Archiv: Artikel kann veraltete Informationen enthalten

Greenpeace veröffentlicht Sicherheitsbewertung des EPR

Neuer Reaktortyp missachtet internationale Standards

Für die Atomindustrie war der Europäische Druckwasserreaktor EPR lange der große Hoffnungsträger für zukünftige Geschäfte. Doch die neue AKW-Generation entwickelt sich immer mehr zum Europäischen Problem-Reaktor. Die Kosten laufen aus dem Ruder, die Fertigstellung verschiebt sich um Jahre und ein Sicherheitsproblem jagt das andere. Jetzt wurde bekannt, dass Hersteller Areva zukünftig Softwaresysteme zum Einsatz bringen will, die nicht den erforderlichen Standards für sicherheitsrelevante Software bei Atomkraftwerken entsprechen. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Bewertung des Sicherheitsdesigns des EPR im Auftrag von Greenpeace.

  • /

Bei der Kombination zweier Systeme der Reaktorhersteller Areva und Siemens kann sicherheitsrelevante Software im Ernstfall durch Software für den Normalbetrieb gestört werden.Im schlimmsten Fall kann dies dazu führen, dass sich aus einer geringfügigen Störung ein schwerer Unfall entwickelt. Greenpeace fordert daher einen sofortigen Baustopp für den EPR.

Das gesamte Sicherheitsdesign verletzt fundamentale Prinzipien der nuklearen Sicherheit, sagt Heinz Smital, Kernphysiker und Atomexperte bei Greenpeace. Hersteller eines Atomkraftwerkes, die eine derartige Fehlkonstruktion erstellen, beweisen eine gemeingefährliche Unkenntnis und dürfen keine Atomkraftwerke bauen.

Die Grundprinzipien der Sicherheitstechnik bei Atomkraftwerken sehen eine klare Trennung zwischen der Betriebsleittechnik für den normalen Betrieb und der Sicherheitstechnik zum Schutz der Anlage vor Unfällen vor. Auch werden verschiedene Sicherheitsebenen unterschieden. Eine höhere, sicherheitstechnisch relevantere, darf nicht durch eine weniger sicherheitsrelevante Ebene gestört werden. Genau dies kann bei den im EPR vorgesehenen Softwaresystemen Teleperm XS von Areva und SPPA-T2000 von Siemens passieren. Um diesen eklatanten Verstoß gegen die Grundprinzipien zu verschleiern, errechnet Areva in einer einfachen Multiplikation einen völlig unrealistischen Wert für die Ausfallsicherheit des Gesamtsystems.

Die von Areva angegebene Zuverlässigkeit der Software basiert auf falschen Berechnungen. Die Ausfallsicherheiten bei der Kombination dieser beiden Systeme werden von den Herstellern nach einer Methode berechnet, die unter dem Niveau eines Erstsemesters liegt, sagt Smital. Das EPR-Design kann so von keiner Atomaufsichtsbehörde akzeptiert werden. Diese grundlegenden Mängel machen den EPR schon jetzt zu einem der gefährlichsten Reaktoren der Welt.

Beim Bau des EPR-Prototypen Olkiluoto 3 hat es nach Angaben der finnischen Atomaufsicht STUK schon mehr als 3000 Fehler gegeben. Dazu gehören fehlerhafter Beton, unsachgemäße Schweißarbeiten am Containment und erhebliche Mängel im Qualitätsmanagement. Mit der eigentlich für Mai 2009 vorgesehenen Inbetriebnahme des Reaktors ist nach Angaben von Areva nicht vor 2012 zu rechnen. Die Kosten des Projekts sind von anfänglich 3 Milliarden Euro auf 5,5 Milliarden gestiegen.

Mit einem dreitägigen Protestcamp an Bord des Frachters Happy Ranger haben Greenpeace-Aktivisten von Montag bis Mittwoch für einen Baustopp in Olkiluoto demonstriert. Der Frachter transportierte die vier Dampferzeuger für das Kraftwerk von Frankreich nach Finnland. Nachdem die Happy Ranger am Mittwoch im finnischen Rauma angelegt hatte, verließen die Aktivisten das Schiff.

Weiterführende Publikationen zum Thema

Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

Endlagerung radio- und chemotoxischer Abfälle im Tiefuntergrund

Auf den ersten Blick scheint eine hunderte Meter dicke Gesteinsschicht eine gute Lagerstätte für hochradioaktiven Atommüll zu sein - schirmt sie doch die Umwelt vor der Strahlung ab. Aber die Realität zeigt: Weltweit haben tiefengeologische Lagerstätten massive Probleme. Eine wissenschaftliche Untersuchung.

Mehr zum Thema

Der Wahnsinn in Tüten

Atommüll, der sich im Wald stapelt, Atomtransporte auf den Straßen – das Leben rund um Fukushima ist nicht normal. Jetzt reagiert sogar die UN und verlangt von Japan Aufklärung.

Wer B sagt, muss auch C sagen

Bayern muss seine Bürger schützen und dem AKW Gundremmingen die Betriebsgenehmigung entziehen. Das fordern Greenpeace und Anwohner heute vor dem Münchner Verwaltungsgerichtshof.

Appell per Handzeichen

Die Abklingbecken französischer Atomanlagen sind kaum gesichert gegen Angriffe von außen. Aus Protest setzten Aktivisten heute deutliche Zeichen am AKW Cruas-Meysse.