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Spritzmittel schaden Artenvielfalt und Ökosystemen

Abhängig vom Gift

Pestizide sind gefährlicher als gedacht, mangelhaft geprüft und zudem auch noch staatlich gefördert. Das ist das vernichtende Fazit des Greenpeace-Pestizid-Reports. 

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Ob der Weizen für das Frühstücksbrot oder der Apfel in der Schultasche: Für den Anbau unserer Nahrung setzt die Landwirtschaft seit über einem halben Jahrhundert auf den massenhaften Einsatz von Pestiziden. „Ohne geht es nicht“, lautet das Mantra der Agrarindustrie. Sonst würde der Weizen faulen und der Apfel bereits am Baum von Raupe und Wurm gefressen.

Dieser Irrglaube führt dazu, dass viele Betriebe ihre Felder routinemäßig spritzen – und nicht nur in seltenen Fällen besonders starken Schädlingsbefalls. In der EU nimmt der Einsatz von Pestiziden zu, auch in Deutschland. Apfelplantagen beispielsweise werden in Deutschland im Durchschnitt mehr als 21mal pro Jahr gespritzt – häufig mit mehreren Wirkstoffen gleichzeitig. „Europas Abhängigkeit von Pestiziden“ heißt deshalb auch der neue Report von Greenpeace. Er untersucht den Gebrauch von Pestiziden auf unserem Kontinent sowie die Auswirkungen auf die Umwelt.

Pestizide gefährden Artenvielfalt

So sind die Wirkstoffe nicht nur für den sogenannten Schädling giftig. Sie können auch wild lebende Tiere und Pflanzen schädigen und so die Artenvielfalt gefährden. Fast ein Viertel der gefährdeten Arten – darunter auch viele Vögel – sind in Europa durch Pestizide und Düngemittel wie Nitrate und Phosphate bedroht. Die Bestände besonders empfindlicher Lebewesen gehen immer weiter zurück: Die Populationen von knapp 60 Prozent der Amphibien- und mehr als 40 Prozent der Libellenarten in der EU sind rückläufig – auch dies wird mit industrieller Landwirtschaft in Verbindung gebracht.

Wer also das muntere Summen und Brummen auf Feldern vermisst: Konventionelle Äcker sind tatsächlich stiller und weniger lebendig als ökologisch bewirtschaftete. Es gibt aber auch weniger sichtbare Folgen. So bleiben Pestizide nicht an Ort und Stelle; sie verbreiten sich über die Atmosphäre und das Regenwasser. Flüsse und Seen sind ebenso wie das Grundwasser häufig mit Pestiziden belastet. Wasserwerke kämpfen mit Verunreinigungen im Trinkwasser und müssen zu aufwendigen Reinigungsmaßnahmen greifen. Auch Lebensmittel werden umfangreich und kostspielig auf Pestizidrückstände kontrolliert.

„Die Kosten dafür trägt nicht der Verursacher, sondern die Gesellschaft“, kritisiert Dirk Zimmermann, Agrarbiologe und Greenpeace-Experte für Landwirtschaft. Er fordert eine Steuer auf Pestizide. Mit diesen Einnahmen solle die ökologische Landwirtschaft gefördert werden. Denn der Erhalt der Artenvielfalt sei auch ökonomisch von unschätzbarem Wert. So arbeiten zahlreiche Spinnen und Insekten kostenlos als natürliche Schädlingsbekämpfer. Zudem sind 70 Prozent unserer wichtigsten Kulturpflanzen von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Ein Rückgang dieser Leistungen käme die Menschheit teuer zu stehen.

Spritzmittel unter falschen Annahmen zugelassen

Warum also werden solch gefährliche Substanzen überhaupt zugelassen? „Das Verfahren für die Risikobewertung und Zulassung von Pestiziden in Europa ist unzureichend“, sagt Zimmermann. „Die Zulassung beispielsweise konzentriert sich größtenteils auf einzelne Substanzen. Das geht aber an der Realität vorbei. Denn die eingesetzten Spritzmittel enthalten meist mehrere Substanzen. Und die Umwelt ist mit einer Vielzahl von Wirkstoffen gleichzeitig belastet. Die toxische Wirkung dieser Cocktails ist aber bislang kaum erforscht.“

Dieser laxe Umgang ist fatal. Zulassungen mussten bereits zurückgezogen werden, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorlagen. Doch bis es so weit war, landeten Tonnen der Pestizide auf den Äckern. So schränkte die EU-Kommission im Dezember 2013 die Verwendung von drei Insektiziden ein. Sie stehen in Verdacht, für das Bienensterben mitverantwortlich zu sein. Und auch der meist eingesetzte Stoff Glyphosat ist durch eine Aussage von WHO-Wissenschaftlern erneut in der Kritik. Die Krebsforscher stuften Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein.

Dabei ist es völlig unnötig, dieses Risiko einzugehen. Die ökologische Landwirtschaft macht vor, wie es ohne chemische Spritzmittel geht. Sie setzt auf robuste Pflanzen anstatt auf anfällige Hochertragssorten und auf vielfältige Fruchtfolgen.

„Wir brauchen einen grundsätzlichen Wandel zu einem Wirtschaften mit der Natur statt gegen sie“, sagt Zimmermann. „Gefordert ist die Politik: Ökologische Landwirtschaft braucht zuverlässige finanzielle Unterstützung, Subventionen dürfen nicht länger zerstörerische Anbaupraktiken fördern.“ Tatsächlich sind Agrarsubventionen der größte Posten im EU-Haushalt: 2015 sind es 58 Milliarden Euro – 39 Prozent des Gesamtetats.

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