Gastkommentar von Wiebke Beushausen

Ackergifte made in Germany

Noch immer exportieren deutsche Agrarchemiekonzerne hochgefährliche Pestizide, die in der EU verboten sind. Es ist höchste Zeit, dass die Bundesregierung die Doppelstandards beendet.

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Gastkommentar anlässlich des Welt-Parkinson-Tag am 11.04.2021 von Wiebke Beushausen, Projektmitarbeiterin für den Bereich Welternährung und globale Landwirtschaft bei dem entwicklungspolitischen INKOTA-netzwerk:

Lange gab es keine belastbaren Untersuchungen, die das aktuelle Ausmaß der weltweiten Pestizidvergiftungen belegen konnten. Doch eine Studie, die im Dezember 2020 in der Fachzeitschrift BMC Public Health erschien, bringt Licht ins Dunkle. Was zum Vorschein kommt, ist erschreckend: aktuell erleidet knapp die Hälfte der 860 Millionen Menschen, die weltweit in unserer Landwirtschaft tätig sind, jedes Jahr eine unbeabsichtigte Pestizidvergiftung. Im Vergleich zu den letzten Untersuchungen aus den 1990er Jahren ist die Zahl der dokumentierten Fälle damit stark gestiegen.

Es steht fest: Pestizidvergiftungen sind ein wachsendes, weltweites Gesundheitsproblem. Neben akuten Vergiftungserscheinungen lassen sich auch verschiedene Langzeitfolgen auf den Kontakt mit Pestiziden zurückführen: Krebserkrankungen, Nierenversagen sowie das Auftreten von Fehlgeburten oder Missbildungen an Neugeborenen. Zu den chronischen Erkrankungen gehören auch die Schädigungen des Nervensystems.

Unter anderem führen Wissenschaftler:innen die Entwicklung der Parkinson Krankheit auf den intensiven Kontakt mit Pestiziden zurück. Erschütternde Zahlen liefert dafür Brasilien: acht der zehn 2019 in Brasilien mengenmäßig am meisten verkauften Pestizidwirkstoffe werden in der wissenschaftlichen Literatur mit der Parkinson-Krankheit in Verbindung gebracht.

Die Mehrheit der Betroffenen lebt im globalen Süden, denn dort ist die Gesundheit der Landarbeiter:innen aufgrund mangelnden Arbeitsschutzes besonders bedroht.  

Das Geschäft mit den Doppelstandards 

In der EU soll das Vorsorgeprinzip der europäischen Pestizidverordnung sicherstellen, dass ein Wirkstoff nur dann genehmigt wird, wenn eine „sofortige oder verzögerte schädliche Auswirkung auf die Gesundheit von Menschen“ ausgeschlossen ist. So dürfen zum Beispiel Substanzen, die erwiesenermaßen im Zusammenhang mit Langzeitschäden stehen (von einigen Ausnahmen abgesehen), nicht in der europäischen Landwirtschaft verwendet werden. Doch eine fehlende EU-Genehmigung hindert deutsche Agrarchemiekonzerne wie Bayer, BASF oder AlzChem nicht daran, ihre gefährlichen Wirkstoffe andernorts auf den Markt zu bringen. Im Jahr 2018 exportierte Deutschland 8.000 Tonnen an Pestiziden, die unter anderem die Wirkstoffe Flocoumafen, Cyanamid oder Glufosinat enthielten: allesamt Wirkstoffe, deren Verwendung in der EU-Landwirtschaft als zu gefährlich für die menschliche Gesundheit gilt. 

Diese Geschäftspraxis ist – gemessen an den nationalen Zulassungsverfahren der Zielländer – zwar legal, aber im Hinblick auf die Verletzung der menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten zutiefst verwerflich.  Denn was bei uns aus gutem Grund verboten ist, richtet diesen Schaden nun andernorts an!

Kein Entkommen: Pestizide in Luft und Wasser

Manche Länder bieten aufgrund ihrer laxen Zulassungsverfahren einen besonders attraktiven Absatzmarkt für die europäische Agrarchemieindustrie. Dies trifft zum Beispiel auf Brasilien zu, wo ganze 44 Prozent der registrierten Wirkstoffe über keine entsprechende Genehmigung in der EU verfügen. Im Jahr 2018 exportierten europäische Konzerne 10.000 Tonnen solcher Pestizidprodukte in das südamerikanische Land. Die meisten von ihnen kommen im Anbau von Baumwolle, Soja und Zitrusfrüchten zum Einsatz – mit oftmals verheerenden Auswirkungen. Denn für die meisten Landarbeiter:innen lässt sich der Kontakt mit den hochgefährlichen Pestiziden kaum verhindern.

Die Wirkstoffe, die sie als Pulver oder Flüssigkeit ausbringen, schweben in ihrer Atemluft. Der Wind trägt sie durch die offenen Fenster in ihre Behausungen, auch über das Trinkwasser nehmen sie sie auf. In dem brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso do Sul wies die nationale Wasserbehörde zuletzt 27 verschiedene Pestizidwirkstoffe im Grundwasser nach – elf davon stehen im direkten Zusammenhang mit Krebserkrankungen, Fehlgeburten und hormonellen Störungen. Insgesamt erkranken den neuesten Schätzungen zufolge somit knapp zwanzig Prozent  der in der Landwirtschaft tätigen Menschen in Brasilien jährlich an einer akuten Pestizidvergiftung. 

Europäische Importe machen bereits jetzt ein Fünftel der gesamten Pestizidimporte in dem MERCOSUR-Handelsraum der Länder Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay aus. Bislang fielen auf die Chemieimporte Zölle von bis zu 14 Prozent an. Das geplante Freihandels-Abkommen zwischen den MERCOSUR-Staaten und der EU sieht jedoch vor, diese Importzölle künftig komplett abzuschaffen. Zudem soll das Abkommen die Ausfuhr und die Produktion von pestizidintensiven Kulturen wie Soja und Orangen noch weiter steigern. Damit könnte sowohl der Absatz als auch der Einsatz von europäischen Ackergiften noch deutlich zunehmen.

Stillstand trotz akutem Handlungsbedarf

Um weltweit Landarbeiter:innen besser zu schützen, braucht es in Deutschland dringend einen Exportstopp für verbotene Pestizide. Doch die Bundesregierung versäumt nach wie vor, sich ihrer Verantwortung zu stellen und dem Geschäft mit den Doppelstandards endlich Einhalt zu gebieten. Besonders frustrierend ist dies vor dem Hintergrund, dass ein derartiger Exportstopp per Verordnung unmittelbar umsetzbar wäre. Denn der Paragraph 25 des deutschen Pflanzenschutzmittelgesetzes behält dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft explizit die Möglichkeit vor, den Export von Pestiziden zum Schutz von Mensch, Tier und der Natur zu verbieten.

Dass dies bis jetzt noch nicht geschehen ist, ist angesichts der alarmierenden Zahl der weltweiten Pestizidvergiftungen unbegreiflich und grob fahrlässig. Der Skandal rund um die Doppelstandards ist damit symptomatisch für eine verantwortungslose Wirtschaftspolitik, die deutsche Exportinteressen über den Schutz der menschlichen Gesundheit in Ländern des globalen Südens stellt. INKOTA hat deswegen zusammen mit PAN Germany eine Petition gestartet, um die Bundesregierung aufzufordern, die Ausfuhr von gefährlichen Pestiziden in den globalen Süden endlich zu beenden.

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