Interview mit Viola Wohlgemuth zum Retourenskandal von Amazon und Co

Tipptopp – und für die Tonne

Für Amazon rechnet es sich, neuwertige Ware aus Retouren zu vernichten. Wie lässt sich solche Verschwendung erklären? Greenpeace-Expertin Viola Wohlgemuth gibt Antworten.

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Ist es möglich, eine Ware so billig zu produzieren, dass ihr Verlust oder ihre Zerstörung dem Hersteller kaum ein Schulterzucken abnötigt? Ganz offensichtlich. Recherchen des ZDF-Magazins Frontal21 und der Wirtschaftswoche zeigen, dass Onlinehändler wie Amazon im großen Stil neuwertige Produkte aus Retouren vernichten: egal ob Schuhe, Matratzen, Smartphones, Staubsauger oder Waschmaschinen. Greenpeace hat die Recherchen strategisch beraten.

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Viola Wohlgemuth ist Greenpeace-Expertin für Konsum und Textilien. Im Interview erklärt sie, warum sich Zerstörung für Händler lohnt – und was gegen diese Verschwendung und Verantwortungslosigkeit zu tun ist.

Greenpeace.de: Die ZDF- und WiWo-Recherchen lassen erahnen, wie viele Retouren Versandhändler vernichten, insbesondere Amazon. Von welchen Größenordnungen sprechen wir da?

Viola Wohlgemuth: Insgesamt schicken die Deutschen im Jahr rund 250 Millionen Pakete zurück zum Händler. Durch eine Studie des EHI Retail Institutes in Köln wissen wir, dass 30 Prozent der Waren darin nicht wieder direkt in den Handel kommen. Und da fällt Amazon eine besondere Verantwortung zu: Der Versandriese bestreitet alleine in Deutschland 46 Prozent des Onlinehandels.

Kann man grob in Euro beziffern, was da an Werten entsorgt wird?

Wieviel genau vernichtet wird, lässt sich nicht sagen. Die Summen, über die wir beim Onlinehandel sprechen, sind aber enorm. Die gesamte Branche wird 2018 etwa 53,4 Milliarden Euro umgesetzt haben. Eine genaue Rechnung lässt sich mit dem, was durch Studien und Whistleblower bekannt geworden ist, nicht anstellen. Zeugen, die bei den Recherchen von Frontal21 und der Wirtschaftswoche zu Wort kommen, schätzen allerdings, dass sie täglich pro Person Waren im Wert von 23.000 Euro vernichtet haben. Wohlgemerkt in einem einzigen Logistikcenter – Amazon betreibt insgesamt elf davon in Deutschland.

Wo ist die wirtschaftliche Logik für Onlinehändler hinter der Vernichtung im großen Stil? Wie kann sich das rechnen?

Im derzeitigen marktwirtschaftlichen System sind die Lagerung und der Versand eines Produktes oft teurer ist als seine Herstellung. Besonders krass ist der Fall bei Amazon Marketplace. Amazon hatte da zusätzlich zu den eigenen Angeboten die Geschäftsidee eines virtuellen Marktplatzes, auf dem externe Händler ihre Waren auf der Amazon-Plattform anbieten können. Das macht bei Amazon mittlerweile bereits  55 Prozent ihres Umsatzes aus. Sie sind dabei Dienstleister, kümmern sich um Lagerung, Transport, die ganze Logistik – und bei Bedarf auch um die Vernichtung. Dafür nehmen sie natürlich Geld.

Wie viel Geld ist das?

Ein externer Händler, der bei Amazon seine Güter hinterlegt, bezahlt pro Kubikmeter 26 Euro, vor Weihnachten auch mal 36 Euro. Je länger die Sachen da lagern, desto teurer wird es logischerweise. Bei Waren, die länger liegen, werden Langzeitlagergebühren fällig, pro Kubikmeter 500 Euro nach einem halben Jahr, 1000 Euro nach einem Jahr. Dann werden absolut neuwertige Güter auf einmal zu Problemgütern. Praktischerweise bietet Amazon die Vernichtung gleich mit an. Für den Verkäufer ist das das rentablere Geschäft: Pro Einheit kostet ihn die Entsorgung zehn Cent, das ist weit günstiger als die 25 Cent, die ihn die Rücksendung kosten würde. Für die ist das eine ganz nüchterne Kalkulation.

Sollen die jetzt veröffentlichten Recherchen auch ein bewussteres Bestellverhalten bei Verbrauchern auslösen?

Ich glaube schon, dass vielen die Problematik bislang nicht vollends bewusst war. Von 2004 bis heute hat sich die Menge der Amazon-Bestellungen vervierfacht, im Schnitt bestellen Kunden einmal pro Woche etwas dort. In den Paketen ist aber immer weniger drin – meist nur ein Produkt, im Schnitt sind es 1,3. Das Gefühl, das sich etabliert hat, ist: Ich hab da ein Onlineregal, aus dem ich etwas rausnehmen kann, und wenn es mir nicht gefällt, stelle ich es wieder zurück. Aber so funktioniert die Retoure nicht! Vieles davon kann nicht wieder als A-Ware deklariert zurück in den Handel kommen. Über 55 Prozent der Onlinehändler, nicht nur Amazon, geben an, dass sie solche Waren zum Teil in die Vernichtung geben. Die Zahl ist neu, und die schockiert Verbraucher natürlich – zu Recht.

Das Ganze birgt natürlich auch ein ethisches Problem. Es geht nicht nur um die Verschwendung anstandsloser Waren. In jedem Produkt steckt auch Arbeitskraft, und zwar häufig aus Billiglohnländern, in denen unter katastrophalen, ausbeuterischen Bedingungen produziert wird. Dabei werden Flüsse verschmutzt und Wälder abgeholzt. Diese Verhältnisse muss man ändern, aber dafür muss man sie auch kennen. Dieses Bewusstsein ist häufig noch nicht da.

Wäre es eine kurzfristige Lösung, Sachspenden steuerfrei zu machen, damit Bedürftige von den Waren profitieren?

Das ist ein Problem, das uns häufig rückgemeldet wurde: Für die kleinen Händler lohnt sich spenden nicht, weil das aufgrund des Steuerrechts oftmals teurer ist als die Sachen zu vernichten. Das ist für sie eine wirtschaftliche Entscheidung. Die Langlebigkeit eines Produktes durch eine Anpassung dieser Gesetzgebung zu erhöhen, ist natürlich prinzipiell gut. In Frankreich wird auch diskutiert, ob es eine Spendenpflicht für neuwertige Produkte geben sollte. Es würde dadurch ganz sicher weniger weggeschmissen, aber das Problem des Überkonsums wird dadurch nicht behoben. Es geht darum, bewusster mit Ressourcen umzugehen.

Wie weit ist denn das weltweite Bewusstsein dafür?

Dass wir jetzt in Europa etwa über eine Plastiksteuer nachdenken, ist ein guter Anfang. Wir wissen, dass wir unseren Planeten ausbeuten, wir haben den Earth Overshoot Day, der erschreckenderweise jedes Jahr früher ist. Wir wissen, dass etwas schiefläuft – in vielen Fällen ist das aber auch nur ein diffuses Gefühl. Darum ist es gut, dass wir die Verschwendung im Onlinehandel jetzt über Studien mit Zahlen belegen können. Und damit auch konkrete politische Forderungen ableiten können.

Welche wären das?

Wir fordern ganz konkret ein gesetzliches Vernichtungsverbot für neuwertige Waren. Ein gutes Beispiel ist Frankreich. Seit 2015 ist es dem Einzelhandel verboten, genussfähige Lebensmittel wegzuwerfen. Das hat zu einem Umdenken geführt, auch dazu, dass bewusster und bedarfsgerechter produziert wird. Darum wird dort jetzt sogar darüber nachgedacht, das Gesetz auf Textilien auszuweiten. So einen Ansatz wünschen wir uns hier auch.

Was wären denn Lösungen abseits von Verboten?

Wir brauchen auch ein Umdenken in der Infrastruktur. Reparieren und Selbermachen muss einfach und vor allem sichtbar sein: Dass ich, wenn ich durch die Innenstadt laufe, nicht nur Modeketten sehe, sondern auch Schuster und Repair-Cafés. Kaputtes wieder fit zu machen muss so einfach sein wie neu kaufen.

Wer sich selber in der Makerinnen-Szene umgucken will, findet hier die nächsten Workshops zum Selbermachen und Upcyclen und kann sich auch unter dem Hashtag #makesmthng auf Instagram vernetzen und austauschen. 

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