Mikrofasern aus Kleidungsstücken belasten die Ozeane

Zu robust für die Umwelt

Saubere Wäsche, schmutzige Meere? Mikrofasern werden in der Natur nicht abgebaut und bereiten darum wachsende Schwierigkeiten.
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Kunstfasern könnten eine tolle Sache sein. Ihre Herstellung etwa verbraucht weit weniger Wasser als Baumwolle. Aber sind sie deswegen umweltfreundlich? Bedauerlicherweise nicht. Kunstfasern werden aus Erdöl hergestellt, dazu ist viel Energie notwendig, weit mehr als bei der Baumwollproduktion. Die meist genutzte Kunstfaser ist Polyester. Sie hat inzwischen einen Anteil von über 60 Prozent der in Textilien eingesetzten Fasern. In der Waschmaschine werden diese Kunstfasern zum Problem.

Beim Waschen lösen sich kleinste Faserteile, sogenannte Mikrofasern, aus unserer Kleidung. Für Mikrofasern aus Synthetikstoffen gilt: Sie sind nichts anderes als Mikroplastik, und genau wie Kunststoffkügelchen aus Kosmetikprodukten und Abrieb von Plastikverpackungen landen sie letztlich im Meer.

Sie werden nicht durch natürliche Prozesse abgebaut und bleiben über Hunderte von Jahren im Umlauf. Plastik ist nicht grundsätzlich giftig, allerdings lagern sich im Meer Schadstoffe daran an: Fische und andere Meeresbewohner verschlucken das belastete Plastik, über die Nahrungskette landet es in unserem Essen.

Neue Zahlen geben Anlass zur Sorge

Laut einer aktuellen Studie der Weltnaturschutzunion (IUCN) ist die Belastung durch  Mikroplastik, das durch Abrieb und Produktion bereits in winziger Form in die Meere gelangt und nicht erst dort durch Wellengang und UV-Strahlung zerkleinert wird, weit größer als bislang angenommen: Zwischen 15 und 31 Prozent des Kunststoffs, der im Meer schwimmt, könnten aus solchen primären Quellen stammen. 

Ein Großteil dieser Partikel stammt wiederum aus Textilien: Der Modellrechnung der IUCN zufolge machen ausgewaschene Fasern aus synthetischen Kleidungsstücken im Meer 35 Prozent des oben beschriebenen Mikroplastikeintrags aus. Europa und Zentralasien liegen dabei über dem globalen Mittelwert. Die IUCN hat für die Schwere der Belastung ein eindrückliches Bild gefunden: Legt man die Zahl von 1,53 Millionen Tonnen Mikroplastik zugrunde, die jährlich in die Meere gespült werden, lässt sich errechnen, was jeder von uns im Durchschnitt davon verantwortet. In Europa und Zentralasien entspricht die Belastung pro Kopf dem Gegenwert von 54 Plastiktüten, die umgerechnet jeder Einwohner ins Meer werfen würde – pro Woche.

700.000 Fasern – in einem Waschgang

Bei jeder Maschinenwäsche gelangen Mikrofasern in den Abfluss, dabei verhalten sich nicht alle Synthetik-Kleidungsstücke gleich: Fleece-Pullover verlieren laut einer britischen Studie schätzungsweise 1900 Fasern pro Waschgang – bei einem Hemd aus Polyester sind es nur rund halb so viele. Kleidung aus Acryl verliert in der Waschmaschine die meisten Fasern: Bei einer gebrauchsüblichen 6-Kilo-Ladung können es bis zu 700.000 sein.

Zu der Frage, ob Kläranlagen die meisten der Fasern nicht wieder einfangen, gibt es unterschiedliche Befunde: Die Ergebnisse internationaler Studien schwanken zwischen 60 und 90 Prozent ausgewaschener Mikrofasern, die von den Aufbereitungsanlagen erwischt werden. Aber selbst wenn man von der höheren Zahl ausgeht, ist der Erfolg mäßig: Die Fasern landen im Klärschlamm und damit wieder in der Umwelt – dadurch ist wenig gewonnen.

Weniger ist mehr

Auf Kunststofffasern komplett zu verzichten ist sicherlich unrealistisch, dazu sind sie zu verbreitet – und der Anbau und die Produktion von Baumwolle haben ihre eigenen Probleme. Dazu gehört neben dem gewaltigen Wasserverbrauch auch der Einsatz von Pestiziden. Produzenten von Bio-Baumwolle gehen diese Fragen an, allerdings sind die schieren Mengen an Kleidung, die inzwischen verbraucht werden, schlicht nicht mit Baumwolle und anderen Naturfasern zu decken.

Dennoch kann man als Verbraucher etwas gegen den Mikrofasereintrag in die Meere tun, und zwar: weniger und bewusster Klamotten kaufen. Wir shoppen zu viel und tragen zu wenig: Eine Greenpeace-Umfrage von 2015 ergab, dass die Deutschen 5,2 Milliarden Kleidungsstücke besitzen, 40 Prozent davon werden selten oder nie angezogen. 83 Prozent der Befragten haben noch nie Kleidungsstücke getauscht. 

Antworten der Industrie, wie zum Beispiel leistungsfähigere Filter für Waschmaschinen, setzen aus Greenpeace-Sicht zu spät an: Kleidung soll umweltfreundlich produziert, langlebig und recyclingfähig sein – kein Wegwerfprodukt mit der Halbwertzeit einer Partynacht. Dafür müssen auch die Verbraucher umdenken: Kleidertauschbörsen, online wie in der Nachbarschaft, oder kreatives Upcycling zeigen, dass Kleidung nicht immer brandneu aus der Fabrik kommen muss, um modisch zu sein – das Angebot ist riesengroß.

Videokommentar von Alexandra Perschau, Greenpeace-Expertin für Textilien:

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