Greenpeace lädt zum Dialog zwischen den Generationen

Zukunft wählen wir zusammen

Greenpeace will mit „Vote4me“ die Generationen ins Gespräch bringen. Im Interview erklärt Soziologin Gianna Martini, wie man mit Zuhören das Klima rettet.  

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Die jüngsten Extremwetterereignisse zeigen: Die Klimakrise findet jetzt und hier statt. Unser tiefes Mitgefühl und Solidarität gelten allen Betroffenen. Die Klimapolitik muss sich endlich ändern. Die kommende Bundesregierung wird die letzte sein, die noch die wichtigsten Weichen im Klimaschutz stellen kann. In der Öffentlichkeit scheint es bei diesem Thema häufig einen Konflikt zwischen jungen Menschen und der älteren Generation zu geben. Doch ist die Kluft wirklich so groß? Gibt es nicht Werte und Wünsche, die auch die scheinbar gegensätzlichen Generationen verbinden? Was passiert, wenn sich alt und jung einfach mal zuhören?

>>> Hier geht's zu "Vote4Me"!

Aus diesem Grund startet Greenpeace eine Listening-Tour quer durch Deutschland, bei der sich Menschen begegnen und einen Zukunftsdialog führen können. Damit der gelingt, hat Greenpeace ein Kartenspiel mit Fragen und Antworten entwickelt. Mit dem können Freund:innen, Ehepartner genauso wie Jugendliche mit ihren Verwandten in ein gutes Gespräch über ihre Zukunft kommen. Im Interview erklärt die Sozialwissenschaftlerin Gianna Martini die Ideen hinter der Kampagne. Sie arbeitet für Greenpeace als Engagement-Kampaignerin und hat die Tour mitorganisiert.

Greenpeace: „Vote4me – Zukunft wählen wir jetzt zusammen “ heißt die Kampagne, mit der Greenpeace jetzt durch rund 50 deutsche Städte touren will. Was ist das Ziel? Was steckt dahinter?

Gianna Martini: Dahinter steckt die Idee, die Generationen ins Gespräch zu bringen. Wenn wir auf die Analysen schauen, dann sehen wir, dass fast 60 Prozent der Wähler:innen über 50 Jahre alt sind. Außerdem zeigen die Analysen, dass Menschen der Generation 50+ eher nicht klimafreundlich wählen. Erstwähler:innen und junge Menschen hingegen machen einen deutlich geringeren Anteil aus, wählen aber deutlich häufiger nachhaltig und ökologisch. Schließlich wählen sie für ihre Zukunft. Dazu kommen noch die vielen jungen Menschen, die aufgrund ihres Alters noch gar nicht wählen dürfen, aber sehr klar wissen, was sie für ihre Zukunft gerne hätten. Da ist also ein ziemliches Ungleichgewicht, wenn es um Zukunftsfragen geht. 

Hier scheint es einen Interessenkonflikt zu geben. In Talkshows und auch in vielen persönlichen Gesprächen entsteht oft das Gefühl einer Kluft zwischen den Generationen, eines Streits – aber ist die Kluft wirklich so groß? Was würde passieren, wenn sich Menschen dieser zwei Generationen mal Fragen stellen statt Antworten geben? Was passiert, wenn sie sich gegenseitig zuhören statt versuchen zu überzeugen? Unsere Theorie ist, dass die Generationen gar nicht so weit auseinanderliegen mit ihren Wertvorstellungen und ihren Wünschen für die Zukunft. Das finden wir allerdings nur heraus, wenn wir miteinander ins Gespräch kommen. 

Und jetzt wollt ihr die Menschen an einen Tisch setzen und sagt: "Redet mal schön"?

Na ja (lacht) – ja. Wir haben uns ein Kartenspiel mit Fragen ausgedacht, das den Menschen dabei hilft, ein gutes Gespräch zu führen.

Mit einem Kartenspiel gegen die Klimakrise? 

Im besten Fall ja. Aber was das Ergebnis des Spiels ist, können wir nicht beeinflussen. Wollen wir auch gar nicht. Wir können den Menschen eine Gedankenrichtung aufzeigen, aber was sie damit machen, liegt ganz bei ihnen. Das hängt ja auch stark von ihrem persönlichen Wertekonstrukt, ihrer Haltung und zum Beispiel auch der eigenen Weltanschauung ab. Bei ersten Testläufen mit dem Spiel lagen die Werte und die Haltung zwischen den Generationen häufig enger zusammen, als am Anfang von den Parteien gedacht – auch im Hinblick auf den Klima- und Umweltschutz.

Wie funktioniert das Spiel denn?

Am besten spielt man das Spiel zu zweit, maximal zu dritt. Es richtet sich zum Beispiel an die jüngere Generation, die mit ihren älteren Verwandten oder Menschen, mit denen sie anderweitig enger verbunden sind, in einen Austausch über ihre Zukunft treten wollen. Das kann die eigene Oma sein, der Vater, die Mutter, der Onkel oder die Nachbarin, aber auch Geschwister oder Freund:innen. Auf der Deutschlandtour “Zukunftsdialog – Komm ins Gespräch” haben wir dafür Tische aufgebaut. Aber wer will, kann es auch online spielen oder bei uns bestellen.

Die Spielregeln sind: Fragen stellen und zuhören – keine Bewertung des vom Gegenüber Gesagten. Das hört sich erstmal einfacher an als es tatsächlich ist. Die Fragen sind offen, und häufig brauchen die Spielenden etwas Zeit zum Nachdenken bevor sie antworten können. Die jungen Menschen stellen Fragen wie „Was sind deiner Meinung nach die wichtigsten Werte einer Gesellschaft?“ oder „Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“ Und der ältere Konterpart fragt Sachen wie „Glaubst du, dass unsere Zukunft eher besser oder eher schlechter wird?“ oder “Warum ist es wichtig, wählen zu gehen?”

Und was soll das bringen?

Die Fragen geben Raum, um ein Thema mal von einer anderen Seite zu betrachten, oder einen Standpunkt, den man lange hatte, mal zu hinterfragen. Dies gilt für beide Parteien, die sich während des Spiels aufeinander zubewegen. Das Zuhören statt Überzeugenwollen führt dazu, dass ein Verständnis für die andere Seite geschaffen wird und wir bereit sind, unsere Meinung bei bestimmten Themen auch mal zu überdenken. Das funktioniert nie durch Druck, sondern immer durch das Gegenteil: durch Aufeinander zugehen. 

Nun ist ja Greenpeace eigentlich eher dafür bekannt, ihre Werte in die Welt zu senden als zuzuhören…?

Das stimmt – es kommt aber auch immer auf den Adressaten an. Mit dem Vorstand einer Ölfirma reden wir anders als mit der eigenen Oma. Und da beide unterschiedliche Interessen haben – die einen wollen mehr Geld generieren, und die andere will eine sichere und gerechte Zukunft für ihr Enkelkind – sprechen wir beide Parteien anders an. 

Ich glaube, in bestimmten Situationen ist es genau das Richtige zuzuhören, und in manchen Situationen genau das Falsche. Das unterscheidet Kampagnen, die an Politiker:innen oder die Industrie gerichtet sind, elementar von Engagement-Kampagnen. Diese richten sich nämlich immer an “normale Menschen”, und diese haben in den allermeisten Fällen ein sehr ähnliches Interesse wie Greenpeace – den Erhalt der Lebensgrundlagen und einen gesunden Planeten. 

Für mich geht es darum, zusammen für eine gute Zukunft einzustehen. Dass unser Kartenspiel dafür gut funktioniert, haben unsere Testläufe gezeigt. Das schönste Feedback, das ich bekommen habe, war von einem 16-jährigen Jungen. Er sagte nach dem Spiel zu mir: “Solche Gespräche hat man nicht oft mit seiner Oma. Das war was Besonderes.” Ich hoffe, dass noch ganz viele Menschen derartige Erfahrungen mit unserem Kartenspiel machen. 

Na, dann: habt gute Gespräche!

>>> Nähere Informationen zu der Tour und dem Kartenspiel finden Sie hier

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