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Durban: Klimaverhandlungen in der heißen Phase

Länger als geplant verhandeln die Staaten in Durban um einen neuen Klimavertrag. Chance oder Stillstand? Stefan Krug, Leiter der Politischen Vertretung von Greenpeace, berichtet.

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Online-Redaktion: Der Klimagipfel sollte eigentlich am Freitag zu Ende gehen. Jetzt sieht es so aus, als verzögere sich der Schluss um mindestens einen weiteren Tag. Ist das ein gutes Zeichen? Ringen statt Resignation?

Stefan Krug: Eher ein gutes Zeichen: Es zeigt, dass einige Länder einfach nicht mehr bereit sind, einem weiteren faulen Kompromiss zuzustimmen, nur um ihr Gesicht zu wahren. Allen Beteiligten hier in Durban ist klar, dass es keinen Sinn mehr macht, die größten CO2-Emittenten China und USA weiterhin aus der Verantwortung für den Klimaschutz zu nehmen.

Durban könnte ein Wendepunkt werden, aber nur, wenn die EU und ihre Partner hart bleiben und China, Brasilien und weitere Schwellenländer ins Boot für einen neuen Vertrag bekommen. Neben den USA ist hier aber auch die Kompromisslosigkeit Indiens bisher ein großes Problem, während sich bei China etwas Bewegung zeigt.

Online-Redaktion: Wie hält die EU, die sich gerade erst wieder auf ihre Verantwortung besonnen hat, dem Druck jetzt stand?

Stefan Krug: In Durban hat die EU wieder zu ihrer Vorreiterrolle gefunden - obwohl sie große interne Meinungsverschiedenheiten beim Thema Klimaschutz hat, besonders unter der Präsidentschaft des Kohlelandes Polen. Aber die Klimakommissarin Connie Hedegaard hat hier das Ruder übernommen und sich bisher gut geschlagen. Sie hat die glasklare Linie durchgesetzt, dass die EU die Konferenz eher platzen lässt, als einem schlechten Deal zuzustimmen. Ich weiß nur nicht, ob sie diese Linie konsequent durchhält. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie auf der Aushandlung eines rechtlich verbindlichen Weltklimavertrages bis 2015 besteht, der eigentlich schon 2009 in Kopenhagen kommen sollte.

Online-Redaktion: Wie positioniert sich Bundesminister Röttgen, der ja in Durban zunächst keinen überzeugenden Start hingelegt hatte?

Stefan Krug: Minister Röttgen ist hier in Durban vom passiven Zuschauer zum aktiven Verhandler geworden. Bisher muss ich sagen: Hut ab! Das sah vor einer Woche noch ganz anders aus, als der Minister und anschließend auch die Kanzlerin sich pessimistisch über die Konferenz und sehr ungeschickt über China äußerten. Das war keine subtile Taktik, um hier mehr zu erreichen. Aber mittlerweile hat er hier gemeinsam mit Dänemark und der EU-Kommissarin Akzente gesetzt, zum Beispiel durch die Bildung einer Koalition mit Inselstaaten und den ärmeren Entwicklungsländern, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind. Die harte Kante der Europäer und Deutschlands hat der Konferenz hier unerwartete Dynamik gegeben. Aber das alles wäre zwecklos, wenn die EU und ihre größte Industrienation am Ende noch einknickten!

Online-Redaktion: Wie groß schätzt du die Chance ein, dass noch ein wirksames Kyoto2-Protokoll zustande kommt? Bewegen sich die Schwellenländer - und womöglich sogar die USA?

Stefan Krug: Das ist im Moment schwer zu sagen. Die Minister verhandeln Stunde um Stunde, die Konferenz sollte schon Freitagabend zu Ende sein. Minister Röttgen hat seinen Abflug verschoben, hier ist noch alles drin.

Das Kyoto-Protokoll läuft Ende 2012 aus und hier in Durban könnte beschlossen werden, es ab 2013 definitiv weiter laufen zu lassen, mit einer neuen Verpflichtungsperiode. Das aber nur, wenn gleichzeitig das Aushandeln eines rechtsverbindlichen Klimavertrages bis 2015 für alle großen Emittenten beschlossen wird. Um dieses Paket geht es hier vor allem, und das darf nicht in Einzelteile zerlegt werden.

China hat Bereitschaft signalisiert, sich ab 2020 zu binden, auch bei anderen Schwellenländern wie Brasilien und Südafrika gibt es Bewegung. Indien dagegen ist bisher kompromisslos und auf die USA darf man nicht mehr warten. Sie sind politisch bis auf weiteres gelähmt durch eine Mafia aus Öl- und Kohleindustrie in Verbindung mit ultrakonservativen Hardlinern, die Millionen in Anti-Klimaschutz-Kampagnen stecken. Sollte hier in Durban kein Fortschritt möglich sein, wäre es besser, die Uhren anzuhalten und die Konferenz in ein paar Monaten fortzusetzen. Das gab es schon einmal, bei der 6. Klimakonferenz im Jahr 2000.

Online-Redaktion: Am Rande des Klimagipfels hat es gestern eine Protestdemo gegeben. Einige Umweltschützer wurden als Beobachter ausgeschlossen. Wie kam es zu dieser spontanen Demo und zu der harten Reaktion?

Stefan Krug: Die ergebnislose erste Woche hat viele hier frustriert. Es steht so viel auf dem Spiel, und jedes verlorene Jahr bringt die Erde einer Zukunft von vier bis sechs Grad Erwärmung immer näher. Das sind aber nur Durchschnittswerte: Zwei Grad global bedeuten für viele Länder Afrikas vier Grad oder mehr. In diesem Jahrzehnt müssen die CO2-Emissionen ihren Höhepunkt erreichen und dann rasch sinken, sonst gerät der Klimawandel außer Kontrolle. Wenn man aber in dem klimatisierten Konferenzzentrum hier in Durban herumläuft, könnte es auch eine beliebige Business-Konferenz sein. Man spürt nichts von der existentiellen Bedrohung, die der Klimawandel draußen schon heute darstellt, vor allem in Afrika.

Deshalb war die Protestaktion von Greenpeace, avaaz, Friends of the Earth und anderen so wichtig: den Delegierten zu zeigen, dass sie in einer Parallelwelt leben und stattdessen endlich die Augen für die Realität öffnen müssen. Etliche unserer Kollegen, darunter auch der Greenpeace-Chef Kumi Naidoo, wurden abgeführt und dürfen das Konferenzzentrum nicht mehr betreten. Aber sie sind froh, das sie hier ein Zeichen setzen konnten.

Online-Redaktion: Wie ist die Atmosphäre auf dem Gipfel?

Stefan Krug: Erstaunlich gut. Die Erwartungen an den Gipfel waren sehr sehr niedrig. Vielleicht hat das zu dieser Stimmung geführt, dass irgend etwas passieren muss. Zumal es eine Klimakonferenz in Afrika ist, dem Kontinent mit den verwundbarsten Staaten, der existentiell vom Klimawandel betroffen ist. Die Präsidentschaft will hier auf jeden Fall etwas erreichen.

Die Menschen hier, mit denen man angesichts von 14- oder 16-Stunden-Tagen meist nur im Hotel oder im Taxi Kontakt hat, sind unglaublich freundlich. Aber man hat das Gefühl, dass diese Klimakonferenz Lichtjahre von ihrem Lebensalltag entfernt ist. Die lebensfrohe Freundlichkeit steht in Kontrast zu harter Armut und einer hohen Kriminalitätsrate. Die Horden von Delegierten werden in Bussen hin- und hergefahren, abends wird empfohlen, nicht mehr alleine unterwegs zu sein. Es ist manchmal schon ein absurdes Gefühl.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Gespräch!

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