Neues Greenpeace-Gutachten zu klimaschädlichem Braunkohle-Tagebau in Polen

Turów bedroht das Wasser

Der Tagebau Turów nahe der deutsch-polnischen Grenze soll erweitert werden. Doch das bedroht die Wasserqualität hierzulande und ist unvereinbar mit EU-Umweltrecht.

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Es ist ein hoch umstrittenes Projekt: Der polnische Staatskonzern PGE will den Tagebau Turów großflächig erweitern und noch bis zum Jahr 2044 klimaschädliche Braunkohle abbaggern. Die polnische Regierung hatte die Bergbaulizenz des Konzerns unlängst ohne weitere Überprüfung um weitere sechs Jahre verlängert. Doch der Widerstand in der Region und den Anrainerstaaten Deutschland und Tschechien wächst. Denn was in Turów passiert, hat weitreichende Auswirkungen - für die Region, aber auch die europäischen Klimaziele. 

Die Pläne PGEs widersprechen europäischem Umweltrecht

Greenpeace hat gemeinsam mit der tschechischen Umweltrechtskanzlei Frank Bold ein Gutachten „Zu den grenzüberschreitenden Auswirkungen einer Fortführung des Abbaus der Braunkohlelagerstätte Turów“ in Auftrag gegeben, das heute in Zittau veröffentlicht wird. Das Gutachten des Geologen Dr. Ralf Krupp zeigt, dass das Projekt nicht mit EU-Umweltrecht vereinbar ist. Krupp weist zudem detailliert auf die Gefahr großräumiger geologischer Absenkungen in der Region hin. Der Betrieb des erweiterten Tagebaus würde den tiefen Grundwasserleiter der Region um 20 Meter absenken, so die Expertise. Am Rand des Stadtgebiets von Zittau würden so die Absenkungen des Erdreichs von einem Meter auf 1,2 Meter steigen. Saures Grubenwasser würde zudem Neiße und Oder unterhalb des Tagebaus regelmäßig belasten und zu deutlich erhöhten Sulfatkonzentrationen führen. 

Turów darf nicht erweitert werden!

„Jede weitere Braunkohlegrube heizt die Klimakrise weiter an, doch Turów bedroht zudem noch die Wasserversorgung und die Standfestigkeit der Region“, sagt Greenpeace-Energieexperte Karsten Smid.  Er fordert: „Turów muss gestoppt werden.“ Der Zittauer Oberbürgermeister Thomas Zenker verlangt von den Behörden des Freistaates Sachsen, die Risiken erneut zu prüfen und gegebenenfalls nach dem Vorbild der tschechischen Seite rechtliche Schritte gegen das Projekt einzuleiten. Es bestehen erheblich Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Umweltverträglichkeitsprüfung. Damit wäre ein Aus für die Erweiterungspläne möglich. Hinzu kommt: Die anstehende Erhöhung der EU-Klimaziele würde der Erweiterung des Tagebaus widersprechen. „Der Tagebau stammt aus einem vergangenen Zeitalter“, so Smid. „Die EU muss hier Menschen, Natur und Klima schützen.“ 

Zum Weiterlesen - was das Gutachten aussagt:

Das 79-Seiten starke Gutachten des deutschen Hydrogeologen Krupp zeigt negative (mögliche) Folgen des Tagebaus Turów für das deutsche Gebiet auf. Die nachfolgend zusammengefassten Auswirkungen und Risiken werden sich alle in der Abbauperiode (bis 2044) verstärken und einige von ihnen werden auch in der Zeit nach dem Bergbau fortbestehen:

  • Die signifikante Grundwasserabsenkung im Tagebau betrifft vor allem die tieferen tertiären Aquifere, die bisher nicht zur Trinkwassergewinnung dienen. Die Absenkungstrichter im Grundwasser reichen bis an den Rand des Tertiärbeckens im Westen und die Absenkung beträgt 100 m an der Staatsgrenze zu Polen. Bis 2044 wird mit einer weiteren Absenkung von 20 m gerechnet.
  • Das gesamte Stadtgebiet von Zittau liegt innerhalb des Senktrichters, mit der Folge einer weitgehend irreversiblen Absenkung des Bodens, die nahe der Landesgrenze bereits bis zu 1 m betragen könnte und nach Westen hin allmählich auf Null zurückgeht. Da die Bodensenkungen in den folgenden Jahren durch die Grundwasserabsenkung zunehmen werden, sind schwere Schäden an Gebäuden in Zittau nicht auszuschließen. Es wird geschätzt, dass in der Nähe der Landesgrenze die Bodensenkung bis 2044 auf bis zu 1,2 m ansteigen wird. In der Zittauer Innenstadt wird mit einer Zunahme der Bodensenkungen auf 36 - 72 cm gerechnet.
  • Infolge der sauren Grubenwässer werden in der Neiße unterhalb des Tagebaus Turów regelmäßig deutlich höhere Sulfatkonzentrationen gefunden. Dieser Trend ist auch bei Cadmium, Uran und Nickel zu beobachten. Diese Einträge bedeuten auch, dass der chemische Zustand der Lausitzer Neiße nach der Wasserrahmenrichtlinie als "nicht gut" eingestuft wird. Solange das Bergwerk in Betrieb ist, kann mit dem Erreichen des guten chemischen Zustands der betroffenen deutschen Oberflächengewässer nicht vor 2027 gerechnet werden, wie in der Wasserrahmenrichtlinie gefordert.
  • Auch das oberflächennahe Grundwasser , das mit den Oberflächengewässern kommuniziert, ist vermutlich ebenso wie die Oberflächengewässer von der sauren Grubenentwässerung betroffen (d.h. Verschmutzung durch Sulfat, Nickel, Uran und Cadmium), jedoch gibt es in der weiten Umgebung des Tagebaus keine Qualitätsmessstellen, um die genauen Ergebnisse zu zeigen.
  • Was den Zeitraum nach dem Abbau betrifft, so schätzt der Betreiber die Zeit für die Flutung des Tagebaus Turów auf 35 bis 37 Jahre. Dem Expertenbericht zufolge wird die Flutungsperiode in Wirklichkeit etwa 144 Jahre betragen. Neben dem erhöhten Wasserbedarf für die Entwässerung bedeutet dies auch eine Verlängerung des Problems der sauren Grubenentwässerung.
  • Risiken, die sich auf deutsches Gebiet erstrecken, gehen auch von bodenmechanischen Instabilitäten des Tagebaus Turów aus. Während der Flutungsphase des Tagebaus Turów werden kritische Zustände erreicht, die zu einer Reaktivierung der latent noch vorhandenen Gleitflächen des unter der Neiße verlaufenden Böschungsbruchs führen können. Bei einem reaktivierten und abrutschenden Böschungsbruch könnte es zu einem Durchbruch der Neiße in den Tagebau kommen, mit katastrophalen Folgen.

​>> Zum Gutachten: Zu den grenzüberschreitenden Auswirkungen einer Fortführung des Abbaus der Braunkohlelagerstätte Turów“

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