Greenpeace findet antibiotikaresistente Keime in Schlachthof-Abwässern

Gefahr aus der Tierfabrik

Recherchen belegen, dass mit Abwässern aus Schlachthöfen antibiotikaresistente Keime in die Umwelt gelangen. Das kann dazu führen, dass Antibiotika beim Menschen nicht mehr wirken.

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Auf den ersten Blick sieht es ganz harmlos aus. Wasser plätschert aus einem schmalen Rohr in einen Fluss oder einen Bach. Doch die Proben, die Rechercheure und Rechercheurinnen von Greenpeace aus diesen Einleitungen genommen haben, sind alles andere als harmlos. Sie stammen aus verschiedenen Schlachthöfen in Deutschland und tragen antibiotikaresistente Keime in sich.

Das ist problematisch. Denn resistente Keime in der Umwelt gefährden die Wirkung von Antibiotika, dem wichtigsten Heilmittel im Kampf gegen bakterielle Infektionskrankheiten. Die Proben sind ein weiterer Beweis dafür, wie gefährlich die industrielle Massentierhaltung ist. „Auch Schlachthöfe verbreiten Resistenzen gegen überlebenswichtige Antibiotika und tragen damit dazu bei, dass Infektionskrankheiten immer schwerer zu behandeln sind“, sagt Greenpeace-Landwirtschaftsexperte Dirk Zimmermann. „Wir alle sind von der ‚schleichenden Pandemie‘ der zunehmenden Unwirksamkeit von Antibiotika betroffen.“

Resistente Keime in fast allen Proben

Bei der Recherche wurden Abwasserproben aus sieben Schlachtbetrieben in drei Bundesländern genommen und analysiert. Unter anderem wurden Betriebe von Tönnies, Westfleisch und Wiesenhof beprobt. Die Proben wurden an der Universität Greifswald analysiert.

30 der insgesamt 33 untersuchten Proben, darunter auch Kontrollproben aus den von der Einleitung betroffenen Flüssen, enthielten antibiotikaresistente Keime. Außerdem wurden in elf Proben, alle aus Schlachthöfen, Resistenzen gegen das wichtige Reserve-Antibiotikum Colistin nachgewiesen. Colistin ist eines der letzten Mittel gegen bestimmte Infektionskrankheiten beim Menschen. Zwei der vier Kontrollproben waren hingegen frei von den untersuchten Resistenzen.

Die Behandlung einiger Infektionskrankheiten wird durch die Resistenzen immer schwerer und ist in verschiedenen Fällen schon gar nicht mehr möglich. In Europa sterben schon jetzt jährlich etwa 33.000 Menschen an einer Infektion mit antibiotikaresistenten Erregern. Mediziner und Wissenschaftler warnen längst vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Umso wichtiger ist es deshalb, dafür zu sorgen, dass diese Resistenzen erst gar nicht entstehen und sich verbreiten.

Schlachthof-Betreiber, Politik und Handel in der Pflicht

Die Abwasserproben wurden von Greenpeace-Rechercheuren im November und Dezember 2020 genommen. Fast alle beprobten Schlachtbetriebe leiten ihr Abwasser direkt in die Umwelt ein und sind daher eindeutig als Verursacher der mikrobiellen Belastung des Wassers auszumachen.

Mit den Ergebnissen der Abwasser-Analysen belegt Greenpeace, dass nicht nur mit der Gülle gefährliche Keime und Resistenzen großflächig in der Umwelt verbreitet werden. „Leider gehören Antibiotikaresistenzen genauso zur Massentierhaltung wie Tierleid, Verlust der Artenvielfalt und die Befeuerung der Klimakrise“, so Zimmermann. „Eine Konsequenz aus unseren aktuellen Ergebnissen muss die bestmögliche Klärung des Abwassers sein. Neben den Schlachthöfen ist auch die Politik in der Pflicht, sie muss entsprechende Vorgaben machen.“

Deshalb fordert Greenpeace:

  • Eine Verpflichtung der Schlachthof-Betreiber zur Installation der wirkungsvollsten Filter- beziehungsweise Aufbereitungssysteme. Kontrolle der Abwässer auf Antibiotika-Resistenzen.
  • Schluss mit dem massenhaften und ungezielten Einsatz von Antibiotika in der Nutztierhaltung. Stattdessen muss durch bessere Haltungsbedingungen und einem Verzicht auf Metaphylaxe (Gruppenbehandlung) die gezielte Behandlung erkrankter Tiere erfolgen.
  • ein Verbot des Einsatzes sogenannter Reserve-Antibiotika in der Tierhaltung: Diese Medikamente müssen für den Einsatz in der Humanmedizin reserviert bleiben.
  • Antibiotika und multiresistente Keime in der Umwelt müssen einem bundesweiten, einheitlichen Monitoring unterworfen werden.
  • Keine öffentliche Förderung von Gülletransporten und vergleichbaren Maßnahmen, die die Risiken der Verbreitung multiresistenter Keime vergrößern. Stattdessen eine gezielte Förderung landwirtschaftlicher Betriebe, die dem Leitbild einer flächengebundenen Tierhaltung folgen (mit auf Betriebsebene oder lokal geschlossenen Nährstoffkreisläufen).

Der massive Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung muss reduziert werden. Statt hoher Arzneimittelgaben sollten die Ursachen für Krankheiten bekämpft werden. Die Haltungsbedingungen in der industriellen Tierhaltung machen die Tiere krank. „Es ist eine Folge der Massentierhaltung, die wir nur in den Griff bekommen, wenn deutlich weniger Tiere besser gehalten werden“, sagt Zimmermann. „Anders lässt sich der Einsatz von Antibiotika in den Mastanlagen nicht weiter effektiv reduzieren.“

Auch der Handel muss seinen Teil dazu beitragen, die Haltungsbedingungen für die Tiere zu verbessern. „Die Supermärkte müssen ihrer Verantwortung gerecht werden und mit fairen Preisen eine bessere Tierhaltung ermöglichen. Billigfleisch zu Ramschpreisen darf es nicht länger geben.“

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