Landwirtschaft ohne giftige Chemikalien

Essen ohne Pestizide

Der Einsatz von Agrargiften in der industriellen Landwirtschaft nimmt kontinuierlich zu – die Politik muss deshalb eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft unterstützen.

Wie die Natur vergiftet wird

Der flächendeckende Einsatz von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft, in Wäldern und privaten Gärten setzt verhängnisvolle Kettenreaktionen in Gang. 

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Der Begriff "Pflanzenschutzmittel" klingt erst einmal harmlos. Doch Pestizide sind Gifte, und Gifte können zwischen sogenannten Schädlingen und Nützlingen nicht unterscheiden. Wird dabei ein Insekt radikal dezimiert, verschwindet es auch als Nahrungsgrundlage für andere Tiere, wie zum Beispiel Vögel.

Pestizide belasten die gesamte Umwelt. Und das weltweit. Greenpeace hat bereits vor Jahren nachgewiesen, dass die Gifte sogar uns Menschen auf direktem Weg erreichen: als Rückstände in Nahrungsmitteln und im Trinkwasser.

Die Landwirtschaft setzt Pestizide zu unterschiedlichen Zwecken ein: Insektizide gegen sogenannte Schadinsekten, Herbizide gegen Unkräuter, Fungizide gegen Pilze, Rodentizide gegen Nagetiere, Molluskizide gegen Schnecken ... und das mehr als großzügig: Auf jedem Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche – und das  ist mehr als die Hälfte der gesamten Fläche Deutschlands – kommen jährlich durchschnittlich neun Kilogramm Pestizide zum Einsatz. Das entspricht ungefähr einer Menge von 2,8 Kilogramm reinem Wirkstoff. 

Ein Grund für die großen Mengen ist, dass bestimmte Pflanzen häufiger behandelt werden, Äpfel beispielsweise 18,5 Mal pro Jahr, Kartoffeln 8,2 Mal und Wein 9,6 Mal. Bei Äpfeln sind besonders häufig Fungizide (16,5 von 18,5 Anwendungen) und bei Zuckerrüben besonders häufig Herbizide im Einsatz (3,6 von 4,6).

Die Bundesregierung hat sich zwar zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2030 den ökologischen Anbau auf 20 Prozent der Fläche auszuweiten. Das würde die Pestizidmenge verringern. Doch bis dahin gibt es noch viel zu tun: Im Jahr 2018 lag die ökologisch bewirtschaftete Fläche in Deutschland lediglich bei 7 Prozent.

BIENEN IN GEFAHR

Pestizide können eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten schädigen, auch Nützlinge. Doch sind diese tot, kann es zu einer schnelleren Wiederbesiedlung mit sogenannten Schädlingen kommen, was eine erneute Pestizidbehandlung nach sich zieht. Ein tödlicher Kreislauf, der die Menge der eingesetzten Gifte sinnlos in die Höhe treibt. So ist die konventionelle Landwirtschaft mit ihrem Pestizideinsatz für den Rückgang der Artenvielfalt auf Feldern in hohem Grad mitverantwortlich. Die Artenvielfalt in der Umgebung ökologisch geführter Betriebe ist bis zu sechsmal höher als auf konventionell bewirtschaftetem Land.

Der Insektizideinsatz ist nach neueren Studien vermutlich auch am massiven Rückgang der Wildbienen in Deutschland, Kanada und den USA mitverantwortlich. Für die Landwirtschaft sind Bienen – sowohl Honig- als auch Wildbienen – von großer Bedeutung, da sie viele Kulturpflanzen wie Obstbäume und Gemüsesorten bestäuben und somit erheblich zum Ernteerfolg beitragen. Doch auch, wenn in der öffentlichen Debatte das Bienensterben besonders im Fokus steht: Es geht um viel mehr Arten. Und der Rückgang der Insektenpopulationen hat mit seinen dramatischen Dimensionen längst Folgen für weitere Arten wie beispielsweise Vögel. 

STERBENDE ÖKOSYSTEME

In Ländern mit intensiver Plantagenwirtschaft wie etwa dem Bananenanbau in Costa Rica gelangen Pestizide über Flüsse bis ins Meer, wo sie auch vorgelagerte Korallenriffe schädigen. Regionen mit intensiver industrieller Landwirtschaft sind häufig regelrechte Agrarwüsten, in denen kaum noch natürliches Leben vorhanden ist. So etwa die südspanische Region Almeria, aus der ein großer Teil unseres Gemüses stammt, oder Baumwollanbaugebiete in Indien und Kasachstan. Mit der Umwelt leiden dort oft auch Arbeiterinnen und Arbeiter sowie die ansässige Bevölkerung unter dem Gifteinsatz.

GESUNDHEITSRISIKO 

Einige, vor allem ältere Pestizide lagern sich im Fettgewebe von Menschen und Tieren ab. Dies führt zu steigenden Schadstoffkonzentrationen im Organismus vor allem bei Lebewesen, die am Ende der Nahrungskette stehen. Ein Beispiel ist das bis in die 70er Jahre hinein eingesetzte DDT. Das Gift lässt sich noch heute im Blut der meisten Menschen nachweisen und findet sich auch noch immer in unserer Umwelt, zum Beispiel im Obst. DDT kann das Hormonsystem beeinträchtigen, das Erbgut verändern und steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Obwohl Alternativen zur Verfügung stehen, ist die Diskussion um einen verstärkten DDT-Einsatz zur Malariabekämpfung nach wie vor aktuell.

Immerhin: Die Medienberichte über die direkten und indirekten Folgen des massiven Pestizideinsatzes häufen sich. Das Bewusstsein für das riskante Spiel mit den Pestiziden wächst. Und das hat Folgen. Bekanntestes Beispiel ist die Klagewelle gegen den deutschen Konzern Bayer, der 2018 den umstrittenen Glyphosat-Hersteller Monsanto aufkaufte. Bayer drohen in den USA massive juristische Konsequenzen wegen des mutmaßlich krebserregenden Unkrautkillers “Round-Up”, einem Totalherbizid auf Glyphosat-Basis. 

RESISTENZBILDUNG

Ein kontinuierlicher Pestizideinsatz kann zu Resistenzen führen, so dass die Mittel innerhalb weniger Jahre ihre Wirksamkeit verlieren. Um dem vorzubeugen, müssen Landwirtinnen und Landwirte häufig unterschiedliche Pestizide einsetzen. Das führt auch zu  Mehrfachbelastungen in Lebensmitteln. Greenpeace fand bei Untersuchungen von Obst und Gemüse bis zu 13 verschiedene Pestizide in einer Probe. Diese Pestizidcocktails können die Gesundheit beeinträchtigen.

ÖKOLANDBAU – GUT FÜR DIE UMWELT

Im Biolandbau kommen keine chemisch-synthetischen Pestizide zum Einsatz. Davon profitieren Natur, Grundwasser und Lebensmittelqualität. In einigen Ländern Europas greifen Obst- und Gemüsebetriebe auch verstärkt auf den Einsatz von Nützlingen zurück und ersetzen damit gefährliche Pestizide. So können in einem Gewächshaus zum Beispiel gezielt Marienkäfer den Läuse-Befall verringern. Der Einkauf von ökologisch hergestellten Produkten ist ist also gut für die Artenvielfalt – und für die Menschen.

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