Schülerstreik für das Klima: Interview mit dem 18-jährigen Jakob Blasel

Wir streiken, bis ihr handelt

Schülerstreiks sind verboten, aber wirksam. Am Freitag werden Tausende Schüler in 48 deutschen Städten für Klimaschutz demonstrieren, statt zu lernen. Mit dabei: Jakob Blasel.

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Greta Thunberg war die Erste. Wochenlang ging die 15-jährige Schwedin nicht zur Schule, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Und auch jetzt noch schwänzt sie jeden Freitag die Schule, weil sie durch das Nichthandeln der Politiker ihre Zukunft in Gefahr sieht. Beim Klimagipfel im polnischen Kattowitz hielt sie vor den  versammelten Politikern der Welt eine flammende Rede für das Recht ihrer Generation darauf, dass sich die heutigen Erwachsenen viel mehr Mühe dabei geben, den drohenden Klimawandel aufzuhalten.

Da war sie schon nicht mehr alleine: Weltweit waren Schüler dem Beispiel gefolgt und am Freitag, den 14. Dezember, in einen Streik für mehr Klimaschutz getreten. Auch in Deutschland kam es in 14 Städten zu lautstarken Schülerprotesten, obwohl das Fernbleiben vom Unterricht aus Gründen der politischen Meinungsäußerung eigentlich verboten ist. In Berlin hüpften 300 Jugendliche vor dem Bundestag zu ihren Rufen „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“; in Kiel protestierten 500 Schüler und Schülerinnen vor dem Landtag von Schleswig-Holstein. Die nächsten beiden Freitage wollen wieder Schüler „ihre Arbeit“ niederlegen: Am 18. Januar regional in ganz Deutschland; am 25. Januar, wenn die Kohlekommission weiter über das Wann und Wie eines Kohleausstiegs verhandelt, wollen die streikenden Schüler sogar nach Berlin reisen.

Einer von ihnen ist Jakob Blasel, seit Ende 2017 auch bei den Greenpeace-Jugendlichen aktiv. Der 18-Jährige geht auf das Gymnasium Kronshagen bei Kiel und wirbelt seit Wochen, damit diesmal noch viel mehr Schüler streiken als zuvor. Auf der Webseite der Jugendbewegung  „Fridays For Future“ haben sich bereits in 48 Städten Schülergruppen zu Demos angemeldet. Im Interview erklärt Jakob, warum er sich engagiert.

Greenpeace: Warum gehst du lieber demonstrieren als in die Schule, obwohl das ja eigentlich verboten ist?

Jakob Blasel: Ich finde, es ergibt wenig Sinn, für die Zukunft zu lernen, wenn es diese Zukunft  vielleicht gar nicht mehr gibt. Der Klimawandel bedroht die Erde und ihre Menschen – vor allem uns, die wir noch ein ganzes Leben vor uns haben. Und keiner handelt dementsprechend. Weltweit muss der Ausstoß von Treibhausgasen sinken. Aber keine Politikerin und kein Politiker der Welt handelt entschlossen genug, um diese Klimaziele zu erreichen. Deutschland zum Beispiel muss dafür aus dem Klimakiller Kohle ausstiegen, doch dabei sehen wir bisher keine Entschlossenheit.

Die Kohlekommission, die am 25. Januar wieder tagt, verhandelt ja derzeit das Wann und Wie des deutschen Kohleausstiegs. Was sind eure Forderungen?

Ich fordere von der Kohlekommission: Die klimaschädlichsten Kohlekraftwerke sollen sofort abgeschaltet werden, und bis 2030 muss Schluss sein mit der Kohleverstromung. So kann Deutschland seine Klimaziele einhalten. Natürlich will auch ich, dass der Kohleausstieg für die betroffenen Regionen sozialverträglich geregelt wird. Aber es geht eben nicht nur um die Zukunft von 20.000 Arbeitsplätzen in der Kohleindustrie, sondern auch um unsere Zukunft. Und die von unseren Kindern. Noch viel schlimmer vom Klimawandel betroffen sind im übrigen Menschen in anderen Teilen der Welt.

Warum streikt ihr Schülerinnen und Schüler während der Schulzeit und nicht nachmittags. Dann wäre es nicht verboten?

Wenn nachmittags ein paar hundert Jugendliche demonstrieren, erregt das wenig Aufsehen. Aber wenn die gleiche Anzahl Jugendlicher während der Schulzeit „streikt“, dann sind plötzlich alle aufgeregt und hören uns zu. Sogar Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat mit uns geredet und sich unsere Forderungen angehört. Klare wissenschaftliche Erkenntnisse fordern ein konsequentes  Handeln. Der Klimawandel wird drastisch werden, wenn wir jetzt nichts tun. Aber die ältere Generation will ja bisher nicht konsequent genug die Treibhausgase reduzieren. Also müssen wir, die jungen Leute, jetzt ein paar Regeln brechen, um auf unser Anliegen aufmerksam zu machen.

Was sagen deine Eltern dazu?

Meine Aussage: ,Das Klima ist  wichtiger für meine Zukunft als eine maximal gute Abinote‘, macht meinen Eltern Sorgen. Sie fürchten, ich würde zu wenig auf meine ganz persönlichen Perspektiven achten. Dabei übersehen sie aber, wie stark mich mein Einsatz auch persönlich bereichert. Aber so lange die Noten halbwegs stimmen, sehen sie das Bisschen Fernbleiben vom Unterricht deutlich entspannter. Und was ich und die anderen Jugendlichen hier seit ein paar Wochen für unsere Zukunft auf die Beine stellen, finden sie, glaube ich, auch toll. Da sind sie sogar ein wenig stolz auf uns.

Und wie sehen das die Lehrer an deiner Schule?

Manche finden es klasse, andere unmöglich, je nach ihrer persönlichen Einstellung. Offiziell gutheißen dürfen sie die Streiks natürlich nicht, und es ist ihnen ganz klar verboten, uns zu ermuntern. Aber viele sehen doch die Dringlichkeit unseres Anliegens. Außerdem ist das, was wir von der Jugendbewegung „Fridays For Future“ gerade weltweit machen, gelebter Unterricht in Demokratie. Wir bauen unsere Webseite selber, entwerfen Flyer, melden Demos an, geben Interviews - so viel lernt man in keinem Politikunterricht. Es ist auch toll zu sehen, wie ansteckend Engagement sein kann:  Wir haben bei der letzten Demo mal herum gefragt, wie viele Jugendliche zum ersten Mal auf einer Demo sind. Das waren bestimmt zwei Drittel! Und ich hoffe sehr, dass wir diesen und nächsten Freitag noch viel, viel mehr werden.

Greenpeace e.V. ist nicht Mitveranstalter der Schüler-Demos. Bei einer Teilnahme sind einige Dinge zu beachten, u.a. dass die Demonstration bei der zuständigen Versammlungsbehörde angemeldet wird. Rechtliche Hinweise finden sich in unserem Blog. 

Weitere Infos:

Fridays for Future 

#fridaysforfuture 

Kinderrecht-Ratgeber/Schulstreik 

BUND Jugend  

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