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Waldzerstörung in Brasilien
Victor Moriyama/Greenpeace

Raubbau schadet der Gesundheit

Wie Waldzerstörung und industrielle Tierhaltung zur Entstehung von Pandemien beitragen können - und was geschehen muss, um das Risiko von Zoonosen zu vermindern.

COVID-19 ist eine sogenannte Zoonose: Der Erreger wurde von Wildtieren auf Menschen übertragen, seitdem breitet sich das neue Corona-Virus rund um den Globus aus. Werden natürliche Lebensräume zerstört, entstehen Hotspots, in denen die Wahrscheinlichkeit der Übertragung von Tieren auf Menschen besonders groß ist. Die wachsende Gefahr für unsere Gesundheit ist auch eine Folge der industriellen Tierhaltung. Ein Interview mit Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin, und Christoph Thies, Waldexperte bei Greenpeace.

Greenpeace: Kann sich eine globale Pandemie wie COVID-19 in absehbarer Zeit wiederholen?

Christoph Thies: Wir können nur hoffen, dass wir so schnell keine weitere weltumspannende Katastrophe vergleichbaren Ausmaßes erleben! Aber die Wissenschaft  warnt schon lange, dass der Verlust der Biodiversität das Risiko von Zoonosen erhöht. Durch das Artensterben und den Raubbau im Ökosystem nehmen wenige anpassungsfähige Arten überhand, die häufiger Krankheitserreger in sich tragen. Dadurch wird die Ausbreitung von Krankheiten wahrscheinlicher. Besonders schnell schreitet die Zerstörung natürlicher Ökosysteme voran, wenn Wälder etwa für den Anbau von Futtermitteln oder Palmöl gerodet werden. Und weil die Lebensräume von Wildtieren damit immer kleiner werden, kommen sie eher mit Menschen und Haustieren in Kontakt. Damit wächst auch die Gefahr, das Krankheitserreger von Tieren auf Menschen übertragen werden. So entstehen potenzielle Hotspots der Verbreitung gefährlicher Viren, von denen auch in Zukunft Pandemien ausgehen können.

Was muss geschehen, um das Risiko von Zoonosen zu vermindern?

Christoph Thies: Wir brauchen Puffer zwischen Mensch und Natur - und zwar nicht nur, um natürliche Lebensräume vor menschlicher Ausbeutung zu schützen, sondern auch, um die Menschheit davor zu bewahren, dass Krankheiten aus bedrängten Naturräumen zu gefährlichen Pandemien werden. Deshalb ist konsequenter Naturschutz und die Ausweitung von Schutzgebieten eine Lebensversicherung für Mensch und Tier. Die aktuelle Krise sollten wir zum Anlass nehmen, unser Verhältnis zur Natur zu überdenken. Das Wohlergehen des Menschen ist mit dem Wohlergehen anderer Lebewesen und ganzer Ökosysteme verbunden. Doch solange der Mensch immer weiter in die letzten Wälder und Wildnisgebiete vordringt, zerstören wir nicht nur wertvolle Naturräume und wichtige CO2-Speicher. Wir gefährden auch unsere eigene Gesundheit.

Was können wir in Europa tun?

Stephanie Töwe: Wir können mit unserem Konsumverhalten entscheidenden Einfluss nehmen. Der immer größere Hunger einer schnell wachsenden Weltbevölkerung nach mehr Fleisch, Eiern und Milch zerstört wertvolle Ökosysteme, damit verschwinden Lebensräume zahlreicher Arten. Wie und was wir in den wohlhabenden europäischen Industriestaaten essen, hat enormen Einfluss auf dem gesamten Planeten. Beim Einkauf können wir entscheiden, ob wir bedenkenlos konsumieren oder ob wir, wo immer es möglich ist, nachhaltig und fair erzeugte Produkte auswählen. Das allein reicht aber nicht. Mindestens ebenso wichtig ist, dass wir politischen Druck aufbauen, etwa um neue Gesetze zur Verringerung unseres ökologischen Fußabdrucks durchzusetzen. Die Corona-Krise ist ein weiterer Warnschuss, den wir zum Anlass nehmen sollten, endlich eine Agrarwende einzuleiten. Wir müssen dringend wegkommen von einer Landwirtschaft, deren Schwerpunkt auf industrieller Tierhaltung liegt. Diese Art der Tierhaltung und der Anbau von Futtermitteln beanspruchen bereits vier Fünftel der Weide- und Ackerflächen weltweit. Staatliche Finanzhilfen, wie die gemeinsamen Agrarzahlungen der Europäischen Union, sollten deshalb gezielt eingesetzt werden, um eine klimafreundliche, ökologische und Arten schützende Landwirtschaft zu fördern.   

Spielt die industrielle Tierhaltung bei der Verbreitung von Zoonosen eine Rolle?

Stephanie Töwe: Sicher ist, dass die industrielle Tierhaltung mit der Zerstörung von Ökosystemen das Risiko der Übertragung von Erregern von Tieren auf Menschen erhöht. Einem Report der Eco Health Alliance zufolge stehen etwa 30 Prozent der Ausbrüche neuer, ansteckender Krankheiten mit Änderungen der Landnutzung in Verbindung - das ist die häufigste Ursache! Erkrankungen beim Menschen brechen also vor allem in Regionen aus, in denen Wälder oder andere Naturräume von Acker- oder Weideland verdrängt werden. 

Industrielle Tierhaltung mit auf engstem Raum gehaltenen Tieren kann die Ausbreitung und Übertragung zoonotischer Krankheiten beschleunigen. Dazu trägt auch die geringe genetische Diversität der gehaltenen Tiere bei. Außerdem verbreiten sich Krankheitserreger mit der Gülle, die auf den Äckern ausgebracht wird. Und mit der Gülle gelangen auch Antibiotika-resistente Keime in die Umwelt. Das ist eine Folge des immer noch zu hohen Einsatzes von Antibiotika in der industriellen Tierhaltung. Antibiotika-Resistenzen erschweren oder verhindern die erfolgreiche Behandlung von Infektionen mit Antibiotika. Auch zoonotische Bakterien können resistent gegen Antibiotika werden. Die zoonotischen Krankheiten sind dann entsprechend schwerer behandelbar. 

Welchen Einfluss hat die zunehmende Verbreitung von Antibiotika-Resistenzen auf die Behandlung von Patienten, die sich mit dem neuen Corona-Virus infiziert haben?

Stephanie Töwe: Viren lassen sich nicht mit Antibiotika bekämpfen. Häufig kommt es aber infolge einer viralen Infektion zu einer bakteriellen Infektion - auch bei einer Erkrankung mit dem neuartigen Corona-Virus ist nicht auszuschließen, dass es neben den bisher bekannten Symptomen zusätzlich zu einer bakteriellen Infektion der Atemwege kommt. Liegt eine bakterielle Lungenentzündung vor und sind die verursachenden Bakterien resistent gegen Antibiotika, kann dies die Behandlung erschweren. Die genaue Bedeutung von Antibiotika-Resistenzen bei der Behandlung von an COVID-19 Erkrankten ist aber noch nicht wissenschaftlich untersucht worden, deshalb sollten wir keine voreiligen Schlüsse ziehen.

Welchen Rolle spielt die Globalisierung bei der Verbreitung von Zoonosen?

Christoph Thies: Zoonosen sind keine neue Erscheinung. Früher waren Ausbrüche von Erkrankungen aber häufiger lokal begrenzt und verbreiteten sich meistens langsamer. Heute können Zoonosen über die intensiven internationalen Kontakte und die weltweiten Handelsbeziehungen schneller zu Pandemien werden, die sich rund um den Globus verbreiten. Die Auswirkungen werden durch die hohe Bevölkerungsdichte und den zunehmenden Reiseverkehr noch verschärft. Die aktuelle Covid-19-Pandemie macht offensichtlich, wie verwundbar das globalisierte Handelssystem und die globale Nahrungsmittelproduktion sind. Eine auf regionale Versorgung ausgerichtete Landwirtschaft ist dagegen weit besser geeignet, gesunde Lebensmittel mit weniger Risiken und umweltschonend zu erzeugen.

Was fordert Greenpeace, um uns besser vor Pandemien zu schützen?

Christoph Thies: Der Schutz von Wäldern und natürlichen Lebensräumen trägt maßgeblich dazu bei, dass Kontakte mit Wildtieren und das Auftreten von Krankheiten wie COVID-19 weniger wahrscheinlich werden. Deshalb fordern wir eine deutliche Ausweitung von Schutzgebieten bis 2030, besonders in tropischen Regionen, mit Beteiligung und Zustimmung indigener und lokaler Gemeinschaften, deren Nahrungsquellen geschützt werden müssen. Außerdem muss der kommerzielle Handel mit Wildtieren stark eingedämmt und bei Tieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Träger von Krankheitserregern sind, beendet werden.

Stephanie Töwe: Wir können die natürlichen Lebensräume wirksam schützen, wenn wir beim Konsum und der Erzeugung von Fleisch und Milchprodukten entschieden umsteuern: Denn die natürlichen Lebensräume schwinden weltweit, solange immer mehr landwirtschaftliche Flächen gebraucht werden, um zum Beispiel Futtermittel wie Soja anzubauen, die wir massenweise importieren, um hierzulande möglichst viel Billigfleisch zu erzeugen. So kann es nicht weitergehen! Der übermäßige Fleischkonsum, muss deutlich sinken. Wir müssen wieder dahin kommen, dass landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland nur so viele Tiere halten, wie sie mit ihren eigenen Äckern und Grünflächen versorgen können. Der Ausstieg aus der industriellen Tierhaltung ist nicht nur ein maßgeblicher Schritt, um die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft zu vermindern. Er ist auch unverzichtbar, wenn wir gesunde Ökosysteme erhalten und unsere eigene Gesundheit nicht riskieren wollen.   

Zum Weiterlesen:

Wie wichtig im Zusammenhang mit dem Coronavirus der Blick auf den Klimaschutz und die Naturzerstörung ist, zeigen auch zahlreiche Medienberichte der vergangenen Wochen. Diese Pandemie ist ein Warnschuss an unsere Landwirtschaft und trifft diese zugleich. Wir sollten aus Corona lernen.

 

  • Soja-Anbau im Kongo

    Ölpalmen-Plantage im Kongo

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  • Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace

    Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin von Greenpeace

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  • Christoph Thies, Waldexperte von Greenpeace

    Christoph Thies, Waldexperte von Greenpeace

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