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Die mexikanische Apokalypse

Schon 200 Meter vor den Wasserfällen raubt mir der Gestank den Atem. Am Flussufer führen die toxischen Gase des schäumenden Wassers sofort zu pulsierenden Kopfschmerzen, Übelkeit und Schleimhautreizungen. Wie können Menschen an diesem Fluss überhaupt noch leben?

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Pierre Terras, Chemie-Experte von Greenpeace Mexiko, und seine Kollegen gingen noch weiter: In Schutzanzügen kletterten sie in Kanus und schwammen in die schäumende Apokalypse des Rio Santiago. Mit der Botschaft: Mexican Rivers, Toxic Rivers (Mexikanische Flüsse, giftige Flüsse) forderten sie Industrie und Politik auf, die katastrophale Wasserverschmutzung zu beenden.

Der Rio Santiago bei El Salto, in Jalisco/Mexiko gilt als einer der verdrecktesten Orte in Südamerika. Im größten Fluss West-Mexikos wurden giftige Schwermetalle wie Quecksilber, Cadmium, Blei und Chrom nachgewiesen. Die Chemikalien stammen aus dem Abwasser von hunderten Fabriken entlang des Flusses: Hier produzieren die Textilindustrie, die Chemie- und Elektronikbranche. Ein Leben am Fluss ist kaum mehr möglich: Das Wasser riecht faulig und schäumt, Fische und andere Tiere sind verschwunden. 70 Prozent der mexikanischen Gewässer gelten als stark verschmutzt.

Spaziergänge in El Salto sind unheimlich: In einem Haus ist ein Krebskranker gestorben, in dem nächsten leidet ein Kind an Leukämie, sagt Pierre Terras: Auf den Straßen habe ich kaum Menschen gesehen, die älter als 60 Jahre waren.

Mexiko: Ein Paradies für Umweltverschmutzer

In Mexiko wird die Freisetzung von Chemikalien kaum reguliert und kontrolliert. Gefährlichen Industriechemikalien wie Nonylphenol und Benzol dürfen in Mexiko ungefiltert in alle Seen, Flüsse und Grundwasserleiter fließen. Neben dem Rio Santiago sind zahlreiche mexikanische Flüsse wie der Atoyac und der Blanco verseucht. Laut der mexikanischen Wasserbehörde (Conagua) verursacht die Industrie 340 Prozent mehr Verschmutzung als kommunale Abwässer.

Das Schmutzwasser bedroht die Gesundheit der Menschen an Flüssen und Seen, sagt Gustavo Ampugnani, Kampagnendirektor von Greenpeace Mexico: Es verseucht das Trinkwasser und die Erträge der Landwirtschaft. Die Menschen an den Flüssen werden über die Giftfracht nicht informiert. Niemand sagt Ihnen, was aus den Fabrikrohren in die Flüsse fließt.

Mit der Detox-Kampagne fordert Greenpeace unter anderem mehr Informationen über den Einsatz und die Freisetzung gefährlicher Chemikalien in der Konsumgüterindustrie. Die Textilbranche ist zunächst aufgefordert, statt Risiko-Chemikalien ungefährliche Alternativen beim Färben und Waschen von Kleidung einzusetzen. Mehrere große Textilkonzerne wie Adidas, Nike, Puma, H&M und C&A haben nach umfangreichen Wasser- und Textilientests von Greenpeace einen Ausstieg aus der Produktion mit gefährlicher Chemie zugesagt.

Nicht nur in Mexiko werden die Flüsse vergiftet, auch in China. Hier finden Sie mehr zu unserer internationalen Detox-Kampagne.

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