Aktuelle Castortransporte - ein Überblick

Kaum waren die Castoren aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague im Zwischenlager Gorleben angekommen, war von den nächsten Transporten die Rede: Aus dem nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus sollten insgesamt 18 Castoren in die Wiederaufbereitungsanlage Majak im Südural gebracht werden. Dieser Transport wurde nach heftigen Protesten ausgesetzt. Mitte Dezember ging ein Castortransport zum Zwischenlager Nord (ZLN) bei Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Anfang 2011 soll ein weiterer nach Lubmin folgen.
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Castoren - das sind Casks for Storage and Transport of Radioactive Material, Spezialbehälter also, die eigens für den Transport und die Zwischenlagerung von bestrahlten Brennelementen aus Kernkraftwerken und von hochradioaktiven Abfällen aus der Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen konstruiert wurden (Bundesministerium für Strahlenschutz). Dementsprechend gilt es, zwischen verschiedenartigen Inhalten der Castoren zu unterscheiden. Auch die Transporte nach Majak, Gorleben und Lubmin sind unterschiedlichen Etappen im sogenannten Brennstoffkreislauf zuzuordnen. Der Begriff Kreislauf ist hierbei allerdings irreführend. Vielmehr handelt es sich um eine Kette von Umweltbelastungen, die schon beim Uranabbau beginnt. Was am Ende zurückbleibt, ist unverwertbarer, strahlender Müll.

Die Gorleben-Transporte - Glaskokillen aus Frankreich und Großbritannien

Bereits zwölfmal wurde Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage (WAA) La Hague zum Zwischenlager in Gorleben gebracht. Jedesmal bestand die atomare Fracht aus unverwertbaren radioaktiven Abfällen, die bei der Aufbereitung entstehen:

Nachdem die in Atomreaktoren verwendeten Brennelemente verbraucht, also abgebrannt sind, wird bei diesem Verfahren das noch enthaltene Uran und der entstehende Spaltstoff Plutonium von weiteren anfallenden radioaktiven Spaltprodukten abgetrennt. Die so aufbereiteten Brennstoffe können schließlich zur Herstellung strahlender Mischoxid-(MOX-)Brennelemente genutzt werden. Bis zu 99 Prozent des radioaktiven Inventars der bestrahlten Brennelemente, die in einer Wiederaufbereitungsanlage eintreffen, ist jedoch unbrauchbarer Abfall. Dieser wird auf eine spätere Lagerung vorbereitet, indem er nach einer Abklingzeit von mehreren Jahren mit Glas verschmolzen und in Edelstahlbehälter, die sogenannten Kokillen, eingefüllt wird.

Erst kürzlich, vom 6. bis 9. November, rollte wieder ein Zug bestehend aus elf Castoren mit Glaskokillen aus Frankreich nach Norddeutschland. Mehr als einen Tag verspätet traf er im Zwischenlager Gorleben ein - begleitet und verzögert von zahlreichen Protestaktionen.

Dennoch sind weitere Transporte geplant: Schon im kommenden Jahr werden erneut hochradioaktive Abfälle aus La Hague im Zwischenlager Gorleben deponiert werden - nicht der letzte Transport aus Frankreich. Ab 2014 schließlich wird es auch Rückführungen ursprünglich deutschen Atommaterials aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield geben. Bis zum Jahre 2017 sollen insgesamt vier mit Glaskokillen beladene Castor-Züge aus Großbritannien nach Gorleben rollen.

Hintergrund der Transporte aus Frankreich und Großbritannien ist, dass bis zu dem gesetzlichen Verbot im Jahre 2005 ausgediente Brennstoffe aus deutschen Atomkraftwerken zum Zweck der Wiederaufbereitung in die entsprechenden Anlagen La Hague und Sellafield gebracht worden waren. Zwar ist Deutschland völkerrechtlich zur Rücknahme der radioaktiven Abfallprodukte verpflichtet, die bei solchen Aufbereitungsprozessen anfallen. Die risikoreichen Castor-Transporte quer durch unser Land ließen sich dennoch vermeiden: Greenpeace fordert, die strahlenden Abfälle gemäß dem Verursacherprinzip an denjenigen AKW-Standorten zu lagern, an denen er vor Jahren größtenteils entstanden ist: Vor allem die süddeutschen Bundesländer Bayern, Baden-Württemberg und Hessen mit den Kraftwerken Isar (E.ON), Philippsburg (EnBW) und Biblis (RWE) sind demnach in der Verantwortung.

Atommüll aus Ahaus - Brennelemente kostengünstig entsorgt in Majak?

Die heutige Wiederaufbereitungsanlage im Atomkomplex Majak ist stark veraltet. Die umliegende Gegend, in der auch Menschen leben, gilt nach einem der größten nuklearen Unfälle der Geschichte im Jahre 1957 und zahlreichen weiteren Störfällen als ökologisches Katastrophengebiet. Doch schon vorher war die Gegend stark kontaminiert: Bis 1956 beispielsweise waren in Majak radioaktive Abwässer in den Fluss Tetscha geleitet worden.

Genau dorthin sollten Atomabfälle aus dem nordrhein-westfälischen Zwischenlager Ahaus exportiert werden. Wie das sächsische Wissenschaftsministerium einräumte, spielten Kostenerwägungen hierbei eine nicht unerhebliche Rolle - für die Lagerung der abgebrannten Brennelemente in Nordrhein-Westfalen fallen jährlich rund drei Millionen Euro an.

Entstanden war der radioaktive Müll in dem seit 1991 stillgelegten Atomforschungszentrum Rossendorf in Sachsen durch die Nutzung von Brennelementen, die aus Russland stammen. Von Rossendorf aus waren die Abfälle im Jahre 2005 in das Zwischenlager Ahaus überführt worden, wo sie nach Angaben des BfS bleiben sollten, bis ein Endlager auf deutschem Boden gefunden sei.

Legitimiert ist eine solche Verschiebung des Atommülls angeblich durch das zwischen den USA, Russland und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) vereinbarte Russian Research Reactor Fuel Return-Programm. Demnach müssen Brennelemente, die zu Forschungszwecken aus Russland importiert wurden, von Russland zurückgenommen werden. Der Müll darf daher nach Majak verschoben werden, obwohl der Export deutschen Atommülls in ausländische WAAs im Jahre 2005 gesetzlich untersagt wurde. Wie der Vorsitzende der russischen Umweltorganisation Ecodefense, Vladimir Slivjak, jedoch eindringlich betont, resultiere aus der Rücknahmeverpflichtung Russlands keine Rückgabepflicht Deutschlands.

Auch dass solche Transporte gemäß dem Paragraphen 9a des Deutschen Atomgesetzes als rechtswidrig einzustufen sind, da sie dem Grundsatz der schadlosen Verwertung und geordneten Beseitigung atomarer Abfälle widersprechen, scheint einer Genehmigung durch das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) nicht im Wege gestanden zu haben.

Anlass zur Sorge bieten außerdem die Warnungen des Greenpeace-Experten Tobias Münchmeyer, der auf eine geplante Injektion radioaktiver Abwässer aus der Wiederaufbereitung ins Erdreich hinweist. In Russland wird schon seit längerem flüssiger strahlender Abfall in die Erde gepumpt. Kein anderes Land der Erde gehe derart arglos mit Atommüll um, so Münchmeyer.

Ein erster Teil der insgesamt 18 Castoren mit 951 abgebrannten Brennelementen sollte noch vor Jahresende über norddeutsche Häfen nach Russland zu verschiffen. Der Transport an die norddeutsche Küste wäre vermutlich per LKW erfolgt.

Nachdem Bremen gemäß einem Beschluss der Bürgerschaft seine Häfen für Castor-Transporte sperren möchte, Cuxhaven seine Ablehnung bekundet hat und der Bürgermeister Hamburgs sich gegen Transporte über Hamburgische Häfen aussprach, kündigte auch Mecklenburg-Vorpommern Widerstand an. Die Verschiffung wäre daher wohl schwierig gewesen. Problematisch außerdem: Neben einer Genehmigung des BfS bedürfen Beförderungen deutscher Atomabfälle ins Ausland einer weiteren Genehmigung durch das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).

Doch die grenzüberschreitenden Proteste haben erste Erfolge gezeitigt: Am 7. Dezember gab Bundesumweltminister Röttgen bekannt, dass die Transporte vorerst ausgesetzt würden. Als Begründung gab er an, die Wiederaufarbeitungsanlage in Majak sei derzeit nicht in Betrieb. Die im Atomgesetz vorgeschriebene schadlose Verwertung des strahlenden Materials könne deshalb nicht garantiert werden. Er schloss aber nicht aus, dass in einigen Jahren nicht doch noch Atommüll nach Majak gehen könnte.

Das Zwischenlager Nord - Atomabfall von West nach Ost

In der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern bestand Konsens darüber, dass das Zwischenlager Nord (ZLN) in Lubmin allein der Aufnahme von Atomabfällen aus den Kraftwerken Lubmin/Greifswald sowie Rheinsberg vorbehalten sein sollte. Nach dem Willen der Bundesregierung ist dort nun erstmalig westdeutscher Atommüll eingelagert worden. Resultierend aus einer Entscheidung des Landgerichts Greifswald ist eine Lagerung westdeutscher Atomabfälle für die Dauer von bis zu 10 Jahren in Lubmin seit 2006 auch legitim.

Im März 1998 in Betrieb gegangen, lagern im ZLN neben schwach- und mittelradioaktiven Abfällen mittlerweile 65 Castorbehälter mit insgesamt 5048 hochradioaktiven Brennelementen - ein Brennelement besteht hier aus einem Bündel von 126 Brennstäben.

Vier Castoren mit 52 größtenteils bestrahlten Brennstäben des ehemaligen Reaktorschiffes Otto Hahn und aus dem Forschungszentrum Geesthacht sowie weitere 2400 Brennstäbe des stillgelegten Atomforschungszentrums Karlsruhe wurden Ende 2010 über Umwege nach Lubmin gebracht. Der Müll, der vorübergehend in Geesthacht bei Hamburg deponiert war, wurde zunächst per LKW in die französische Wiederaufbereitungsanlage Cadarache gefahren, wo er in widerstandsfähige Castoren umgeladen wurde. Das Forschungszentrum der Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt (GKSS) in Geesthacht verfüge selbst nicht über geeignete Transportbehälter, heißt es. Anschließend rollte die atomare Fracht auf Schienen in Richtung Mecklenburg-Vorpommern.

Ein weiterer Transport von insgesamt fünf Castoren mit bis zu 140 Glaskokillen aus der ebenfalls stillgelegten Wiederaufbereitungsanlage Karlsruhe ist bereits durch das BfS genehmigt worden und wird Mitte Februar 2011 erwartet.

Gegen die Transporte nach Lubmin spricht nicht allein, dass der einzulagernde Atommüll aus Westdeutschland stammt. Auch Sicherheitsbedenken hinsichtlich der Einlagerung im ZLN sind von verschiedener Seite geäußert worden. So fehlt in Lubmin beispielsweise eine sogenannte Heiße Zelle - ein Isolationsraum, in dem notfalls undichte Castorbehälter untergebracht werden können. Kritiker halten eine Lagerung weiterer hochradioaktiver Materialien am Standort Lubmin daher für riskant - erst recht, da die Kapazitäten des ZLN beinahe erschöpft sind.

Ein Ende der Atomlagerung in Lubmin ist derzeit nicht absehbar. Der Fraktionschef der SPD in Mecklenburg-Vorpommern, Norbert Nieszery, sprach im Zusammenhang mit den anstehenden Castortransporten gar von einer Zwischen-Endlagerung. Es sei zu befürchten, dass neben Gorleben nun auch Lubmin als Endlager in Betracht gezogen werde.

Wenn also nicht Gorleben, Majak oder Lubmin: Wohin dann mit dem strahlenden Müll? Erst im September 2010 hat die Bundesregierung eine Laufzeitverlängerung für Atommeiler um durchschnittlich weitere zwölf Jahre beschlossen. Bis zur Abschaltung des letzten Kraftwerkes werden somit noch mindestens drei Jahrzehnte vergehen; die Menge des Mülls wird bis dahin um zusätzliche 6000 Tonnen - das entspricht 650 Castoren - angewachsen sein.

Die Suche nach einem sicheren Endlager für den hochradioaktiven Abfall jedoch blieb bisher erfolglos. Weltweit.

(Autorin: Carolin Sprenger)

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