Zur Erinnerung an Fernando Pereira

Tod eines Aktivisten

Am 10. Juli 1985, zehn Minuten vor Mitternacht, wurde Fernando Pereira ermordet. Der Vater von zwei kleinen Kindern und freiberufliche Fotograf für Greenpeace war gerade 35 Jahre alt geworden. Fernando war in seiner Kabine unter Deck an Bord der Rainbow Warrior im Hafen von Auckland, Neuseeland, als zwei Sprengsätze, angebracht von Agenten des französischen Geheimdienstes, die Schiffswand aufrissen. Durch die zweite Explosion verlor er das Bewusstsein und ertrank.
  • /

Ich bin bald wieder daheim

Seine Tochter Marelle erinnert sich, wie sie ihrem Vater drei Monate zuvor am Flughafen zum Abschied nachwinkte. Damals war sie acht Jahre alt und hat noch im Ohr, wie er sagte: Pass gut auf deine Mama auf, ich mache meinen Job und bin bald wieder daheim. Wie konnte ich denn ahnen, dass ich ihn zum letzten Mal sah. Sie sieht ihn vor sich wie er hinter den großen Eingangstüren verschwindet, und erinnert sich an den Spaziergang danach im Wald, wo ich, wenn ich Flugzeuge über mich und meinen Bruder hinwegfliegen sah, jedem Flugzeug zugewinkt habe, weil es genau das sein konnte, in dem mein Dad saß.

Fernando war in Hawaii an Bord der Warrior gekommen um zu einer sechsmonatigen Tour aufzubrechen, die von den Marshall Islands im Nordpazifik zum Moruroa-Atoll im Südpazifik führen sollte. Diese Tour sollte dazu beitragen, die USA und Frankreich als das zu demaskieren, was sie waren: zwei Atommächte, die sich mit offensichtlicher Gleichgültigkeit gegenüber der Umwelt der Pazifikinseln und der Gesundheit ihrer Bewohner auf die Entwicklung und den Test neuer Atomwaffen stürzten.

1985 baten die Bewohner der zu den Marshall Islands gehörenden Insel Rongelap Greenpeace um Hilfe bei der Umsiedlung in ein neues Zuhause. Ihre Insel war durch den radioaktiven Niederschlag oberirdischer Atomwaffentests im Pazifik verseucht worden.

Rainbow Warrior Speditions GmbH

Schließlich war die schwierige Umsiedlungsaktion beendet und am 10. Mai hatte das Schiff mit seiner Besatzung zum ersten Mal seit langem einen freien Tag. Gleichzeitig war es Fernandos Geburtstag und die Crew hatte ihm zu diesem Anlass ein ganz besonderes T-Shirt gedruckt: Auf der Vorderseite war zu lesen "Rainbow Warrior Speditions GmbH" und auf der Rückseite prangten die Unterschriften aller Besatzungsmitglieder. Eine prächtige Erinnerung an eine ganz besondere Fahrt.

Fernando Pereira wurde in der kleinen portugiesischen Stadt Chavez bei Lissabon geboren, ist dann aber aus seinem Geburtsland geflüchtet, um nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden. Er wollte nicht für die damalige Salazar-Diktatur in Angola kämpfen. Er durchquerte Spanien, wo die Franco-Diktatur politischen Flüchtlingen gegenüber alles andere als freundlich reagierte, und setzte seine Reise per Anhalter oder zu Fuß fort bis in die Niederlande. Dort blieb er und schlug eine Laufbahn als Fotograf ein. Er heiratete eine Holländerin, wurde holländischer Staatsbürger und Vater von zwei Kindern: Marelle und Paul.

Erinnerungen an meinen Vater

Wenn Marelle nach den Erinnerungen an ihren Vater gefragt wird, hellt sich ihr Gesicht auf. Ich erinnere mich daran, wie ich und mein Bruder im Wald spazieren gehen und auf Bäume klettern. In Holland haben wir Schnee und Eis im Winter. Und da wo wir damals wohnten, gab es einen kleinen Fluss hinter dem Haus, der dann zufror. Und er ging mit uns Schlittschuhlaufen, er war zwar Portugiese und so, aber er konnte Schlittschuhlaufen.

Ich sehe ihn vor mir, wie er uns anzieht und zur Schule bringt. Er hatte ein Auto, einen Alfa Romeo. Das vergesse ich nie. Das ist eine der Erinnerungen an meinen Vater. Wie liebevoll er mit uns umgeht, wie er sich Zeit nimmt für das gemeinsame Essen, am Wochenende schöne Sachen mit uns macht, aber auch wie er weg ist und arbeitet.

Ich kann mich gut erinnern, dass ich als achtjähriges Mädchen wusste, dass mein Dad Mitglied bei Greenpeace ist und für eine gute Sache kämpft; dass sie protestierten und sich dafür einsetzten, dass die Robben am Leben bleiben. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass Greenpeace Protestaktionen zur Antarktis durchführte und die Felle der Robben mit Farbe bemalte, ich wusste schon, was mein Dad machte und wozu er Fotos machte.

Schreckliche Nachricht vom anderen Ende der Welt

Aber Marelles Erinnerungen haben auch eine dunkle Seite - die Erinnerung an die Zerstörung einer unschuldigen Kindheit durch die Nachricht vom anderen Ende der Welt.

Im Sommer waren wir im Zeltlager, ich spielte gerade Ball mit meinen Freunden, dann kam eine unserer Lehrerinnen zu mir und bat mich, mit ihr mitzukommen, weil sie mir etwas sagen müsse. Meine Mutter war auch da und das kam mir alles sehr merkwürdig vor. Ich wusste nicht was ich davon halten sollte, also ging ich mit ihr dahin, wo meine Mutter mit einem Onkel von mir saß, aber während ich ging, überkam mich ein komisches Gefühl. Ich weiß nicht, wie ich das erklären soll, aber ich wusste, dass irgendetwas mit meinem Dad war. Es musste so sein, sonst wäre meine Mutter doch zu mir herübergekommen und hätte mit mir gesprochen. Als ich bei meiner Mutter ankam, weinte sie.

Als sie mir sagte, dass er vermisst wird, wurde mir alles klar und ich weinte zusammen mit meiner Mutter. Am selben Nachmittag packten wir unsere Sachen und sie brachte mich nach Hause. Wir warteten auf Nachricht und schließlich erfuhren wir, dass mein Vater gefunden worden war, tot.

Es sollte keine Toten geben

Die Agenten des französischen Geheimdienstes DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) hatten Anweisung aus Paris, die Rainbow Warrior zu neutralisieren. Greenpeace sollte daran gehindert werden, weitere Protestfahrten zum Moruroa-Atoll zu unternehmen und dort gegen Frankreichs Atomwaffentestprogramm zu intervenieren.

Es war nicht beabsichtigt, dass Fernando in dieser Nacht starb. Niemand sollte sterben, zumindest laut Aussage von Captain Dominique Prieur, eine von zwei Agenten, die unmittelbar nach dem Anschlag von der neuseeländischen Polizei festgenommen worden waren. In ihrem Buch über den Bombenanschlag schrieb sie: Es wäre wesentlich einfacher gewesen, die Rainbow Warrior draußen auf See zu sprengen. Aber wir hatten von Anfang an eine klare Regel: es sollte niemand getötet werden!

Es spielt keine Rolle, dass Prieur, nachdem ihr gemeinsam mit ihrem Kollegen von der DGSE, Major Mafart, der Prozess gemacht und sie des Totschlags und der Brandstiftung für schuldig befunden worden war, bedauerte: Wir waren erschrocken und entsetzt... Wir waren nicht hierhergekommen um jemanden zu töten, schon gar nicht einen dieser harmlosen Umweltaktivisten. Der Tod eines Menschen war für mich sehr schwer zu ertragen.

Wenn Sie mit diesem Unternehmen nicht einverstanden war, hätte sie nein sagen und nicht daran teilnehmen können. Wie mein Vater, der aus Portugal flüchtete, damit er nicht in Angola kämpfen musste. Mein Vater war nicht einverstanden mit diesem Krieg, also stand er dazu und entschied sich, nicht daran teilzunehmen, sagt Marelle merklich wütend.

Prieur hätte der DGSE sagen können, dass sie das nicht macht, dass Leute verletzt werden könnten. Ich verstehe immer noch nicht wie sie die Sache durchführen konnten, wenn sie nicht damit einverstanden waren. Meine Wut auf Frankreich und die Geheimdienstagenten ist für mich und meine Familie immer noch verständlich. Wie kann man denn in Friedenszeiten einfach ein Schiff in einem anderen Land in die Luft sprengen?

Sie kehrten nach Frankreich zurück und wurden wie Helden empfangen

Die Regierung Mitterand leugnete wiederholt jegliche Verwicklung in das Bombenattentat, obwohl das Gegenteil durch zahlreiche zwingende Beweise auf der Hand lag. Schließlich übernahm sie dann doch die Verantwortung und versprach sogar Gerechtigkeit auf höchstem Niveau.

20 Jahre später stellt Marelle allerdings fest: Viele der Geheimdienstagenten kamen davon. Sie haben nur Dominique [Prieur] und Alain [Mafart] strafrechtlich verfolgt, die auf eine kleine Insel verbannt wurden, wo sie zehn Jahre bleiben sollten, aber sie waren nur drei Jahre dort. Dann kehrten sie nach Frankreich zurück und wurden wie Helden empfangen. Sie erhielten sogar Auszeichnungen. Das war unglaublich für meine Familie, nicht nachvollziehbar. Leute werden noch dafür belohnt, dass sie andere umbringen, dass sie einen Menschen töten, der einfach seinen Job gemacht hat.

Mit jedem Tag, jedem Jahr, setzt sich das alles ein bisschen mehr

Was ich gern hätte... Gerechtigkeit für uns, für die Familie, wenn sie nur die Wahrheit sagen würden, wäre das ja schon ein Anfang, und dann Mitterand mit seinem Versprechen von Gerechtigkeit auf höchstem Niveau. Wenn es gerecht sein soll, so viele französische Agenten ohne Gefängnisstrafe davonkommen zu lassen, dann ist das keine Gerechtigkeit, jedenfalls nicht in unseren Augen, nicht in den Augen meiner Familie und ich hoffe, auch nicht in den Augen der Weltöffentlichkeit. Und außerdem ist es nie zu spät für Gerechtigkeit.

Meine Familie und ich haben weitgehend akzeptiert, was 1985 geschehen ist, aber das heißt nicht, dass wir es verzeihen und vergessen. Mit jedem Tag, jedem Jahr, setzt sich das alles ein bisschen mehr, bist du ein bisschen besser in der Lage, mit der Vergangenheit zu leben, aber das heißt nicht, dass du nicht jeden Tag an deinen Dad denken würdest. Oder an manchen Tagen um ihn weinen würdest und dich daran erinnern, wie gern du ihn hattest, deinen Dad, meinen Dad, den Dad meines Bruders.

Mehr zum Thema

Bomben gegen Friedensschiff

Terror gegen friedlichen Anti-Atomprotest: Im Juli 1985 zerreißt eine Explosion das Greenpeace-Schiff Rainbow Warrior im Hafen von Auckland, Neuseeland. Die Spur führt zum französischen...

40 Jahre Greenpeace International

Ein Trip fürs Leben - und für den Frieden, so hat Irving Stowe, Mitbegründer von Greenpeace, den Plan beschrieben, mit einem kleinen Schiff die Atombombentests auf den Aleuten zu stoppen...