Dieser Krieg ist ein Verbrechen
- Ein Artikel von Polina Kolodiazhna
- Meinung
- Greenpeace als bevorzugte Quelle bei Google: So geht's!
Unsere Kolleg:innen bei Greenpeace-Ukraine leiden seit dem Beginn der vollen russischen Invasion. Doch seit Anfang September hat sich ihre Lage weiter verschlimmert: Fast stündlich greift Russland mit Raketen und Drohnen die gebeutelte ukrainische Hauptstadt Kyiv an. Ihr Leben bricht zusammen. Ihre Schilderungen sind schwer zu ertragen. Doch hilft es unseren Kolle:innen, zu wissen, dass wir an sie denken, dass wir ihr Leid sehen. Dass sie nicht allein sind. Deswegen veröffentlichen wir hier einen aktuellen Bericht unserer Kollegin Polina Kolodiazhna. Wir bewundern ihren Mut und ihr Durchhaltevermögen zutiefst.
Hallo zusammen – ich melde mich aus Kyiv.
Zum Glück ist der September vorbei. Es war ein extrem schwieriger Monat für die Stadt. Wir haben sogar angefangen, einen sehr düsteren Witz zu machen, dass „der eigentliche Krieg erst in diesem September begonnen hat“ – ein Zeichen dafür, wie dramatisch sich die Intensität der Angriffe und unser Alltag verändert haben.
Russische Drohnenangriffe finden mittlerweile Tag und Nacht statt, ebenso wie Raketenangriffe. Im September stand Kyiv etwa 243 Stunden unter Luftalarm – das ist ungefähr ein Drittel des gesamten Monats. Die Pausen zwischen den Alarmmeldungen werden zu einem Wettlauf, um Lebensmittel einzukaufen, in eine Apotheke zu gelangen oder quer durch die Stadt zu fahren. Manchmal haben wir eine Stunde oder anderthalb Stunden Zeit, manchmal nur wenige Minuten. Das ist sehr kurz, um sich mit Nahrungsmitteln oder anderen Dingen des täglichen Bedarfs einzudecken. Und die Abstände werden immer kürzer.
Viele Geschäfte, Apotheken und Dienstleistungsbetriebe schließen während der Alarmphasen – aus gutem Grund. Russlands unerbittliche und unablässige Angriffe zerstören die Möglichkeit, dass wir irgendeine Art von normalem Leben führen könnten: die Nacht durchzuschlafen, zur Schule zu gehen, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen oder einfach sicher zur Arbeit zu gelangen.
Arbeit im Krieg: Unsere Kolleg:innen in der Ukraine
Der Krieg wird immer heftiger
Dieser Krieg ist ein Verbrechen, Russland ist ein Terrorstaat. Zivilisten werden terrorisiert, die Infrastruktur, die das Funktionieren einer Stadt ermöglicht, wird permanent angegriffen – ohne Rücksicht auf Kinder, Patienten oder andere Menschen, die sich in ihrem Weg befinden. Und es wird immer heftiger.
Am 28. September traf eine Drohne ein Gebäude der Nationalen Akademie der Wissenschaften im Zentrum von Kyiv und tötete zwei Menschen. An diesem Tag wurden auch eine medizinische Einrichtung und ein Pharmaunternehmen getroffen.
Um Ihnen eine Vorstellung davon zu geben, wie nah das ist: Das Gebäude der Akademie liegt nur ein Haus von der deutschen Botschaft entfernt und etwa 300 Meter von meiner Wohnung. Als es getroffen wurde, stand ich in meinem Innenhof. Innerhalb weniger Sekunden nach der Explosion wurde ich von winzigen Betonsplittern aus dem Gebäude eingedeckt. Wenige Minuten später hatte sich meine Wohnung durch die offenen Fenster mit Rauch gefüllt.
Die Zivilbevölkerung wird terrorisiert
Wir wachen morgens auf und sehen, wie Rauch die Nachbarschaft verdunkelt – von Bränden in ganz Kyiv und der umliegenden Region. Die Angriffe begleiten uns noch lange nach den Explosionen – in der Luft, die wir atmen, in unseren Wohnungen und in unserem gesamten Alltag.
Weitere Beispiele aus dem vergangenen Monat zeigen das Ausmaß dieses Terrors:
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Kindergärten und Geburtshilfe:
Ein Kindergarten im Bezirk Dniprovskyi wurde am 17. September schwer beschädigt. Am 24. September wurden im Kyiver Entbindungskrankenhaus Nr. 2 auf mehreren Etagen Fenster und Türen zertrümmert. Patienten und Personal blieben unverletzt, da sie sich im Schutzraum befanden. Ein kleiner Junge kam dort während des Angriffs zur Welt – unter der Erde, während Russland die Stadt über ihm bombardierte.
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Kommunikation:
Russland griff Rechenzentren und Telekommunikationsinfrastruktur an. Die Angriffe führten zu Internetausfällen, von denen rund 100.000 Haushalte in Kyiv und der umliegenden Region betroffen waren. Am 27. September wurde die Zentrale von Kyivstar getroffen. Diese Angriffe beeinträchtigen unsere Fähigkeit, in Verbindung zu bleiben und potenziell lebensrettende Warnungen zu empfangen. (reuters.com)
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Lebensmittel und Medikamente:
Zahlreiche Lagerhäuser wurden zerstört. Mittlerweile kommt es in Supermärkten zu Engpässen bei bestimmten Produkten und schlimmer noch: auch in Apotheken bei bestimmten Medikamenten. Die Schäden an der Arzneimittelproduktion verstärken diesen Druck zusätzlich. Menschen, die auf regelmäßige Medikamente angewiesen sind, erfahren, dass ihre Medikamente nicht mehr erhältlich sind. So kommt es, dass wir es immer weniger schaffen, uns während einer Pause zwischen den Alarmmeldungen mit den Gütern eindecken, die wir zum Leben brauchen.
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Energie und lebenswichtige Versorgungsdienste:
Russland hat seine Angriffe auf die Energieinfrastruktur eskaliert und setzt seine Kampagne gegen die Strom- und Wärmeerzeugung fort, darunter gegen Wärmekraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Die Angriffe am 30. September beschädigten Energieanlagen in und um Kyiv und führten erneut zu Notstromabschaltungen in der Hauptstadt. Wir hatten wieder keinen Strom, und eine Zeit lang auch kein Wasser. Der nächste Winter naht, und uns graut davor. Denn im Winter nutzt Russland die Kälte und die Dunkelheit, um uns zu terrorisieren. Im Winter den Ausfall grundlegender Versorgungsleistungen wie Strom, Heizung und Wasser herbeizuführen, ist ein Verbrechen. , um die Zivilbevölkerung zu terrorisieren.
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• Nukleare Sicherheit:
Am 30. September traf eine Drohne das Gelände des Instituts für Kernforschung, auf dem sich ein Forschungsreaktor befindet. Glücklicherweise wurden der Reaktor und seine Sicherheitssysteme nicht beschädigt, und die Strahlungswerte bleiben normal. Der Reaktor ist seit Februar 2022 abgeschaltet, sein Kern wurde entladen. Selbst eine zivile Kernforschungsanlage bleibt nicht verschont.
Kriegsterror auf einem nächsten Level
Der Oktober hat mit weiterem Terror begonnen. Am 1. Oktober traf eine russische Drohne eine Schule, nachdem der Unterricht bereits begonnen hatte, und löste einen Brand aus. Mehr als 100 Schüler und etwa 60 Lehrer befanden sich im Schutzraum; glücklicherweise wurde niemand verletzt. Dass sie überlebt haben, macht diesen Angriff nicht weniger schrecklich. Wir sind immer wieder aufs Neue entsetzt, wie skrupellos Russland bereit ist, auch Kinder zu gefährden, um seine Ziele zu erreichen. Russlands Terror kennt keine Grenzen.
Im weiteren Verlauf des Tages wurden zwei Drohnen-Einschläge in der Nähe eines Pfeilers der Südbrücke gemeldet, die das rechte und linke Ufer von Kyiv verbindet und über die eine U-Bahn-Linie verläuft. Ein vorbeifahrender U-Bahn-Zug wurde von der Explosion erfasst, wobei Staub über das Belüftungssystem in den Wagen gelangte. Glücklicherweise blieben die Fahrgäste und der Fahrer unverletzt. Der U-Bahn- und öffentliche Nahverkehr über die Brücke wurde vorübergehend eingestellt – eine weitere Störung der Infrastruktur, auf die die Menschen angewiesen sind, um sich in der Stadt fortzubewegen.
Unser Leben soll zum Erliegen kommen - aber wir geben nicht auf
Zusammengenommen zeigen diese Angriffe einen Terror-Krieg gegen das zivile Leben – unsere Schulen, das Gesundheitswesen, die Wissenschaft, die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, die Kommunikation, den Verkehr, die Strom- und Wasserversorgung. Russland versucht, Kyiv unbewohnbar zu machen und die Menschen durch Angst, Erschöpfung und Entbehrungen zu zermürben.
Wir arbeiten trotz allem weiter, wir geben nicht auf. Aber die Belastung ist immens. Bevor ich nach draußen gehe, schaue ich jetzt auf der Website von Radar UA nach, um einzuschätzen, ob ich genug Zeit habe, mein Ziel zu erreichen, bevor der nächste Luftalarm ausgelöst wird. Dort kann man auch in Echtzeit sehen, was sich gerade auf Kiew zubewegt. Denn auch wenn es schwer ist und immer schwerer wird: Wir lassen uns nicht in die Knie zwingen.
Vielen Dank, dass ihr Kolleg:innen auf der ganzen Welt der Ukraine zur Seite steht und Verständnis dafür habt, wenn uns ein Alarm, ein Angriff oder ein Stromausfall dazu zwingt, eine Videokonferenz zu verlassen oder die Pläne kurzfristig zu ändern. Ich schreibe euch, weil es uns tröstet, wenn wir das Gefühl haben, dass ihr uns seht und hört. Dass wir in diesem fürchterlichen Krieg nicht ganz allein sind. Bitte vergesst das Leid der Ukrainer:innen nicht.