Greenpeace fordert Maßnahmen gegen Gülleflut in Niedersachsen

Bis zum Hals

Die Weser-Ems-Region produziert zu viel Gülle. Die Industrie bietet eine Lösung an: Aufbereitungsanlagen. Doch die grundlegenden Probleme geht sie damit nicht an. Das ist gewollt.

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Man kennt das Phänomen aus der Verkehrsplanung: Wenn Städte breitere Straßen bauen, bedeutet das nicht, dass der Verkehr an dieser Stelle schneller fließt. Stattdessen fahren dort einfach noch mehr Autos, gewonnen ist gar nichts. Eine ähnliche Fehleinschätzung droht der Weser-Ems-Region in einem ganz anderen Bereich: Dort sind gigantische Gülle-Vollaufbereitungsanlagen geplant, ausgelegt für die Ausscheidungen von einer Million Mastschweinen. Solche Anlagen können die Hälfte der Gülle in Wasser aufbereiten, das mit entsprechender Genehmigung in Flüsse oder Abwasserkanäle geleitet wird. Für eine Gegend, die zum Schutz der Umwelt ihre Gülleproduktion eigentlich dringend einschränken muss, ist das eine denkbar schlechte Einrichtung, die von einer Problemlösung weit entfernt ist.

Denn die Weser-Ems-Region wird der Gülle vor Ort schon jetzt nicht mehr Herr, das bestätigt der aktuelle Nährstoffbericht des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Von Mitte 2016 bis Mitte 2017 wurden über drei Millionen Tonnen Gärreste, Gülle und Hühnerkot aus der Gegend heraustransportiert, das sind mehr als 115.000 LKW-Ladungen – weil vor Ort die Flächen fehlen, um sie umweltverträglich auszubringen. Was Cloppenburg und Umgebung ganz sicher nicht brauchen, sind technische Scheinlösungen, die den Missstand nicht beheben, sondern ihn unter Umständen sogar vergrößern.

Schiefes Verhältnis

Gülle, also flüssige Tierexkremente, spielt in der Landwirtschaft als Dünger eine wichtige Rolle. Die in ihr enthaltene Stickstoffverbindung Nitrat ist notwendig für das Wachstum der Ackerpflanzen. Doch Nitrat ist gleichermaßen problematisch: Was die Pflanzen nicht aufnehmen können, schädigt Oberflächengewässer, Seen und Meere. Oder sickert ins Grundwasser, aus dem die Wasserwerke unser Trinkwasser gewinnen. Sind die Nitratwerte darin zu hoch, muss es aufwändig und teuer wieder herausgefiltert werden, im Extremfall werden Brunnen geschlossen.

Denn zu viel Nitrat in der Nahrung ist für den Menschen schädlich, umgewandelt in Nitrit beeinträchtigt es insbesondere bei Kleinkindern den Sauerstofftransport im Körper. Darum gibt es strenge Grenzwerte für Trinkwasser. Beim Grundwasser unter Ackerflächen ist dieser Wert in der Weser-Ems-Region besonders häufig überschritten.

BUND, NABU und Greenpeace fordern gemeinsam die niedersächsische Landesregierung auf, die Verhältnismäßigkeit in der Landwirtschaft wiederherzustellen, zum Schutz des Trinkwassers und zum Wohl der Tiere. „Der Umfang der Tierhaltung muss wieder an die vor Ort zur Verfügung stehende landwirtschaftliche Fläche angepasst werden“, heißt es in einer gemeinsamen Presseerklärung zum Nährstoffbericht. Derzeit haben diese beiden Parameter wenig miteinander zu tun.

Wohin mit der Gülle?

Niedersachsens Nährstoffüberschuss – ein etwas beschönigender Ausdruck für das Zuviel an Gülle – ist enorm. Nach den Vorgaben der neuen Düngeverordnung des Landes würden sieben Landkreise im Weser-Ems-Gebiet insgesamt mehr als 114.000 Hektar zusätzliche Ackerfläche benötigen, um die Gülle aus den Tierställen umweltverträglich auszubringen, die Größe von rund 160.000 Fußballfeldern. Diese Zahl ist sogar noch tiefgestapelt: In die Rechnung fließt nicht ein, dass etliche Böden in der Region bereits überversorgt sind. Der tatsächliche Flächenbedarf dürfte darum noch höher liegen.

Der Bau von riesigen Gülle-Kläranlagen begünstigt ein „Weiter so“, wo ohne Frage eine ungesunde Fehlentwicklung vorliegt. Der unverhältnismäßig hohe „Nährstoffüberschuss“ darf nicht der Normalfall sein, dem die Industrie mit technischen Lösungen beizukommen versucht. Die Probleme der Intensivtierhaltung würden durch Aufbereitungsanlagen ohnehin nicht gelöst. „Die Gefahr von Tierseuchen wie der Afrikanischen Schweinepest, Probleme durch gesundheitsschädliche Ammoniakgase, resistente Keime aus der Tierhaltung und auch die wirtschaftliche Abhängigkeit der Region von der Fleischproduktion bleiben ja bestehen“, sagt Martin Hofstetter, Greenpeace-Experte für Landwirtschaft.

Der Weg zu einer nachhaltigen Landwirtschaft funktioniert nur über Maßnahmen, die weit früher ansetzen. Niedersachsen hat immerhin Vorarbeit geleistet: Mit einem Tierschutzplan, der in den beiden vergangenen Legislaturperioden entwickelt wurde. Bloß muss die Landesregierung ihn endlich umsetzen und die Ställe tiergerechter machen, Viehbestände gezielt reduzieren und den Tieren mehr Platz zur Verfügung stellen.

Auf Biegen und Brechen

Doch das ist nicht so einfach und stößt auf Widerstand bei der Industrie. „Das Ziel ist klar“, sagt Martin Hofstetter. „Man will auf Biegen und Brechen die Intensivtierhaltung vor Ort erhalten, damit die Betreiber von Schlachthöfen, Futtermühlen und Stallbauer weiter ihre Geschäfte machen können.“ Darum bevorzugt die industrielle Landwirtschaft eine technische Lösung für die Gülleflut, die Große Koalition in Niedersachsen setzt dem nichts entgegen. In ihrem Koalitionsvertrag benennt sie Maßnahmen für einen „nachhaltigen Nährstoffkreislauf“, ganz im Sinne der Fleischproduzenten. Darin heißt es: „Ein Baustein werden Aufbereitungsanlagen in den Tierhaltungsregionen und Wirtschaftsdüngerlagerstätten in Ackerbauregionen sein."

Auch wenn in Deutschland der Fleischkonsum leicht rückläufig ist, wird mittlerweile in Rekordmengen für den Export produziert – doch diese zweifelhafte Bestleistung wird sehr teuer erkauft, nicht nur in der Weser-Ems-Region. Um auf den globalen Märkten preislich mithalten zu können, muss Fleisch vor allem billig produziert werden. Deswegen werden Tiere unter unwürdigen Bedingungen in Intensivhaltung aufgezogen, gewährleistet durch den sorglosen Umgang mit Antibiotika. Gülle-Aufbereitungsanlagen lösen dieses Problem nicht; sie zementieren einen unerträglichen Status Quo.

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