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Neue Materialien prägen dieses Jahr die Eco-Fashion-Messe in Berlin

Sieht aus wie Leder

Weiche Jacken aus Kork, Taschen aus Kokosfaser, Kleider aus Geisternetzen. Ein Rundgang über die Ethical Fashion Show in Berlin zeigt: Es gibt längst mehr als Bio-Baumwolle.

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Typisch für die diesjährige Eco-Fashion-Messe in Berlin: Die Street Wear-Designer zeigen breite, mainstream-fähige Kollektionen, den Luxus-Bereich treibt viel junger Nachwuchs an.

Kork groß im Kommen

Die schwarze Jacke auf dem Bügel sieht ganz nach einer Lederjacke aus – kräftiges Material,  hüftiger Schnitt, typischer Kragen, robuste Reißverschlüsse. Aber ein Griff an den Ärmel zeigt: Das kann kein Leder sein, zu weich, zu warm und leicht ist das Material. „Die Jacke ist tierleidfrei – das ist Kork,“ sagt Michael Spitzbarth, Gründer und Geschäftsführer des Labels Bleed. „Wir haben die Korkbaumrinde in ganz feine Schichten geschnitten und mit Wasserdampf behandelt,“ erklärt Spitzbarth. So traktiert, werde auch Kork weich. Anschließend mit GOTS-Farben gefärbt, mit einem Innenfutter verstärkt – fertig ist der Stoff für die vegane Lederjacke.

Kork ist eines der innovativsten Materialien auf der „Ethical Fashion Show“, der weltweit führenden Messe für nachhaltige Mode, die heute in Berlin endet. Der Schuhhersteller Ultrashoes aus Portugal hat Schuhe mit Kork-Obermaterial im Programm; die Kork-Taschen des Labels Jentil aus London bestechen durch sehr schöne, zarte Maserung. „Wenn wir den Kork stark komprimieren, kommt die dichte, zarte Struktur zustande,“ sagt Pantxika Ospital, Designerin und Direktorin von Jentil. Ultraleichte Reisetaschen mit robusten Griffen, simple Laptoptaschen oder Kulturbeutel von schwarz bis braun hat Ospital im Programm.

Der Kork für all diese Produkte stammt meist  aus portugiesischen Korkeichenwäldern. „Die gehen durch die streng reglementierte Ernte nicht kaputt. Neue Absatzmärkte wie die Modeindustrie könnten vielmehr helfen, diese artenreichen Wälder zu erhalten,“ sagt Spitzbarth.

Baum-Taschen aus Kokosnuss

Aus dem Abfall der Kokosmilch-Produktion macht das holländische Label re-wrap Taschen. Die typische braune Farbe und grob-faserige Struktur der Kokosnuss springt sofort ins Auge. „Wir machen Baum-Taschen,“ sagt Erica Bol, Designerin von re-wrap. „Die Faser der Kokosnussschale pressen wir zusammen mit nachhaltigem Kautschuk, damit es dicht und widerstandsfähig wird. Die Verschlüsse und Griffe sind aus Walnussholz. Um Metalle für Schrauben zu vermeiden, hat sich re-wrap Schnappverschlüsse ausgedacht, alles wird mit festen Fäden in Behindertenwerkstätten zusammengenäht.

Echte Hingucker

„Insgesamt fällt bei vielen „casual“ Brands auf: Die Kollektionen sind breiter, massentauglicher geworden,“ sagt Kirsten Brodde, Textilexpertin von Greenpeace. „Gleichzeitig setzen die Labels Akzente mit einzelnen auffälligen „Showpieces“, also Hinguckern.“ So etwa beim Stand des Hamburger Labels Recolution: Einzelne Stücke mit farbigen Ärmeln unterbrechen die lange Reihe der für Recolution typischen einfarbigen, grauen, blauen und schwarzen Kapuzenjacken. So etwa die schwarze bauchige Sweat-Jacke, deren Ärmel weiß-grau gemustert sind. „Ein College-Blouson mit Blümchen-Klecksen.“ erläutert Robert Diekmann von Recolution.  Beim holländischen Label Studio Jux dagegen gibt es Kleider, Hosen und sogar einen Trenchcoat mit Farbverlauf, die so aussehen als seien sie am unteren Ende in einen Farbbottich getaucht worden. Solche Kollektionen mit besonderen Details wurden auf der Modenschau am Donnerstagnachmittag vom Publikum mit viel Applaus bedacht. 

Bei der grünen „Haute Couture“, dem Greenshowroom, prägt ein Mix aus Recycling und edlen Rohmaterialien das Bild. „Pure Green apparel“ etwa setzt auf sehr edle Shirts und Kleider aus Seide, Hanf und Biobaumwolle. So glänzend wie Seide, so robust wie Hanf, so weich wie Baumwolle – die Teile kombinieren das Beste aus allen Welten.

Fließende Stoffe aus Geisternetzen

Das junge Label Jan ’n June dagegen hat herrlich fließende Sommerkleider in dunkelblau und sonnengelb mit geschnittenen Kanten im Programm. Zu 65 Prozent bestehen sie aus recyceltem Polyamid – aus Geisternetzen und anderem Plastikschrott aus den Ozeanen. Das wird eingeschmolzen, zu neuen Fäden versponnen und mit 35 Prozent Elasthan gemischt. „Das ermöglicht uns den ‚edgy‘ Look,“ sagt Juliana Holtzheimer von Jan ’n June und zeigt auf die geschnittene, minimalistisch-rohe Kante an der Schulter. „Denn das Material reppelt nicht – wir können es einfach schneiden.“

„Gut tragbar, erstaunlich erschwinglich – und mit der Verbindung von Meeresmüll und Luxus-Fashion echt innovativ – das ist Jan ’n June,“ sagt Brodde. „Überhaupt prägt der junge Nachwuchs bei der high fashion das Bild.“ Was auch daran liegen mag, dass viele junge Designer sich ausprobieren – „und dann doch Schwierigkeiten haben, die richtigen Boutiquen zu finden, die ihre Mode verkaufen,“ sagt Brodde.  Jan' n June hat deshalb wie viele Label auch einen eigenen Online-Shop.  Das Kölner Business-Label Lanius hat darüber hinaus auch eigene Läden. Sichtbarkeit ist einfach wichtig für die wachsende Branche. "Läuft gerade gut für die Eco Fashion", bilanziert Brodde. Das zeigte auch der Zulauf bei den Modenschauen der grünen Label, dem großen Finale der Messe. 

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