Neue Studie: Altgeräte aus Europa werden illegal nach Afrika und Asien verschifft

Abfall auf Abwegen

Die EU soll regeln, dass Elektroschrott innerhalb ihrer Grenzen fachgerecht entsorgt wird. Die Praxis sieht anders aus, zeigt eine Studie – mit Folgen für die ärmsten Länder.

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Vorbildlich ist es, defekte Elektrogeräte zu reparieren; das findet nicht nur Greenpeace, auch der gesunde Menschenverstand rät dazu. Aber selbst unrettbar kaputte Flatscreens und zerdepperte Mobiltelefone sollen Verbraucher nicht einfach so in die Tonne werfen – das ist sogar verboten. Wertstoffhöfe und andere kommunale Sammelstellen nehmen diesen Elektroschrott an, die fachgerechte Entsorgung übernehmen danach Dienstleister.

Fachgerecht deshalb, weil die Teile Schadstoffe wie Quecksilber, Blei, Zinn und bromierte Flammschutzmittel enthalten können. Keinesfalls sollten diese Chemikalien in die Umwelt gelangen, weil Elektronikartikel irgendwo auf Müllhalden verrotten. So sieht es die EU-Gesetzgebung vor. Und ganz bestimmt soll elektronischer Müll nicht durch die Welt geschickt werden, so die Basler Konvention von 1989, mit der die „grenzüberschreitende Verbringung gefährlicher Abfälle“ international geregelt ist.

Verstößen auf der Spur

Eine neue Studie des Basel Action Networks, an der Greenpeace mitwirkte, zeigt allerdings: Das System hat Schlupflöcher. Mit Peilsendern konnten Mitarbeiter der beiden Organisationen nachweisen, dass ausrangierte Elektrogeräte, obwohl sie europaweit ordnungsgemäß in Sammelstellen eingeliefert wurden, oftmals in Entwicklungsländer verschifft wurden. Fachgerecht? Eher nicht. Illegal? Sehr sicher sogar.

Die Untersuchung hat einen langen Atem: In zehn EU-Ländern rüsteten Mitarbeiter zwischen dem 15. April und dem 2. September 2017 insgesamt 314 alte LCD- und Röhrenmonitore, PC und Drucker mit GPS-Trackern aus. Die Auswertung ergab: Fünf Geräte kamen in Nigeria an, eines in Ghana und eines in Tansania. Entsorgte Elektronik ging außerdem nach Thailand, Hongkong und Pakistan sowie nach Rumänien und in die Ukraine. Von den zehn beteiligten Ländern gab es nur aus Ungarn keine Exporte. Viele dieser teils zerstörten Geräte gelangen als „Gebrauchtware“ in ihre Bestimmungsländer – doch was dann dort nicht repariert werden kann, ist schlichtweg: Schrott.

Deutscher Schrott landet in Thailand

Immerhin: Deutschland schneidet bei der Untersuchung im europäischen Vergleich einigermaßen gut ab. Lediglich ein Gerät von 54 markierten landete im Ausland, dafür war seine Wegstrecke beachtlich: Ein LCD-Bildschirm aus Dresden reiste knapp 11.000 Kilometer zu einer illegalen Mülldeponie etwa 134 Kilometer südöstlich von Bangkok. Ganz sicher nicht im Geiste der EU-Gesetzgebung, die auf eine kreislauffähige Wirtschaft hinwirken will.

Die Zahlen der Untersuchung wirken nicht besonders riesig, doch die Verhältnisse sind besorgniserregend: Von 39 mit Trackern ausgestatteten Geräten aus Großbritannien wurden fünf in Afrika oder Pakistan wiedergefunden, ein gutes Achtel der Stichprobe. Das Basel Action Network hat die Ergebnisse seiner Untersuchung hochgerechnet und kommt mit den vorliegenden Zahlen auf 352.474 Tonnen Elektroschrott, der jedes Jahr illegal aus Europa exportiert wird – rund 17.466 Schiffscontainer. Das ist nahezu das Fassungsvermögen der zu Jahresbeginn havarierten MSC Zoe, einem der größten Containerschiffe der Welt.

Umwelt- und Gesundheitsschäden werden mitexportiert

Die Entsorgung von Elektroschrott ist für die damit betrauten Firmen natürlich teuer und lästig, darum rechnet sich die Verschiffung in Billiglohnländer. Dabei ist die Entsorgung eigentlich Sache der EU-Staaten, in Deutschland sind die jeweiligen Bundesländer zuständig. Dass defekte Geräte aus Belgien, Polen oder Deutschland in Ländern wie Tansania oder Nigeria auseinandergenommen werden, bricht nicht bloß EU-Recht, das Ganze ist zudem unter Umweltschutzaspekten höchst fragwürdig, vom Transport bis zum Endlager – ganz zu schweigen von den gesundheitlichen Risiken für die Arbeiter.

„Menschen in Entwicklungsländern, die Elektroschrott zerlegen, sind gesundheitsgefährdenden Schadstoffen oft ungeschützt ausgesetzt“, sagt Manfred Santen, Greenpeace-Experte für Chemie. „Beim Verbrennen der Geräte können hochchlorierte Dioxine entstehen.“ Akute Folgen können Hautschädigungen und Störungen des Immunsystems sein, Dioxin ist aber auch auf lange Sicht schädlich: Es wird im Körperfett gespeichert und steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Menschen weit außerhalb des Sichtfelds Europas werden krank gemacht, weil die EU ihre Rücknahmepflicht derart schlecht kontrolliert – eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen.

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