner vorschlägt?

Bäume pflanzen klingt ja zunächst ganz gut, aber Frau Klöckners  Wiederaufforstungspläne sind leider genau das Gegenteil von Naturschutz. Auf einem Hektar Kahlfläche kommen von Natur aus bis zu 100.000 Sämlinge von selber. Das würde überprägt, wenn man dort etwas hineinpflanzt. Man glaubt, besser zu wissen, was die Natur braucht, als die Natur selbst. Das hat noch nie geklappt, das klappt auch heute nicht.

Also keine Bäume pflanzen?

Doch, aber auf zusätzlichen Flächen wie beispielsweise landwirtschaftliche Flächen auf denen aktuell noch Tierfutter angebaut wird. Für den Klimaschutz ist es aber vor allem wichtig, alte Wälder zu erhalten. Diese speichern pro Quadratkilometer bis zu 100.000 Tonnen CO2, junge Wälder erstmal nur wenig.

Stimmen aus der Forstwirtschaft schlagen vor, man solle künftig verstärkt auf Baumarten setzen, die nicht heimisch sind, aber besser mit klimatischen Veränderungen umgehen können. Was sagen Sie dazu?  

Förster können Forste machen. Echten Wald kann nur die Natur machen. Wenn wir Baumarten aus anderen Ländern holen, die teilweise schon dort Probleme haben, dann importieren wir Probleme, die wir hier nochmal quadrieren. Es macht keinen Sinn, in der Natur herumzupfuschen. Es gibt übrigens auch heimische Arten, die den klimatischen Veränderungen standhalten können wie zum Beispiel Feldahorn, Hainbuche oder auch Eichen. Aber viel wichtiger als auf einzelne Baumarten zu schielen, ist es, auf intakte Ökosysteme zu schauen: Ungestörte Waldökosysteme können unabhängig von der Baumart sehr viel abfedern, weil die Bäume alle zusammenarbeiten und sich zum Beispiel durch gemeinsame Verdunstung runterkühlen.

Zum Abschluss noch eine Frage zum Waldgipfel. Glauben Sie, dass Politik und Forstwirtschaft auf dem richtigen Weg sind und wirksame Maßnahmen einleiten? 

Verfolgt man die Debatte im Vorfeld, wird schnell klar: Es geht um ein ‘Weiter so!’ Gerne würde ich die Ministerin und die Leiter der Forstabteilungen persönlich wachrütteln. Ihnen scheint immer noch nicht klar zu sein, dass es mittlerweile um die Frage geht, ob wir in 50 Jahren überhaupt noch Wald haben werden. 

Zum Weiterlesen:

Hier finden Sie Lösungen und Wege aus der Waldkrise, die Greenpeace gemeinsam mit der Naturwald Akademie erarbeitet hat. Darin beschreiben sie Forderungen an die Politik und wie Hilfsgelder in Form von Förderungen für Waldbesitzende eingesetzt werden können, um langfristig zu wirken.

Wie sich weniger Holzeinschlag auf Natur und Forstwirtschaft auswirken, finden Sie in einer Modellierung des Ökoinstituts, die in der Greenpeace Waldvision veröffentlicht wurde. 

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