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Three Mile Island nuclear power plant, Pennsylvania, USA.
© Greenpeace / Robert Visser

Strahlenleck in Harrisburg

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In Block 1 des Atomkraftwerks Three Mile Island bei Harrisburg/Pennsylvania ist Radioaktivität ausgetreten. 150 Angestellte wurden mit leichten Verstrahlungen nach Hause geschickt. Die Ursache des Strahlenlecks ist noch unbekannt. Eine Gesundheitsgefahr bestand laut Betreiber nicht. Three Mile Island ist 1979 zu trauriger Berühmtheit gelangt. Damals schrammte Block 2 knapp an einem Super-GAU vorbei. Der Meiler ist noch heute nicht betretbar.

Wer Laufzeitverlängerungen für alte Atomkraftwerke sät, wird Atomunfälle ernten - auch im westlichen Teil der Welt und trotz der hier angeblich so sicheren Reaktortechnik. Das beweist der jüngste Störfall im amerikanischen Atomkraftwerk Harrisburg, kommentiert Greenpeace-Atomexperte Mathias Edler.

Der Reaktorblock TMI-1 ist seit über 35 Jahren am Netz. Im weltweiten Durchschnitt werden AKW nach 32 Jahren stillgelegt. Das unkalkulierbare Risiko eines schweren Unfalls in einem AKW steigt mit jedem weiteren Betriebstag. Auch in Deutschland gehören die sieben ältesten AKW daher sofort abgeschaltet, so Edler.

Die Betreiberfirma beteuert, dass die Verstrahlung der Arbeiter geringfügig und keine Radioaktivität in die Umwelt gelangt sei. Doch im Falle Three Mile Island ist die Öffentlichkeit schon einmal bewusst getäuscht worden: Vor 30 Jahren versuchten die Verantwortlichen, den GAU im Schwesterreaktor TMI-2 zu vertuschen.

GAU in Harrisburg - Das große Erwachen aus der Atomeuphorie

In der Nacht zum 28. März 1979, der TMI-2 ist gerade drei Monate in Betrieb, kommt es zu einem verheerenden Unfall. Technische Fehler und menschliche Fehlreaktionen führen zu dramatischem Kühlmittelverlust und einer Wasserstoffexplosion im Reaktordruckbehälter. Um den Druck zu senken und eine drohende weitere Explosion zu verhindern, lassen die Reaktorfahrer radioaktive Gase, Dampf und Wasserstoff in die Umwelt ab. Radioaktiv verseuchtes Wasser fließt in den Susquehanna-Fluss.

Noch am Morgen des Unfalls versichert die Betriebsleitung, die Situation unter Kontrolle zu haben. 36 Stunden später fordert der Katastrophenschutz die Menschen innerhalb des 10-Meilen-Umkreises auf, ihre Häuser nicht zu verlassen. Am Nachmittag des 30. März wird die Evakuierung von 3.500 Kindern im Vorschulalter und aller schwangeren Frauen im Umkreis von fünf Meilen angeordnet. Weitere 200.000 Menschen im Gebiet um Harrisburg ergreifen die Flucht.

Die gesundheitlichen Folgen der teilweisen Kernschmelze wurden nur in geringem Maße untersucht. Die Kontrollbehörden fanden keine Erkrankungen, die nachweislich mit dem Unfall in Zusammenhang standen. Fast 20 Jahre später kam der Epidemiologe Dr. Steven Wing auf Grundlage der offiziellen Daten zu einem ganz anderen Ergebnis. Er stellte fest, dass in den damals vorherrschenden Windrichtungszonen des radioaktiven Fallouts die Leukämierate acht- bis zehnfach erhöht war. Die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken, lag vier- bis sechmal über dem Durchschnitt. Wing wies auch nach, dass die Atomindustrie alle offiziellen Studien zu den Auswirkungen des Unfalls auf die Bevölkerung bezahlt hatte.

Insgesamt liegen den Gerichten 2.200 Klagen betroffener Einwohner vor. Viele werden außergerichtlich beigelegt. Bis 1995 zahlte die Versicherung des Betreibers 55 Millionen US-Dollar an Entschädigungen aus.

Block 2 kann bis heute nicht betreten werden. Die Aufräumarbeiten wurden 1993 wegen der hohen Verstrahlung eingestellt und sollen erst nach Abschaltung von Block 1 fortgesetzt werden. Von 1979 bis 1993 haben die Arbeiten rund eine Milliarde US-Dollar gekostet. Für die Zukunft rechnen die Aufsichtsbehörden mit einer weiteren Milliarde Dollar an Kosten.

Der GAU im neuen Reaktor von Three Mile Island bedeutete eine erste Wende in der Wahrnehmung der Atomkraft. Er zeigte, dass es Sicherheit im Betrieb solcher Anlagen nicht gibt. Weder in neuen noch - erst recht - in alten. In den USA wurden seit dem Unfall keine AKW mehr gebaut.

Petition

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Offener Brief: Neue fossile Energieprojekte in Europa verbieten - jetzt!

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