Interview mit dem Biodiversitäts-Experten Josef Settele

Wachsende Gefahr

Pandemien, deren Erreger von Wildtieren stammen, werden wir noch öfter erleben. Naturräume zugunsten von Futtermitteln zu zerstören, steigert das Risiko.

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Um die Zusammenhänge zwischen Artensterben und Pandemien wie Covid-19 zu untersuchen, sind in dieser Woche 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Einladung des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) zu einem virtuellen Workshop zusammengekommen. Der neuartige Corona-Virus wurde von Wildtieren auf Menschen übertragen. Die Teilnehmenden untersuchen vor diesem Hintergrund die Beziehung zwischen dem verstärkten Auftreten derartiger Zoonosen sowie dem Verlust an Biodiversität. Sie sollen Handlungsoptionen entwickeln, um das Risiko weiterer vergleichbarer Ausbrüche zu verhindern. Dazu werden sie im September einen Bericht vorlegen. Professor Josef Settele hat den Workshop als Co-Chair des Globalen Assessments von IPBES mit initiiert. Settele arbeitet am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle/Saale und ist Professor für Ökologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Forschungsschwerpunkt des Agrarwissenschaftlers ist die Analyse von Landnutzungssystemen – sowohl im Hinblick auf landwirtschaftliche Produktion als auch auf den Schutz der Artenvielfalt. Zum 1. Juli 2020 wurde er von der Bundesregierung in den Sachverständigenrat für Umweltfragen berufen.

Greenpeace: Sie beschäftigen sich als Wissenschaftler seit längerem auch mit Zoonosen, also Erkrankungen, deren Erreger von Tieren auf Menschen überspringen. Hat Sie der Ausbruch und der Verlauf der Covid-19-Pandemie überrascht?

Josef Settele: Bereits vor zehn Jahren haben wir in einem wissenschaftlichen Aufsatz mit einigen Fachkollegen verschiedene Szenarien entwickelt, um die Konsequenzen des Verlusts von Biodiversität anschaulich zu machen. Dabei haben wir auch die Entstehung und die Folgen einer zoonotischen Pandemie beschrieben. Dass die Wirklichkeit von Covid-19 diesem Gedankenspiel so nahe gekommen ist, war für mich schon ein bisschen unheimlich. 

Umweltforscher Josef Settele

Ist Covid-19 eine Jahrhundertkatastrophe, die sich nicht so schnell wiederholen wird – oder gibt es ein zunehmendes Risiko für Entstehen und Verbreitung zoonotischer Pandemien, die vergleichbare oder gar schlimmere Ausmaße annehmen können?

Ich fürchte, dass wir und auch unsere Kinder und Enkel vergleichbare Ereignisse in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch öfter erleben werden. Vielleicht wird es gelingen, die Verbreitung schneller und besser zu begrenzen. Aber das Risiko von Zoonosen, die zu Pandemien werden, ist in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Die Ausbrüche von SARS, MERS oder Ebola sind ja noch nicht lange her. Jedes Jahr werden dutzende oder gar hunderte von Zoonosen registriert, von denen die breite Öffentlichkeit kaum etwas hört. Die Wahrscheinlichkeit nimmt zu, dass da immer wieder etwas dabei ist, das aufgrund unserer Lebensweise und unserer weltweiten Vernetztheit zu einer globalen Pandemie werden kann.

Was erwarten Sie, wenn aus COVID-19 keine Lehren gezogen werden und die Menschheit die Zerstörung von Wäldern und anderen Naturräumen fortsetzt?

Dann steigt das Risiko, dass wir eine vergleichbare Pandemie nicht erst in zehn oder zwanzig Jahren, sondern vielleicht schon in drei oder fünf Jahren erneut erleben müssen. Denn je weiter Menschen in die letzten bislang weitgehend unberührten Naturräume vordringen und je schneller deren Zerstörung voranschreitet, desto wahrscheinlicher wird es, dass Menschen mit Wildtieren in Kontakt kommen und Viren überspringen können. Zudem geht mit dem Verlust an Biodiversität auch der sogenannte Verdünnungseffekt verloren, der die Übertragung von Erregern bremst: Je geringer die Artenvielfalt, desto schneller kann es einem Virus gelingen, von Art zu Art zu wechseln und schließlich den Menschen zu erreichen.

In den vergangenen Jahrzehnten sind zoonotische Epidemien und Pandemien vor allem von den tropischen Regionen Afrikas und Asiens ausgegangen, in denen natürliche Waldgebiete verloren gegangen sind. Gerade erleben wir, dass die Zerstörung von Wäldern am Amazonas nie gekannte Ausmaße erreicht. Entstehen dort Hotspots für kommende Pandemien?

Der Amazonas rückt stärker in den Fokus. Die Gefahr wächst, dass wir dort in Zukunft ähnliche Ausbrüche erleben werden wie in Asien und Afrika und dass es verstärkt zu Zoonosen kommt, die hier ihren Ursprung haben. Unter der Verantwortung von Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat die Waldzerstörung dramatisch zugenommen. Wenn diese verhängnisvolle Entwicklung ungebremst weitergeht, hat das kaum abschätzbare Folgen für die Entstehung und Verbreitung von Krankheiten in Südamerika, die zu Pandemien werden könnten. 

Ist die fortschreitende Erderhitzung im Zuge der Klimakrise ein Faktor, der die Risiken zoonotischer Pandemien erhöht?

Dazu kann ich keine genauen Aussagen machen, weil mir entsprechende Daten nicht vorliegen und das auch weiter von meinen Fachgebiet entfernt ist. Klima ist aber sicherlich ein wichtiger Faktor bei der Zerstörung von Vegetation – etwa durch anhaltende Trockenheit in bestimmten Regionen. Auch dadurch kann es zu einem Verlust von Artenvielfalt kommen. Aber die Wirkung ist indirekter als bei der Zerstörung von Waldgebieten durch den Menschen, wenn etwa Flächen gerodet oder abgebrannt werden, um sie landwirtschaftlich zu nutzen.

Wie lassen sich die Risiken vermindern, dass es verstärkt zu Zoonosen kommt, die sich zu Pandemien entwickeln?

Entscheidend ist, wie wir Natur nutzen und wie wir Natur schützen. Pandemien wie Covid-19 sind nur ein Symptom, sie sind eine Folge unseres Umgangs mit der Welt. Nur wenn wir aufhören, natürliche Lebensräume zu zerstören, können wir diese und andere Risiken in den Griff bekommen. Denn was für diese und vergleichbare Pandemien gilt, gilt ja auch für das Artensterben oder die Klimakrise: Sie sind das Ergebnis unseres nicht nachhaltigen Umgangs mit der Natur.

Was wären Ihre Forderungen an die Politik, um das Risiko zoonotischer Pandemien zu begrenzen?

Wir stellen als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ja keine politischen Forderungen, sondern können nur sagen: Eine Politik, die Menschen vor Pandemien schützen und uns vor den Folgen der Naturzerstörung bewahren will, muss die internationalen Abhängigkeiten neu bewerten, die im Zuge der Globalisierung entstanden sind. So funktioniert etwa Landwirtschaft in Ländern wie Deutschland nicht mehr, ohne massenhaft Soja als Tierfutter zu importieren. Damit trägt unsere Art des Wirtschaftens maßgeblich zum Verlust von Artenvielfalt in anderen Teilen der Welt bei, wenn dort etwa Regenwälder zerstört werden, um die Anbauflächen auszudehnen.

Wie müssen wir unser Konsumverhalten verändern um die Zerstörung von Naturräumen und das Artensterben zu stoppen?

Ganz entscheidend ist die Art und Weise, wie wir Fleisch konsumieren. Statt weiter gedankenlos billige Steaks auf den teuren Grill zu legen, sollten wir darauf achten, unter welchen Bedingungen das Fleisch erzeugt wird. Etwa, ob es von Tieren stammt, die mit Futtermitteln aus der Region ernährt wurden. Denn damit wird der Import von Futtermittel vermieden und die Vielfalt in unseren Kulturlandschaften gestärkt, für die wir eine extensive Nutzung durch Beweidung brauchen. Aber als einzelne Verbraucherinnen und Verbraucher haben wir nur einen begrenzten Einfluss. Und genauso gilt, dass wir nicht den einzelnen Landwirt für die Fehlentwicklung in der Landwirtschaft verantwortlich machen können. Die Veränderung, die wir brauchen, gelingt nur mit einen Systemwechsel. Dafür braucht es einen gesellschaftlichen Konsens und einen verantwortungsbewussten Staat, der eingreift und handelt – so wie wir es in Deutschland im Kampf gegen COVID-19 erlebt haben. Deshalb liefert die Corona-Krise eine gute Blaupause dafür, was gemeinschaftlich möglich ist, wenn die Politik verantwortlich handelt und die Leute mitnimmt.

Sie setzen sich seit Jahren für den Schutz der Biodiversität ein und versuchen, Aufmerksamkeit auf dieses wichtige Thema zu lenken. Warum ist es bislang nicht gelungen, das Artensterben aufzuhalten?

Ich sehe durchaus einen positiven Trend. Ich komme aus Bayern und da haben wir ja mit dem Volksbegehren zur Rettung der Bienen erlebt, dass es einen breiten gesellschaftlichen Rückhalt für mehr Artenschutz gibt. Aber die Umsetzung muss schneller gehen. Mittlerweile diskutieren alle, das ist wichtig, um das Bewusstsein für die Probleme weiter zu schärfen. Doch uns bleibt nicht mehr viel Zeit, wir müssen jetzt handeln.

Interview: Matthias Lambrecht

 

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