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Untersuchung zeigt Alternativen zu gefährlicher Fluorchemie in Outdoor-Kleidung

Outdoor-Kleidung ohne schädliche Chemie?

Outdoor-Marken wie Jack Wolfskin, The North Face und Mammut werben für ihre Produkte mit Bildern von unberührter Natur. Die perfluorierten und polyfluorierten Chemikalien (PFC), die zur Produktion von wetterfesten Textilien verwendet werden, sind alles andere als umweltfreundlich. Rückstände lassen sich im arktischen Polareis und sogar in der Muttermilch nachweisen. Dabei gibt es Alternativen.

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Ein kleiner Erfolg: Perfluoroktansäure (PFOA), eine Chemikalie der PFC-Gruppe wurde in die REACH-Kandidatenliste besonders besorgniserregender Chemie aufgenommen. Stoffe auf der REACH-Liste sollen schrittweise durch alternative Substanzen ersetzt werden. PFOA können nicht nur krebserregend wirken, sie können sowohl die Fortpflanzungsfähigkeit beeinträchtigen als auch das ungeborene Kind im Mutterleib schädigen. Gut, dass sie verboten werden sollen.

Doch dieser Schritt reicht nicht. Denn Produzenten von Outdoor-Kleidung ersetzen PFOA mittlerweile häufig durch die sogenannten Fluortelomer-Alkohole - und das in ziemlich großem und unkontrolliertem Ausmaß. Einige dieser Substanzen können wiederum PFOA bilden. Alle PFC sind langlebig. Das heißt, einmal in die Umwelt freigesetzt, werden sie so gut wie nicht abgebaut und verteilen sich über den Globus. Die toxischen Eigenschaften sind häufig unbekannt. Meistens, weil sie noch nicht ausreichend untersucht wurden.

Es gibt Alternativen für Outdoor-Kleidung, mit vergleichbar guten wasserabweisenden Eigenschaften wie PFC. Marijke Schöttmer hat Ingenieurwissenschaften mit Schwerpunkt Textilindustrie studiert und für ihre Masterarbeit alternative Beschichtungen untersucht. Dafür wurde sie mit dem Absolventenpreis der Gesellschaft der Förderer der HTW Berlin und von dem Verein deutscher Ingenieure (VDI) ausgezeichnet. Wir haben sie interviewt.

Redaktion: Wir haben für den Report "Chemie für jedes Wetter" 14 Produkte von Outdoor-Marken untersucht und in allen Proben per- und polyfluorierte Chemikalien (PFC) gefunden. Wofür werden die umwelt- und gesundheitsschädlichen Chemikalien benötigt?

Marijke Schöttmer: PFC werden zum Beispiel für die Herstellung der Gore-Tex-Membran gebraucht. Aus PFC werden Fluorpolymeren wie Polytetrafluorethylen (PTFE) hergestellt. PTFE kennt man als Gore-Tex-Membran oder Teflon-Beschichtung. Man findet es nicht nur in Pfannen, sondern auch in Outdoor-Kleidung. Um Kleidung wasser- und schmutzabweisend zu machen, werden die Textilien zudem mit Fluorcarbonharzen (fluorierte Polymeren) imprägniert. Im Gegensatz zu anderen Imprägniermitteln wirken Fluorcarbonharze nicht nur wasserabweisend, sondern gleichzeitig auch ölabweisend. Sie sind jedoch belastend für Umwelt und Gesundheit. Bei der Herstellung der Fluorcarbonharzen können per- und polyfluorierte Chemikalien freigesetzt werden und dann als Verunreinigung im Endprodukt auftreten. Zu den bekanntesten Vertretern dieser Gruppe von Chemikalien gehören Perfluoroctansulfonsäure (PFOS) und Perfluoroctansäure (PFOA). Sie gelten unter anderem als krebserregend, können Fortpflanzungsfähigkeit sowie Embryos im Mutterleib schädigen und das Hormonsystem verändern.

Redaktion: Mit der Kampagne Detox fordern wir den Ausstieg aus PFC und zehn weiteren gefährlichen Chemikalien. Du hast Alternativen untersucht. Welche Produkte wurden getestet und wie hast du den Test durchgeführt?

Marijke Schöttmer: Ich habe exemplarisch vier fluorfreie Imprägniermittel und eine fluorfreie Membran auf Gebrauchstauglichkeit untersucht und mit den entsprechenden Fluorprodukten verglichen. Neben Öl- und Wasserabweisung wurden die Materialien auf Wind- und Wasserdichtheit sowie Atmungsaktivität getestet. Darüber hinaus wurden die fluorfrei ausgerüsteten Materialproben im Labor auch chemisch analysiert, um zu klären, ob sie mit anderen Schadstoffen belastet sind.

Redaktion: Zu welchen Ergebnissen bist du gekommen? Erreichen PFC-freie Textilien bereits ähnliche Schutzeigenschaften?

Marijke Schöttmer: Die Untersuchung hat gezeigt, dass es kein universell einsetzbares Material gibt. Jede Technologie hat ihre Stärken und Schwächen und erfüllt je nach Anforderungsprofil unterschiedliche Anwendungszwecke. Der Einsatz fluorfreier Imprägniermittel geht nicht zwangsläufig mit einem Verlust an Komfort einher. Fluorfreie Produkte erweisen sich im Test sogar als besonders wasserabweisend. In Kombination mit einer Membran können sie zu einem wasserdichten, winddichten und gleichzeitig atmungsaktiven Material führen. Bisher gibt es jedoch noch kein PFC-freies Ersatzprodukt mit ölabweisenden Eigenschaften.

Redaktion: Für eine wetterfeste Marken-Jacke zahlt man nicht selten mehrere hundert Euro. Verbraucher möchten Kleidung, die für den Einsatz bei Wind und Wetter geeignet ist und nicht die Umwelt belastet. Worauf kann man beim Kauf achten?

Marijke Schöttmer: Viele Outdoor-Textilien sind nicht nur wasserabweisend, das heißt imprägniert, sondern von innen zusätzlich mit einer Membran versehen. Fluorfreie Membrane aus Polyester (z. B. Sympatex) oder Polyurethan sind ökologisch und gesundheitlich unbedenklicher als die fluorhaltigen PTFE-Membrane (z. B. Gore?Tex). Für die Imprägnierung eignen sich Wachse, Paraffine (z.B. ecorepel), Polyurethane (z. B. Purtex), Dendrimere (z. B. Bionic Finish Eco) oder Silikone als  Alternative zu Fluorcarbonmitteln. Weil die Produkte nicht entsprechend gekennzeichnet sind, ist man als Kunde leider selten in der Lage, sich bewusst für eine bestimmte Technologie zu entscheiden. Neben der chemischen Ausrüstung spielt aber auch die Konstruktion eine Rolle. Man sollte beim Kauf darauf achten, dass Reißverschlüsse gut abgedeckt und die Nähte ordentlich verklebt sind.

Redaktion: Wohin geht die Entwicklung von umweltfreundlichen Alternativen im Outdoor-Bereich? Was müssen Hersteller dafür tun?

Marijke Schöttmer: Die Endkunden sind mehr und mehr sensibilisiert für Umwelt- und Gesundheitsaspekte. Daraus entsteht eine gesteigerte Nachfrage nach nachhaltigen Produkten. Ökologische Verträglichkeit ist für die Verbraucher ein wichtiges Kaufkriterium. Um konkurrenzfähig zu bleiben, müssen die Markenhersteller diesen Trend bedienen. In der Textilveredlung sind zunehmend auch fluorfreie Technologien auf dem Markt verfügbar. Bisher gibt es aber noch kein fluorfreies Ersatzprodukt mit ölabweisenden Eigenschaften. Ein eins zu eins-Austausch der herkömmlichen Fluorcarbonprodukte durch alternative Beschichtungsmittel ist z.B. bei Arbeitskleidung nicht immer möglich. Im Bereich der klassischen Outdoor-Bekleidung, wo im Vordergrund steht, dass die Kleidung wasserdicht ist, sollte die Umstellung auf alternative fluorfreie Substanzen und Verfahren jedoch schnell vorangetrieben werden.

Redaktion: Wo liegen die Probleme bei den umweltfreundlicheren Alternativen im Outdoor-Bereich? Was sind die Erfahrungen der Hersteller solcher Produkte?

Marijke Schöttmer: Dass diese relativ neuen Ausrüstungen nicht zwangsläufig verallgemeinerbare Ergebnisse liefern, zeigt jetzt eine von Sympatex in Auftrag gegebene Untersuchung. Vier Laminate (Kombination aus Textil und Sympatex Membran), ausgerüstet mit "Bionic Finish Eco", wurden durch die Hohenstein Institute, einer renommierten Forschungs- und Prüfungseinrichtung für den Textilbereich, hinsichtlich der Wasserabweisung nach drei und nach zehn Waschgängen getestet. In dieser Testreihe zeigt sich, dass "Bionic Finish Eco" das Waschen besonders gut übersteht. Ergänzend zu den Ergebnissen meiner Masterarbeit zeigt dies, dass auch mit einer PFC-freien Alternative sehr gute Wasserabweisungseffekte nach der Wäsche erzielt werden können.

Dass diese Prüfergebnisse sehr unterschiedlich ausfallen, könnte unter anderem daher kommen, dass Prozessstabilität (Konstanz im Produktionsablauf) und Fehlertoleranz bei dieser vergleichsweise neuen Ausrüstung noch nicht ganz so stark ausgeprägt sind wie bei den langjährig genutzten Fluorcarbon-Produkten. Jedoch zeigen die bisherigen Prüfergebnisse, dass man sich mit derartigen Produkten auf einem sehr vielversprechenden Weg befindet, leistungsfähige und gleichzeitig umweltfreundliche wasserabweisende Funktionstextilien herzustellen.

Publikationen

Chemie für jedes Wetter (2012)

Greenpeace findet umweltschädliche Schadstoffe in Outdoor-Kleidung. Untersucht wurden insgesamt 14 Regenjacken und Regenhosen. In jeder Probe war PFC enthalten.

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