Rede von Greenpeace-Geschäftsführer Martin Kaiser zur Feier zu 50 Jahren Greenpeace

„Wir brauchen Mut“

„Hoffnung bedeutet Bewegung und Engagement. Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation und Stillstand.“ – Die Rede von Geschäftsführer Martin Kaiser zu 50 Jahre Greenpeace.

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Einen schönen guten Abend!

Ich habe heute Abend die Freude und Ehre, Sie und euch auch im Namen von Roland Hipp hier im Ozeaneum und zu Hause in unserem Livestream begrüßen zu dürfen!

Schön, dass Sie und ihr - Aktive und Unterstützer:innen von Greenpeace - alle kommen konnten. Und wir freuen uns sehr, dass Sie, Frau Bundeskanzlerin Merkel und Sie, Frau Ministerpräsidentin Schwesig, heute Abend zu unseren Gästen zählen.

Wir begrüßen auch ganz herzlich den Oberbürgermeister von Stralsund, Herrn Badrow, und ebenso den scheidenden sowie den neuen Direktor dieses wunderbaren Ozeaneums, Herrn Benke und Herrn Baschek, ebenso wie den Direktor des Meeresmuseums, Herrn Tanschuss.

Und natürlich ein ganz herzliches Willkommen an meine Kollegin Jennifer Morgan, die als Exekutivdirektorin von Greenpeace International heute hier quasi als Geburtstagskind Tausende von Greenpeace-Aktiven weltweit repräsentiert! Ein herzliches Willkommen auch für unseren Aufsichtsrat!

Der Anlass dieser Feier ist ein sehr besonderer - 50 Jahre Greenpeace. Und damit 50 Jahre “Hope in action” - Hoffnung in Aktion.

Hoffnung

 - das war schon vor einem halben Jahrhundert die treibende Kraft für die ersten Frauen und Männer, die sich auf den Weg machten, um sich den oberirdischen Atombombentests der USA in den Weg zu stellen, und die damit die Mission von Greenpeace begannen und prägten. Es folgten waghalsige Aktionen gegen russische Walfangschiffe und die Atombombentests Frankreichs.

An dieser Stelle gedenken wir unserem Greenpeace Fotografen Fernando Pereira, der bei einem Anschlag des französischen Geheimdienstes ums Leben kam.

Dann nahm Greenpeace zunehmend große Chemie- und Ölkonzerne ins Visier, deren Geschäfte bis heute Umwelt und Menschenleben aufs Spiel setzen. 

Hoffnung

 - das ist auch heute für Greenpeace und ihre weltweit 3500 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen in 55 Ländern (von Brasilien bis China, von Südafrika bis Russland), ihre 63.000 Ehrenamtlichen und Aktivist:innen, und ihre über 3 Millionen Unterstützer:innen Motor und Antrieb.

Es ist die Hoffnung, die uns die Kraft gibt, uns mitten in einer rasend schnell fortschreitenden Klima- und Naturkrise weiterhin und unermüdlich für eine lebenswerte Welt einzusetzen und zu engagieren. Dieser Sommer 2021 scheint aber nicht dafür gemacht, von Hoffnung zu sprechen: Extreme Brände von Südeuropa über Sibirien bis Kalifornien, Hochwasserkatastrophen nicht nur in Asien, sondern mitten unter uns, mit vielen Toten und Verletzten. Rasant schmelzende Eismassen, und parallel dazu ein Artensterben historischen Ausmaßes. Wir Menschen missachten die planetaren Grenzen und rasen auf Kipppunkte von Natur und Klima zu, die - einmal erreicht - unser Überleben auf diesem Planeten gefährden.

Manche von Ihnen werden sich jetzt fragen, ist da Hoffnung überhaupt noch angebracht?

Meine Antwort lautet: Ja.

Denn Hoffnung bedeutet Bewegung, Hoffnung bedeutet Engagement. Hoffnung ist das Gegenteil von Resignation und Stillstand.

Und Stillstand können wir uns nicht leisten. Heute, 2021, noch viel weniger als im Jahr 1971, als Umweltschutz für die meisten Politiker:innen und viele Menschen noch gar kein Thema war.

Hoffnung ist aus Mut gemacht.

Ohne Mut und Hoffnung werden wir es nicht schaffen, die Erderhitzung auf unter 1,5 Grad zu begrenzen. Und diese in Paris vereinbarte 1,5 Grad-Grenze zwischen Klimakrise und Klimachaos haben wir heute schon fast erreicht. Ohne Mut und Hoffnung werden wir es auch nicht schaffen, das Artensterben zu stoppen, weder am Amazonas noch auf unseren Äckern.  Wir stehen als Gesellschaft an einem Punkt, an dem wir alle gemeinsam für dieses 1,5 Grad Limit und einen grundlegend anderen Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen kämpfen müssen: Zivilgesellschaft, Wirtschaft und allen voran die Politik. Mehr denn je braucht es Zusammenhalt und ein Bewusstsein dafür, was es bedeutet, wenn wir versagen.

Um auf diese für die Menschheit bedrohlichsten Krisen immer wieder aufmerksam zu machen, braucht es öffentliche Debatten. Unser Anspruch ist es, diese Debatten immer wieder anzustoßen. Und dafür müssen wir immer wieder auch unbequem sein.

Steine, die Greenpeace Aktivist:innen in der Nordsee und der Ostsee versenken, sind das Gegenteil von Bequemlichkeit, aber sie sind ein Mittel, um Natur real zu schützen und eine gesellschaftliche Diskussion darüber zu entfachen, ob wir unsere Meeresschutzgebiete auch wirklich ausreichend schützen.

SUVs mit hohem Spritverbrauch für ein paar Tage den Zündschlüssel zu ziehen, erzeugt empörte Proteste - aber hilft, eine überfällige Diskussion über die wahre Schlüsselfrage anzustoßen: wie klimaschädlich dürfen unsere Autos in der Klimakrise eigentlich noch sein?

Manchmal gehen Greenpeace-Aktivist:innen über Grenzen, um dafür zu sorgen, dass die für die nachfolgenden Generationen lebensnotwendigen planetaren Grenzen eingehalten werden. Das Engagement dieser Aktivist:innen und Ehrenamtlichen ist unendlich wertvoll: Euch, die ihr euch ehrenamtlich in eurer Freizeit für den Schutz unserer Lebensgrundlagen einsetzen - ob im Schlauchboot auf hoher See oder am Wochenende am Infostand in der Fußgängerzone - gilt unser aller Dank und Respekt.  Greenpeace wäre ohne euch Aktivistinnen und Ehrenamtlichen nicht denkbar.

Wir alle haben die Hoffnung nicht aufgegeben, dass wir es noch schaffen, das Ruder herumzureißen. Aber das kann nur gelingen, wenn die Politik entschlossen, mutig und vor allem schnell auf die ökologischen Megakrisen unserer Zeit reagiert. Die Corona-Krise hat gezeigt, wieviel vorher Undenkbares plötzlich möglich wurde, wenn die Politik eine Krise wirklich bewältigen will.

Mehr als zwei Jahrzehnte von Greenpeace waren auch immer wieder durch kritisch-konstruktive Debatten mit Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, geprägt. Zuerst in ihrer Funktion als Umweltministerin und dann 16 Jahre als Bundeskanzlerin. Ob es um Klimaschutz, den Ausstieg aus Atom und Kohle, die Verkehrspolitik, den Urwaldschutz, die Gentechnik oder Waffenexporte ging - wir wandten uns viele Male direkt an Sie, die Regierungschefin.

Ich habe es nicht gezählt, wie oft wir unsere Botschaften an Sie vor dem Bundeskanzleramt, bei Klimaverhandlungen oder bei G7-Gipfeln entrollten, aber ich vermute, die Zahl liegt im höheren dreistelligen Bereich.

Bei aller Kritik wussten Sie doch stets, dass Greenpeace für eine plurale, demokratische Gesellschaft einsteht. Sie haben uns immer dann, wenn Menschenrechte der Umweltaktivist:innen missachtet wurden, abseits der Kameras unterstützt. Dafür gilt Ihnen unser großer Dank.

Dennoch: Das Tempo und die Auswirkungen der Klima- und Artenkrise nehmen immer bedrohlichere Ausmaße an. Deshalb hat Greta Thunberg Recht, wenn sie sagt, dass die Klimakrise trotz aller Worte immer noch nicht wie eine wirkliche Krise behandelt wird.

Die Größe der Herausforderung, die riesigen Hindernisse und die große Zahl an ungeklärten Fragen dürfen keine Entschuldigung sein, nichts zu tun. Menschen wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Vaclav Havel wussten das und gaben die Hoffnung trotz ihrer scheinbar aussichtslosen Lage nie auf.

Ich möchte mit einem Zitat von Vaclav Havel schließen: “Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat - egal wie es ausgeht.”

Lassen Sie uns in diesem Sinne gemeinsam diesen besonderen Abend an diesem besonderen Ort begehen! Danke, dass Sie mit uns 50 Jahre Mutig Sein – 50 Jahre Greenpeace – feiern!    

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