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Kalevalski forest

Mit ihnen verschwindet der Braunbär

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Der Braunbär war früher in allen waldreichen Gebieten Europas von Skandinavien bis zum Mittelmeer heimisch. Die Zerstörung und Zerstückelung seines Lebensraums wird zu einer immer größeren Gefahr für die stärksten Tiere Europas: Mittlerweile gibt es nur noch rund 6.000 Braunbären in einigen Gebieten des nördlichen Skandinaviens, Ost- und Südost-Europa sowie im europäischen Teil Russlands. Hier fallen jedes Jahr mindesten 150 Quadratkilometer Urwald den Kettensägen zum Opfer.

Im äußersten Norden Europas erstrecken sich die letzten unberührten Wälder des Kontinents, womit natürlich nicht die Kiefernplantagen Skandinaviens gemeint sind, in denen großflächig hochindustrialisierte Forstwirtschaft betrieben wird. Einst urwaldreich, tragen Schweden und Finnland mittlerweile nur ein und drei Prozent zum Restbestand des europäischen Urwaldes bei.

Refugium für seltene Tiere

Dagegen sind weite Teile im westlichen Russland noch heute von unberührten Wäldern bedeckt und bilden inzwischen das einzige Rückzugsgebiet für jene Arten, denen über 30 andere europäische Länder keinen Lebensraum mehr bieten: Große Raubtiere wie Braunbären, Wölfe und Luchse zählen dazu, die in den isolierten Restwäldern beispielsweise Deutschlands kaum ausreichend Nahrung finden und von den örtlichen Viehbesitzern bekämpft werden. Aber auch kleinere Tiere wie Flughörnchen, Dreizehenspecht und Uhu bevorzugen unberührte Baumbestände, weil sie in Asthöhlen wohnen, im morschen Altholz nach Larven suchen oder wie der Uhu sehr empfindlich auf Störungen am Brut- oder Rastplatz reagieren.

Alte, lockere Baumbestände sind ebenso der Lebensraum der seltenen Auerhühner: Diese treffen sich im Frühjahr an traditionellen Balzplätzen, an denen die Männchen aufwendige Tanz- und Singvorführungen geben. Mit der Zerstörung dieser Paarungsplätze durch Kahlschlag und gedrängte Plantagenanpflanzung ist der Bestand der Auerhühner innerhalb der letzten 50 Jahre auf ein Drittel zurückgegangen, wie finnische Wissenschaftler erklären.

Verlust der Artenvielfalt

Alte knorrige Bäume und tote Stämme gelten in der industrialisierten Forstwirtschaft als unnütz und zudem als Brutstätte für Schädlinge wie beispielsweise den Borkenkäfer. Mit ihrer Vernichtung wird aber ein ganzer Lebensraum samt Nahrungsgrundlage vieler Organismen zerstört: Zum Beispiel siedeln - wie aus dem für ganz Deutschland geltenden Nachhaltigkeitsbericht des Ministeriums für Umwelt und Forsten des Landes Rheinland-Pfalz hervorgeht - etwa 1.350 der rund 6.000 in Deutschland vorkommenden Käferarten auf Totholz, von denen wiederum 60 Prozent auf der Roten Liste bedrohter Tierarten stehen. Von den totholzbesiedelnden Pilzen gelten 25 Prozent als gefährdet.

Zusätzlich hat die Beschränkung auf wenige ertragreiche Baumarten im Forst dazu geführt, dass Mischwaldarten wie Tanne, Schwarzpappel, Ulme, Eibe, Elsbeere, Speierling sowie mehrere Wildobstarten in Deutschland zu den seltenen oder gefährdeten Arten zählen, deren Gene wegen des drohenden Verlusts teilweise in Genbanken erhalten werden müssen.

Geht es um den Schutz der letzten Urwälder, kann Europa also kaum als Vorbild gelten: Trotz der bekannten zerstörerischen Erntemethoden ist der europäische Markt Hauptabnehmer von Holz und Zellstoff aus Ländern wie Indonesien, Brasilien oder Kamerun. Europäische Konsumenten sind ebenso verantwortlich für die Zerstörung von jährlich wenigstens 150 Quadratkilometer Urwald im europäischen Teil Russlands.

Profit geht vor Naturschutz

Und auch innerhalb der eigenen Grenzen zählt Profit mehr als die Natur: Im finnischen Kasikkojärvi beispielsweise roden Holzfirmen besonders wertvollen Urwald, während bereits ein Antrag zur Aufnahme des Gebiets zum geplanten finnisch-russischen Kalevala-Nationalpark vorbereitet wird.

Weiter nördlich in Kessi wird für den Bau einer Straße in ein unberührtes Waldstück eingeschlagen, ohne die dort lebenden Rentierzüchter in die Planung mit einzubeziehen, deren Tiere diese Wälder als Winterweide nutzen.

In der kargen Zeit sind Rentiere auf den Flechtenbewuchs alter Kiefern angewiesen, da sie den Boden im hohen Schnee nicht mehr freischarren können. Insgesamt kämpfen in Skandinavien mehr als 30.000 Sami um den Erhalt der Rentierzucht als Einkommensquelle und dem damit verbundenen Erhalt ihrer kulturellen Identität.

In polaren Regionen mit kurzen Sommern kann das Aufwachsen neuer Vegetation sehr lange dauern, der ursprüngliche Zustand wird noch seltener erreicht als in anderen Klimazonen. Dessen ungeachtet riskiert die Forstindustrie mit Kahlschlag die Ausweitung der baumlosen Tundra und setzt damit das Überleben von so symbolträchtigen, in Märchen und Fabeln verewigten Tieren wie Wolf, Bär, Steinadler und Auerhahn aufs Spiel.

Der Braunbär

Im Mittelalter noch über ganz Europa verbreitet, haben nur wenige Braunbären die Zerstückelung ihres Lebensraumes in den letzten Jahrhunderten überlebt. Inzwischen gibt es lediglich im Norden und Osten Europas noch wenige Populationen mit einigen Tausend Exemplaren.

Bären bevorzugen Wälder als ihren Lebensraum, da sie von Waldfrüchten, Nüssen und Knollen leben, und die Bäume ihren Bärenkindern Schutz bieten: Bei Gefahr werden die Jungen von der Mutter auf einen Baum gejagt, während sie sich dem Angreifer kämpferisch entgegenstellt.

Einem so kräftigen Raubtier wie dem Bären gaben die Menschen von Anbeginn eine Sonderstellung in Mythologie und Kultur: Schon die Neandertaler schmücken Grabstellen mit Bärenschädeln, frühe Kulte sehen in Bären einen Abgesandten der Götter. Bärenamulette aus Krallen oder Zähnen sollen den Jägern Stärke verleihen und sie sicher durch den dunklen Wald leiten. Aufgrund ähnlicher Überzeugungen hüllten sich die gefürchteten germanischen Berserker-Krieger in Bärenfelle.

Bereits vom Wort Bär im Namen glaubte man besondere Kräfte übertragen zu bekommen: So findet er sich zum Beispiel im nordischen Heldennamen Björn oder in der König-Artus-Sage, worin das altirische Wort Art für Bär vorkommt.

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