Bayern kippt sein Klimaziel
Petition unterzeichnen!- Ein Artikel von Georg Thanscheidt
- mitwirkende Expert:innen Saskia Reinbeck
- Nachricht
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Große Klappe, nix dahinter: Söder und Aiwanger wollen nicht mehr, dass Bayern bis 2040 klimaneutral wird, ein entsprechendes Gesetz wird eingebracht. Greenpeace zeigt mit einer neuen Berechnung die Folgen, die dieses Gesetz hätte.
Das bayerische Kabinett hat in seiner Sitzung am 28. April 2026 beschlossen, dass Bayern nicht wie bisher gesetzlich vorgeschrieben 2040 klimaneutral sein wird, sondern erst 2045. Wenn überhaupt. Eine verbindliche Jahreszahl fehlt im Gesetzesentwurf, den der zuständige Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) in den Landtag einbringen wird. Greenpeace Bayern appelliert an das Parlament, dem Gesetz seine Zustimmung zu verweigern.
Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und sein Stellvertreter, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) wollen hingegen im Landtag mit ihrer Regierungsmehrheit einen Schlusspunkt hinter eine unrühmliche und rückwärtsgerichtete Debatte setzen, die schon im November 2024 mit einer Klima-Kungelei im Kabinett begonnen hatte: Ohne Parlament oder Öffentlichkeit zu unterrichten, hat der bayerische Ministerrat damals den Entschluss gefasst, das Klimaziel für den Freistaat zu kippen. Das sah - gesetzlich fixiert im Klimaschutzgesetz vom 1.1.2023 - vor, dass Bayern spätestens 2040 klimaneutral sein soll. Und nicht erst 2045 wie die Bundesrepublik. Oder 2050 wie die Europäische Union. Ein hehres Ziel, dass Söder damals als einen Schritt Bayerns in Richtung „Premiumland für Klimaschutz“ verkauft hatte. Und nun dieser weitreichende Beschluss - für Bürger:inen, für Unternehmen und vor allem fürs Klima. Aber trotz dieser Tragweite sagten die Beteiligten dazu: nichts. Fast zwei Monate lang.
„Mit diesem Kabinettsbeschluss schadet Markus Söder dem Ansehen, der Glaubwürdigkeit und der Zukunftsfähigkeit Bayerns. 2021 hat Bayerns Ministerpräsident das Klimaziel 2040 ausgerufen. Bayern sollte der Vorreiter der Energiewende und das Vorbild im Kampf gegen die Erderhitzung sein. Zu keiner Zeit hat Söder ernsthaft versucht, diese Ziele zu erreichen. Dadurch fällt Bayern ins klimapolitische Mittelmaß zurück, der Wirtschaftsstandort verliert seinen mittel- und langfristigen Kompass.“
Chronologie der Klimaziel-Skandals
Erst im Januar 2025, auf Nachfrage und scheibchenweise gaben die Herren preis, was sie vorhaben: Aiwanger verkündete am 9. Januar auf Nachfrage eines Journalisten am Rande einer Parteiveranstaltung, dass das Klimaziel „kassiert“ worden, es sogar schon geändert sei. Letzteres stellte sich als falsch heraus, ersteres als wahr. Das Parlament fühlte sich zu Recht übergangen, der zuständige Minister - aus der eigenen Partei - war düpiert.
Aber Aiwanger, der mit seinen Freien Wählern in den Bundestag will, legte nach: Am 11. Januar sprach er sich in einem Zeitungsinterview dafür aus, überhaupt „keine fixen Jahreszahlen“ zu nennen. Das ging sogar Söder zu weit: „Es bleibt auf jeden Fall beim Klimaziel. Nicht, wie jemand gesagt hat, vielleicht brauchen wir gar keins. Das machen wir natürlich nicht“, sagte er auf einer CSU-Veranstaltung.
Auf der Strecke blieben: der Klimaschutz, das Ansehen des Parlaments und die Glaubwürdigkeit von Umweltminister Thorsten Glauber. Der hatte noch im Dezember 2024 - also zwischen Kabinettsbeschluss und Aiwanger-Offenbarung - im Landtag behauptet, das Klimaziel stehe. Später vertagte er die Gesetzgebung auf die Zeit nach der Bundestagswahl. Das Parlament reagierte: Es lud Wirtschaftsminister Aiwanger am 23. Januar 2025 zur Befragung vor den zuständigen Ausschuss. Es gehe um „Aufklärung um das peinliche Hinterzimmer-Theater“, wie die Grünen forderten.
Greenpeace Bayern nutzte damals den Termin, um die bayerische Staatsregierung vor dem Landtag an seine leeren Versprechungen zu erinnern: Jeweils eine Aktivistin oder ein Aktivist umkreiste das Maximilianeum auf einem Lastenrad mit Anhänger. Auf dem war ein 1,50 mal 2 Meter großes Plakat zu sehen mit dem Schriftzug „Klimaland Bayern 2040“ - das Motto von Söders Regierungserklärung 2021. Darunter stand in Schwarz auf Gelb die Aufforderung an die bayerische Staatsregierung: „Wort halten.“
Wort halten: nicht mit Söder
Aber Markus Söder will nicht Wort halten, wie von Greepeace gefordert - auch und gerade nicht in der Klimapolitik: Ende Oktober 2025 kündigte der zuständige Umweltminister Glauber doch an, dass er das bisherige Klimaziel kippen will und den Freistaat auf 2045 festlegen will. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf hat er nun im Kabinett vorgestellt, jetzt soll sich der Landtag damit befassen. Saskia Reinbeck, Klimaschutz-Expertin von Greenpeace Bayern, appelliert an die Abgeordneten: „Dieses Gesetz darf so nicht beschlossen werden.“
Auch weil die Folgen fürs Klima dramatisch wären. Würde das abgeschwächte Gesetz beschlossen, könnten sich die CO2-Emmissionen im Freistaat bis zum Jahr 2045 mit 827 Millionen Tonnen CO2 nahezu verdoppeln, zeigt eine neue Berechnung von Greenpeace. Mit dem bislang geltenden Klimaschutzgesetz entstehen bis zur Klimaneutralität lediglich 434 Millionen Tonnen CO2. Noch dazu könnte die Staatsregierung nach der geplanten Novelle in den kommenden zwei Jahren den Klimaschutz vollständig zum Stillstand bringen. Theoretisch wären sogar mehr Treibhausgase erlaubt. Sakia Reinbeck: „Statt die Treibhausgase wie geplant zügig und konsequent zu senken, soll die wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierung Bayerns ausgebremst werden. Dabei ist nach diesem Extremsommer und bei den schmerzhaft hohen Preisen für Öl und Gas doch klar, dass wir so schnell wie möglich weg müssen von fossilen Energien. Davon profitieren das Klima, Bayerns Unabhängigkeit und mittelfristig auch unser Geldbeutel.“
Die Klimawirkung eines novellierten Bayerischen Klimaschutzgesetzes
Anzahl Seiten: 6
Dateigröße: 1.88 MB
Herunterladen