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Fleisch um jeden Preis

Billig-Fleisch zu produzieren, lohnt sich in Deutschland. Trotz Kritik an Massentierhaltung wird in unserem Land mehr Fleisch produziert als gegessen. Das günstige Fleisch wird exportiert. Dazu vier Fragen an Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace.

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Redaktion: Deutschland produziert mehr Fleisch als die Deutschen konsumieren. Warum ist die Produktion von billigem Export-Fleisch hierzulande so lukrativ?

Martin Hofstetter: Tatsächlich ist insbesondere die Erzeugung von Schweine- und Geflügelfleisch bei uns in den letzten 10 Jahren sehr stark angestiegen. Der Grund ist einfach: Im Vergleich zu unseren Nachbarländern haben wir viel laxere Bestimmungen, so dass bei uns sowohl die Landwirte als auch die Schlachthöfe billiger produzieren können. Landwirte in den Niederlanden oder Dänemark müssen beispielsweise ihren Mastschweinen mehr Platz verschaffen als Landwirte bei uns. Außerdem sind die Anforderungen an die Ausbringung von Gülle viel schärfer und auch der Einsatz von Medikamenten und Antibiotika wird stärker kontrolliert. Das macht dort die Erzeugung im Vergleich zu Deutschland teurer, und deutsche Fleischwaren im internationalen Handel konkurrenzfähiger. Diese Entwicklung war von der alten Regierung politisch so gewollt, um Deutschland zu einem Exportweltmeister von Billigfleischwaren für den asiatischen Raum zu machen. Leidtragende der Entwicklung sind in Deutschland sowohl die Nutztiere als auch wir Menschen. Unser Grundwasser verschlechtert sich in den Regionen mit Intensivtierhaltung, Der Ammoniakgestank schädigt Umwelt und Natur und lässt Anwohner auf die Barrikaden gehen. Auf den Schlachthöfen findet ein Lohndumping der übelsten Sorte mit Werkvertragsarbeitern aus Osteuropa statt.

Redaktion: Im Juni 2013 hat Greenpeace eine Studie über Subventionen für Billigfleisch veröffentlicht. Zu welchen Ergebnissen ist die Untersuchung gekommen und was empfiehlt Greenpeace?

Martin Hofstetter:Vereinfacht gesagt: Fleisch muss teurer werden und wieder einen angemessen Preis bekommen. Ein Kilogramm Schnitzel ist häufig billiger als eine Kinokarte, Gehacktes günstiger als ein Päckchen Zigaretten. Vor 50 Jahren musste man rund zweieinhalb Stunden arbeiten, um sich ein Brathähnchen leisten zu können, heute ist es keine Viertelstunde mehr. Der niedrige Preis liegt vor allem an der industriellen Tierhaltung und den nicht eingepreisten Umweltkosten. Genau betrachtet ist Fleisch kein billiges, sondern ein sehr aufwendig erzeugtes Nahrungsmittel. Das muss sich im Preis auch widerspiegeln. Dazu schlägt die Studie verschiedene Maßnahmen vor. Vor allem sollte der verbilligte Mehrwertsteuersatz für Fleisch auf den Normalsatz angehoben werden. Außerdem sollten die Tierhaltungsbetriebe dazu gebracht werden, umweltfreundlicher zu wirtschaften. Zum Beispiel könnten sie ihren Stickstoffdünger bedarfsgerecht ausbringen, etwa durch eine Stickstoffabgabe und schärfere Gesetze. Billiges Sojaschrot, das häufig von gerodeten Urwaldgebieten in Lateinamerika stammt, sollte durch heimische Futtermittel ersetzt werden. Dies könnte durch einen Zoll auf Eiweißimportfuttermittel erreicht werden.

Redaktion: Die Umweltorganisation BUND veröffentlicht am Donnerstag, den 9. Januar, zusammen mit der Heinrich Böll Stiftung den Fleischatlas 2014. Kritisiert wird, dass das Freihandelsabkommen mit den USA aufgeweicht werden soll, um den Export von mit Wachstumshormonen behandeltem Fleisch in die EU zuzulassen. Wie würde sich diese Entscheidung in Deutschland auswirken?

Martin Hofstetter: In den USA werden in der Mast und bei der Milcherzeugung Hormone und andere Wachstumsförderer wie Ractopamin zur Leistungssteigerung systematisch eingesetzt. Bei uns sind diese Substanzen seit langem verboten. Bisher darf kein mit diesen Leistungssteigerern produziertes Fleisch aus den USA nach Europa importiert werden. Das könnte sich mit dem Abschluss des Freihandelsabkommens ändern, auch wenn Kommissionsvertreter das Gegenteil behaupten. Denn auffällig ist doch, wie stark die Lobby der amerikanischen Geflügelzüchter und Fleischproduzenten auf das Freihandelsabkommen setzt und ihre Regierung auffordert, die EU-Standards zu schleifen. Während die Verhandlungen zwischen den USA und der EU seit Monaten geheim unter sehr starkem direktem Einfluss von Konzern-Lobbyisten vonstattengehen, müssen Öffentlichkeit und demokratisch gewählte Parlamente außen vor bleiben. Das Abkommen selber hat das Ziel, sogenannte nicht-tarifäre Handelshemmnisse abzubauen. Dazu zählen Gesetze und Vorschriften, die zwar die Interessen der Verbraucher zum Ziel haben, den Freihandel aber behindern. Das lässt nichts Gutes erwarten.

Redaktion: Was können Verbraucher tun?

Martin Hofstetter: Aus gesundheitlicher Sicht essen wir in Deutschland im Durchschnitt viel zu viel Fleisch. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt daher, 50-70 Prozent weniger Fleisch zu essen. Beim Einkauf selber sollten wir mehr auf die Herkunft des Fleisches achten. Regionale aus artgerechter und ökologischer Tierhaltung stammende Produkte sind besser für die Umwelt. Das ist nicht billig zu haben. Es gibt aber laut UN Konvention kein Recht auf billiges Fleisch aus Massentierhaltung, wohl aber ein Recht auf Nahrung und ein Recht auf den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen. Durch unseren immensen Fleischkonsum aber stellen wir ja gerade dieses Grundrecht für viele Menschen in ärmeren Regionen immer mehr in Frage. 40 Prozent der Weltgetreide werden an Tiere verfüttert und stehen damit der direkten Versorgung von Menschen nicht mehr zur Verfügung. Das ist auch sozial nicht zu rechtfertigen.

Das Interview führte Hanno Groth

Zum Weiterlesen:

Transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft sägt an EU-Standards

Publikationen

Studie: Senkung des Fleischkonsums in Deutschland

Der Fleischkonsum in Deutschland ist sowohl aus ökologischer als auch aus gesundheitlicher Perspektive zu hoch. In den vergangenen Jahren pendelte er sich auf einem Niveau von 90 bis 100 kg pro Person ein. Der durchschnittliche Deutsche verzehrt damit doppelt so viel Fleisch, wie von Gesundheitsorganisationen empfohlen wird.

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