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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung manipuliert Fakten

Ignoranz verhindert Aufklärung

Hat Greenpeace wieder einmal eine Schauergeschichte erzählt? Hat die untertägige Erkundung des Salzstocks Gorleben alle früheren negativen Erkundungsergebnisse widerlegt? Genau das behauptet Stefan Dietrich in seinem Artikel Ignorante Aufklärer, der am 21. April in der FAZ erschien. Den Beleg für seine Behauptung bleibt der Autor schuldig. Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler hat den FAZ-Artikel unter die Lupe genommen.

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FAZ-Behauptung 1: Die plumpe Manipulation mit Akten hat sich für die Atomkraftgegner wieder einmal gelohnt: Wie immer, haben ihnen fast alle Medien ihre Schauergeschichte abgekauft.

Richtig ist: Die Veröffentlichung von Originaldokumenten ist keine Manipulation. Im Gegenteil. Mit der Veröffentlichung ermöglicht Greenpeace es jedem, auch den Medien, sich selber ein Urteil zu bilden. Damit ist die Arbeit von Greenpeace der erste wirklich transparente Beitrag in der Geschichte des Standortes Gorleben.

FAZ-Behauptung 2: Aus ungefähr fünfzigtausend Seiten Gorleben-Akten verschiedener Behörden haben Greenpeace-Experten 27 Schriftstücke herausgefischt.

Richtig ist: Greenpeace hat ab August 2009 nach dem Umweltinformationsgesetz die Einsichtnahme in Akten zum Atommüllprojekt Gorleben beantragt: zunächst für den Zeitraum 1976 bis 1986 bei insgesamt zwölf Ministerien und Behörden. Erfasst und zum Teil bearbeitet haben wir bisher die Bestände der Niedersächsischen Staatskanzlei, des niedersächsischen Umweltministeriums (NMU) und der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR):

  • In der Staatskanzlei haben wir etwa 4.200 Blatt aus zwei Dutzend sehr umfangreichen Aktenbänden kopiert und inhaltlich ausgewertet.
  • Im NMU haben wir nach der Spezifizierung unseres Anliegens aus 225 Aktenbänden und genau 36.032 Blatt bisher 86 Aktenbände mit 8.078 Blatt zur genaueren Untersuchung vorliegen.
  • Bei der BGR haben wir den ausgewählten Aktenbestand digital erfasst: 81 Aktenbände und gebundene wissenschaftliche Publikationen zur Geologie des Gorlebener Salzstocks mit mehreren zehntausend Seiten, die derzeit bearbeitet werden. Daraus wurden bisher 21 Dokumente ins Netz gestellt und heute um zwei weitere ergänzt.

FAZ-Behauptung 3: Präsentiert wird dort unter anderem ein 'bis zu eine Million Kubikmeter großes Wasserreservoir' im Salzstock Gorleben, das angeblich seit 1996 vom Bundesamt für Strahlenschutz vertuscht wird.(...) Längst aber hat sich herausgestellt, dass der 1996 entdeckte Laugeneinschluss nicht hunderttausende sondern nur einige hundert Kubikmeter groß ist.

Richtig ist: Greenpeace hat einen Vermerk des BfS an die BGR vom 1.08.1996 veröffentlicht, in dem von einem Laugenreservoir auf der 840m-Sohle Füllort Schacht Gorleben 1 die Rede ist: Colenco und BGR haben eine Abschätzung der Reservoirgröße vorgenommen. Das totale Reservoirvolumen liegt danach in der Größenordnung von 10hoch5 bis 10hoch6 Kubikmetern, so dass trotz bestehender Unsicherheiten von einer beträchtlichen Erstreckung ausgegangen werden muss.

Die nicht von Greenpeace, sondern von der BGR genannte Abschätzung in der Größenordnung von 100.000 bis 1 Million Kubikmetern Lauge findet sich in der aktuellen Standortbeschreibung der BGR nicht wieder. Dort ist die Rede von Laugenreservoiren zwischen Kubikzentimetern bis wenigen hundert Kubikmetern. Das Bundesamt für Strahlenschutz spricht aktuell von 1.500 Kubikmetern.

Solange die Behörden nicht nachweisen, mit welchen Testverfahren sie zu welcher Datenbasis gekommen sind, ist die Abschätzung der BGR von 1996 genauso wahrscheinlich wie die heutigen Angaben von BGR und BfS.

FAZ-Behauptung 4: Und dass er [der Laugeneinschluss], wie alle anderen bisher entdeckten Wasserlinsen, 250 Millionen Jahre alte Urlauge aus der Entstehungszeit des Salzstocks enthält. Aus einem eindrucksvollen Beleg für die Undurchlässigkeit des Salzgesteins macht Greenpeace also ein k.o.-Argument für Gorleben.

Richtig ist: Unter allen Wissenschaflern besteht die einhellige Meinung, dass Wasser und Laugen in einem Salzstock, der für die Einlagerung hochradioaktiver Abfälle auserkoren ist, nichts zu suchen haben.

Hochradioaktive Abfälle müssen für den Zeitraum von einer Million Jahren sicher von der Umwelt abgeschirmt werden. Diese Abfälle entwickeln Wärme. Die Wärme kann in Zeiträumen von hunderttausenden Jahren auch uralte Laugennester mobilisieren und so Wasserwegsamkeiten zwischen Atommüll und Biosphäre schaffen. Außerdem wirken Salzlaugen hochkorrosiv auf Einlagerungsbehälter. Über 30 Laugenfunde im ersten von neun geplanten Erkundungsbereichen sind Grund genug, den Standort aufzugeben, unabhängig von der Größe der einzelnen Laugennester.

FAZ-Behauptung 5: Das mehrstufige Auswahlverfahren, das die Bundesregierung damals initiierte, brachte drei Standorte in die engste Wahl, die jedoch nacheinander aufgegeben werden mussten, weil oberirdische Gründe dagegenstanden: die Nähe von Bundeswehrübungsplätzen, von Wasserschutzgebieten oder Widerstand in der Bevölkerung.

Ein niedersächsisches Auswahlverfahren brachte dann Gorleben ins Spiel. Erst im strukturschwachen Landkreis Lüchow-Dannenberg fanden sich Gemeindegremien, die der Errichtung eines nuklearen Entsorgungszentrum überwiegend positiv gegenüberstanden. Insoweit war dieser Vorschlag auch politisch begründet.

Richtig ist: Jahrzehntelang haben Atomkraftbefürworter mit Inbrunst das Märchen vertreten, Gorleben sei das konsequente Ergebnis eines wissenschaftlichen Auswahlverfahrens gewesen. Noch im Oktober 2008 heißt es in einer Endlagerbroschüre des BMWi: ... Ein Rückblick auf die Geschichte der Auswahl des Salzstocks Gorleben macht deutlich, mit welchem hohen wissenschaftlichen und methodischen Aufwand vorgegangen wurde. Greenpeace hat jetzt das Gegenteil bewiesen.

FAZ-Behauptung 6: Gorleben ist inzwischen die am besten erforschte Salzlagerstätte der Welt. Doch alles, was in den 17 Jahren bis zur Verhängung des Forschungsverbots an Erkenntnissen gewonnen wurde, wollen die Abgeordneten von SPD, Grünen und Linkspartei nicht wissen.

Richtig ist: In Gorleben ist erst einer von neun geplanten Erkundungsbereichen ausgebaut. Anfangs hielt man die Erkundung des gesamten Salzstocks für zwingend erforderlich. Seit 1983 wurden die Erkundungsbereiche nach besitzrechtlichen Kriterien stark verkleinert - weil die Salzrechte des Grafen Bernstorff und der Kirchengemeinden betroffen waren. Beide lehnen die Erkundung des Salzstocks in ihrem Salz ab.

1993 warnte das BfS, dass eine Verkleinerung der Erkundungsbereiche bzw. das Umfahren der Kirchengrundstücke zu einem geologischen Risiko und Sicherheitsproblemen in der Betriebs- und Nachbetriebsphase des Endlagers führt. Das BfS schließt seine Ausführungen: Die Beschränkung der Erkundung und Errichtung eines Endlagers auf den nordöstlichen Teil des Salzstocks [ist] nur unter Aufgabe von Sicherheitskriterien mit zusätzlichem Zeit- und Finanzaufwand möglich. Auch das ist ein Forschungsergebnis aus den 17 Jahren vor dem sogenannten Erkundungsstopp im Jahre 2000.

Genau diese Beschränkung der Erkundungsbvereiche ist aber der aktuelle Plan von Bundesumweltminister Norbert Röttgen zum Weiterbau in Gorleben. Und das BfS spricht Klartext: Es wurde darauf hingewiesen, dass Ergebnisse dieser Diskussion nicht zur Veröffentlichung dienen sollte, da Auswirkungen auf laufende Gerichtsverfahren und das Zulassungsverfahren nicht auszuschließen sind.

Mit anderen Worten: Kommen die BfS-Ergebnisse raus, wäre das schon 1993 das Ende der Erkundung in Gorleben gewesen. Jetzt sind sie öffentlich.

FAZ-Behauptung 7: Nichts spricht so sehr für die Aufhebung des Gorleben-Moratoriums wie die Angst der Opposition, durch Fakten widerlegt zu werden.

Richtig ist: Nichts spricht so sehr für die endgültige Aufgabe des Standortes Gorleben wie die Angst der Atomkraftwerksbetreiber, ohne Endlager dazustehen. Denn: Angst und Zeitdruck sind kein guter Ratgeber bei der Wahl eines Endlagerstandortes für die giftigsten Abfälle, die die Menschheit je hervorgebracht hat und für den unvorstellbaren Zeitraum von einer Million Jahren.

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Report: Unequal Impact

Menschenrechtsverletzungen bei Frauen und Kindern nach dem Atomunfall im Kraftwerk Fukushima Daiichi. Report in englischer Sprache.

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