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Von Dauergiften geschwächte Tiere sind wehrlos gegen Virusinfektion

Seehundsterben

Unter den etwa 5.000 im Kattegatt lebenden Seehunden ist im Mai 2002 eine Epidemie ausgebrochen. Bis Anfang Juli wurden in dem Seegebiet zwischen Dänemark und Schweden rund 1.100 tote Seehunde gefunden. Bei Untersuchungen wurde das Seehundstaupe-Virus als Ursache nachgewiesen. Die Seuche breitet sich zur Zeit aus und bedroht auch die Seehunde im deutschen Wattenmeer. Erkrankten Tieren kann meist nicht mehr geholfen werden. Schon im Jahr 1988 waren im Wattenmeer etwa 18.000 Seehunde an der Krankheit gestorben. Auch damals ging die Epidemie vom Kattegatt aus. Die hohe Belastung der Nord- und Ostsee mit Umweltgiften macht die Tiere anfälliger für die tödliche Krankheit.
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Was passiert bei einem Seehundsterben?

Die Seehunde erkranken an der Seehundstaupe durch die Ansteckung bei anderen Seehunden. Auslöser ist das Phocine Distemper Virus (PDV). Wie im Jahr 1988 brach die Seuche auch in diesem Jahr aus bisher ungeklärten Gründen im Gebiet des Kattegatt aus und verbreitet sich in dem Tierbestand. Zusätzlich zu der PDV-Erkrankung wurden bakterielle (Bordetella bronchiseptica) und parasitäre Infektionen festgestellt, die u.a. zu Lungenentzündungen und zum Tod der Tiere geführt haben. Ein Teil der Tiere überlebte die Krankheit und war für eine gewisse Zeit immun gegen eine Neuinfektion. Die heute in der Nord- und Ostsee lebenden Seehunde sind meist nicht mehr immun gegen das Staupevirus.

Ob es im Wattenmeer zu einer Seehundstaupe-Epidemie kommt und wie viele Tiere in diesem Fall betroffen wären, ist nicht vorherzusagen. Im Niederländischen Wattenmeer wurden Anfang Juli einige tote Seehunde gefunden, die an PDV erkrankt waren. Im deutschen Wattenmeer gab es bis Anfang Juli keine Anzeichen für ein Ausbrechen der Seuche.

Kranke und tote Tiere versinken oft im Meer, viele werden jedoch an den Küsten angespült. Staatliche Stellen und Umweltschutzverbände bereiten sich auf eine mögliche Ausbreitung der Epidemie ins Wattenmeer vor.

Das Massensterben von 1988

1988 gab es eine Massenepidemie, bei der rund 18.000 Seehunde starben, davon 8.600 im Gebiet des dänischen, deutschen und niederländischen Wattenmeeres. Rund zwei Drittel des Seehundbestandes wurde ausgelöscht. 5.800 Tiere starben allein an den Küsten von Schleswig-Holstein.

Welche Rolle spielen Umweltgifte?

Als Säugetiere stehen die Seehunde an der Spitze der Nahrungskette und sind Indikatoren für den Zustand der Meere. Über ihre Nahrung, die Fische, die ihrerseits über das Plankton Schadstoffe anreichern, nehmen die Seehunde große Mengen an Giftstoffen auf. Die Organe der Tiere weisen eine hohe Belastung mit Schwermetallen sowie Dauergiften wie Dioxinen, PCB's, DDT, bromierten Flammschutzmitteln oder TBT (Tributylzinn) auf, die das Immunsystem der Tiere schädigen. Verendete Tiere müssen als Sondermüll entsorgt werden.

In geringer verschmutzen Meeresgebieten am Rande der Nordsee in Schottland, Irland und Norwegen wurden in der Vergangenheit nur wenige und in Island keine erkrankten Seehunde gefunden, obwohl auch dort das Staupevirus auftrat. Das Immunsystem dieser weniger mit Schadstoffen belasteten Tiere ist in besserem Zustand. Auch Fütterungsversuche bestätigten: Höher mit Umweltgiften belastete Seehunde haben ein geschwächtes Immunsystem und sind anfälliger für Krankheiten.

Seehunde sterben also nicht zwangsläufig an dieser Viruserkrankung. Der Gesundheits- und Belastungszustand entscheidet über ihre Überlebenschancen. Über große Seehundsterben wurde vor 1988 nicht berichtet. Viele Wissenschaftler sind sich einig: Das Auftreten solcher Epidemien wird durch die chemische Verschmutzung der Meere und weitreichende Lebensraumzerstörung begünstigt.

Die Dauergifte verursachen auch chronische Schäden bei den Meeressäugern. Durch die hohe Belastung der Nord- und Ostseerobben mit Schadstoffen ging deren Fruchtbarkeit zwischen den 60er und 80er Jahren deutlich zurück, so dass die Bestände bedroht waren. Inzwischen haben die Einträge bei einigen Schadstoffen abgenommen und die Bestände erholen sich allmählich. In der Arktis hat die Schadstoffbelastung jedoch so ernste Ausmaße erreicht, so dass die dort lebenden Inuit, aber auch Eisbären, sehr stark mit Dauergiften belastet sind. Bei den Eisbären treten vermehrt Fortpflanzungsstörungen auf.

Dauergifte - tückische Chemikalien in den Meeren:

Dauergifte sind vom Menschen hergestellte, organische Chemikalien, die die Gesundheit von Tieren und Menschen schädigen können. Sie reichern sich in der Nahrungskette an und können in der Umwelt schwer abgebaut werden. Viele Dauergifte haben sich auf dem ganzen Planeten ausgebreitet. Über Luft und Flüsse gelangen sie in die Meere, die so ein Endlager dieser Schadstoffe werden. Dauergifte wie DDT haben verschiedene Tierarten schon an den Rand der Ausrottung gebracht. Über Lebensmittel nehmen auch Menschen Dauergifte auf - unsere Organe und auch die Muttermilch sind zum Teil stark belastet.

Im Jahr 2001 wurde von der UNO eine erste internationale Konvention zum Verbot von zwölf Dauergiften beschlossen. Doch zahlreiche Dauergifte werden weiterhin produziert und gelangen in die Umwelt. Greenpeace kämpft international für ein rasches Ende der Produktion dieser Stoffe.

Dauergifte, die noch heute in Westeuropa produziert werden und die z.T. noch in zunehmendem Maß die Umwelt belasten (Hersteller, Land):

Dauergifte und ihr Vorkommen
Bezeichnung des Giftes (Hersteller, Land) Vorkommen und Wirkung
Bromierte Flammschutzmittel (Albemarle, B) Zusatz in Elektrogeräten, Computern, Dämmstoffen. Krebs erregend.
Chlorparaffine (ICI, UK) Zusatz in Dichtungsmassen, Kabeln u.a. Krebs erregend.)
TBT (Witco, D) Giftanstrich für Schiffe, Zusatz zu PVC-Produkten. Starkes Hormongift.
Nonylphenol (Sasol, D) Bestandteil von Reinigungsmitteln, Pestiziden. Hormongift.
Phthalate (BASF, D) Weichmacher für PVC-Produkte. Hormongift, Reproduktionstoxisch
Diuron (Bayer, D) Herbizid. Belastet Flüsse und Grundwasser.

In Europa verbotene oder stark eingeschränkte Dauergifte, deren Belastung abnimmt:

DDT Pestizid, das noch in tropischen Ländern verwandt wird. Hormongift, Krebserregend.
PCB Polychlorierte Biphenyle, die in Transformatoren und Dichtungsmassen eingesetzt wurden. Krebserregend.
Dioxine Die stärksten Dauergifte. Nebenprodukt der Chlorchemie und bei Verbrennungsanlagen.

Massensterben von Meeressäugern nehmen zu:

In der vergangenen Jahren kam es vermehrt zu Massensterben von Meeressäugern. So 1987 bei Robben im Baikalsee, 1987 bis 88 bei Delphinen in Mexiko und den USA, 1988 bei Seehunden in der Nordsee, 1990 bis 93 bei Streifendelphinen im Mittelmeer, Mitte der 90er Jahre häuften sich Pottwalstrandungen im Nordseeraum und 2000 kam es zu einem Massensterben bei Robben im Kaspischen Meer.

Die Ursachen der Massensterben sind oftmals nicht eindeutig zu klären. Wissenschaftler fanden jedoch bei Robben und Delphinen deutliche Hinweise auf ein geschwächtes Immunsystem und eine hohe Schadstoffbelastung der Tiere. So waren Streifendelphine, die 1990/92 im Mittelmeer an der DMV-Viruserkrankung starben, deutlich höher mit Dauergiften belastet, als Tiere, die die Krankheit überlebten. Für die Internationale Walfangkommission gelten heute Meeresverschmutzung und Klimawandel als die Hauptbedrohungen der Wale.

Auch Überfischung und die Zerstörung von Lebensräumen sind mögliche Ursachen für die Häufung von Massensterben bei Meeressäugern.

Können kranke Seehunde gerettet werden?

Infizierte Tiere werden meist erst in einem fortgeschrittenen Krankheitsstadium von Menschen gefunden. Ihnen kann kaum noch geholfen werden. Das zeigen auch die Erfahrungen von 1988: Von den erkrankten Tieren überlebten damals nur wenige. Es ist zudem kaum möglich, Hunderte von Seehunden unter artgerechten Bedingungen über Monate zu pflegen, bis sie wieder selbständig in Freiheit leben könnten.

Eine vorbeugende Impfung von Seehunden ist zwar bei gefangenen Tieren möglich, nicht aber für den Bestand der wild lebenden Tiere.

Gibt es ein Infektionsrisiko für Menschen oder andere Tiere?

Das PDV-Virus ist nicht auf den Menschen übertragbar. Seehunde, die an Seehundstaupe erkrankt sind, können aber andere Infektionserreger (Viren, Bakterien, Parasiten) auf den Menschen übertragen. Die Tiere können sich zudem wehren und Menschen ernsthaft verletzen. Man sollte deshalb grundsätzlich Abstand zu toten oder kranken Seehunden einhalten. So ist man geschützt vor möglichen Infektionen und schmerzhaften Bissen.

Für einige Tierarten besteht eine unmittelbare Ansteckungsgefahr. So kann das PDV auf Hunde und möglicherweise auch Katzen übertragen werden. Die ebenfalls im Wattenmeer heimischen Kegelrobben erkranken auch an PDV, sie zeigen jedoch einen leichten Krankheitsverlauf.

Das Baden im Meer ist auch dann möglich, wenn vereinzelt tote Seehunde gefunden werden. Bei einer verbreiteten Epidemie müssen ggf. bestimmte Strandabschnitte gesperrt werden.

Was tun mit kranken und toten Seehunden?

  1. Abstand halten! Auch keine Hunde in die Nähe der Tiere kommen lassen!
  2. Benachrichtigen Sie
    • in Schleswig Holstein:

      Nationalparkamt: Tel. 04861-6160

      Schutzstation Wattenmeer: 04651-881093

    • in Niedersachsen:

      Seehundaufzuchtstation Norddeich: 04931-8919

Wenn Sie tote oder kranke Tiere sehen sollten, verständigen Sie bitte die erwähnten Institutionen. Keinesfalls sollten Sie selbst Bergungs- und Behandlungsversuche unternehmen. Achten Sie darauf - besonders bei lebenden Tieren - einen großen Sicherheitsabstand einzuhalten.

Tote Tiere werden z.B. von Mitarbeitern der Naturschutzverbände, Nationalpark-Rangern oder Seehundjägern geborgen.

Erkrankte Tiere im offenen Wattgebiet werden im Falle einer Epidemie in der Regel nicht geborgen oder getötet. Gezielte Abschüsse könnten die Tiere mitunter von ihrem Leid erlösen, sie hätten aber keinen Effekt auf die Ausbreitung der Epidemie und würden die restliche Seehundpopulation unnötig beunruhigen. Kranke Tiere, die sich in Gebieten mit Besucherverkehr aufhalten oder sich bereits in Menschenobhut befinden, werden aus Tierschutzgründen von ihren Qualen erlöst.

Wissenschaftler des Forschungs- und Technologiezentrums Westküste in Büsum (Universität Kiel) untersuchen tote und kranke Tiere. Greenpeace führt ergänzende Untersuchungen über Schadchemikalien durch, die für die Tiere eine neue Bedrohung darstellen könnten.

Was muss zum Schutz der Seehunde getan werden?

  1. Die Schadstoffbelastung der Meere muss deutlich gesenkt werden. Greenpeace kämpft daher für ein neues Chemikalienrecht in der EU und ein globales Verbot von Dauergiften. Helfen Sie mit!
  2. Aufbau eines umfassenden internationalen Monitorings der Robben auf Schadstoffe und Krankheitsauslöser.

V.i.S.d.P.: Manfred Krautter

Diesen Text, inklusive Fußnoten, finden Sie unter der Rubrik Publikationen zum Thema.

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