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Greenpeace-Luftaufnahme zeigt kürzlich gerodeten Orang-Utan-Lebensraum auf einer Palmölkonzession in Kalimantan.
(c) Ulet Ifansasti/Greenpeace

Gastbeitrag von Dr. Janet Cotter, Science Unit Greenpeace International

Mit der Zerstückelung von Waldflächen verändert der Mensch das natürliche Ökosystem Wald. Ein neuer Greenpeace-Report zeigt die Folgen dieser  Fragmentierung für Tiere und Pflanzen auf.

Tropische Wälder gehören zu den artenreichsten Ökosystemen der Welt – doch diese Vielfalt ist höchst gefährdet. Zum einen durch Rodungen, die ganze Waldgebiete verschwinden lassen. Zum anderen durch die sogenannte „Fragmentierung“.

Fragmentierung: die Zerschneidung und Zerstückelung von Waldflächen in kleinere, voneinander isolierte Gebiete.

Die negativen Auswirkungen dieser Fragmentierung auf die Artenvielfalt sind weniger offensichtlich, jedoch ebenfalls massiv. Sie schadet nicht nur einzelnen Arten, sondern hat vor allem Einfluss auf die ökologischen Bedingungen innerhalb des Waldes. So werden durch Fragmentierung wichtige Interaktionen, wie zum Beispiel die Bestäubung, zwischen einzelnen Arten verhindert und so das Ökosystem Wald und seine Funktionsfähigkeit drastisch verändert.

Greenpeace-Report fasst Folgen der Fragementierung zusammen

Ein aktuelle Greenpeace-Literaturauswertung mit dem Titel "Tropical Forest Fragmentation; Implications for Ecosystem Function" (englisch) fasst die Auswirkungen der Fragmentierung tropischer Wälder auf die Ökosysteme zusammen. Dazu gehören Bestäubung, Samenverbreitung und – von zentraler Bedeutung – die Effekte auf Ökosysteme, die durch den Schwund großer Prädatoren wie zum Beispiel Tiger und Jaguar ausgelöst werden.

Die Fragmentierung von Wäldern kann sowohl die Bestäubung als auch die Samenausbreitung tropischer Pflanzen beeinträchtigen, beides unerlässlich für deren Vermehrung. Durch die Fragmentierung muss eine Bestäubung über weitere Entfernungen erfolgen. Doch Bestäuberinsekten wie die Prachtbiene sind vielfach nicht in der Lage, die langen Distanzen zu bewältigen, die durch die gerodeten Flächen entstehen; selbst vergleichsweise geringe Entfernungen von 100 Meter sind bereits schwierig.

Auch die Samenverbreitung durch Tiere wird durch Fragmentierung beeinträchtigt. Dies ist von zentraler Bedeutung, da in einigen tropischen Regionen bis zu 90 Prozent der Baumarten ihre Samen durch Tiere verbreiten lassen. Bäume mit großen Samen sind besonders anfällig, da Fragmentierung Populationsverluste bei nahezu allen Tierarten verursacht, die groß genug sind, um die Samen verbreiten zu können, wie etwa Waldelefanten. So gab es beispielsweise in fragmentierten Waldstücken in Mexiko praktisch keine Tierarten mehr, die große Samen verbreiten konnten. In der Folge sank die Überlebenschance für solche Samen um etwa 50 Prozent. Demnach kann Fragmentierung eine deutliche Beeinträchtigung für die Fortpflanzungsfähigkeit von Bäumen sein.

Große Prädatoren wie Tiger, deren Lebensraum auf Sumatra durch Palmölplantagen stark zurückgedrängt wurde, sind sehr anfällig gegenüber Fragmentierung und kommen in stark zerschnittenen Waldgebieten häufig gar nicht vor. Der Verlust solcher Prädatoren kann eine sogenannte „trophische Kaskade“ auslösen und dadurch dramatische Veränderungen in einem Ökosystem auslösen. So führt sie vor allem dazu, dass Populationen jener Arten drastisch ansteigen, die in der Nahrungskette weiter unten angesiedelt sind und in ausgeglichenen Ökosystemen durch Spitzenprädatoren kontrolliert werden. Dies wurde bereits anhand von Pflanzenfressern (Herbivoren) wie Wildschweinen, Blattschneiderameisen und Nagetieren nachgewiesen: Deren Populationen stiegen in fragmentierten Waldgebieten im Vergleich zu ihrer Populationsgröße in intakten Wäldern um das Zehn- bis Hundertfache an. Die von Fragmentierung verursachten trophischen Kaskaden können in tropischen Waldgebieten folglich drastische Folgen mit sich bringen. Es zeigt sich zudem, dass die Existenz von Spitzenprädatoren ein zentraler Bestandteil gesunder, funktionsfähiger tropischer Waldökosysteme ist.

Die wichtige Rolle, die Prädatoren bei der Regulierung von Ökosystemen spielen, wird zunehmend anerkannt, nicht nur in tropischen Wäldern sondern auch in anderen Ökosystemen. So haben Wissenschaftler die ökologischen Effekte der Wiederansiedelung des Wolfs im nordamerikanischen Yellowstone Nationalpark untersucht und eine trophische Kaskade mit positiven Effekten für das Ökosystem festgestellt. Obwohl die Nachweise nicht endgültig bestätigt sind, wird von folgender Entwicklung ausgegangen: Die wieder angesiedelten Wölfe hielten nun die Elchpopulationen in Schach und ermöglichten die Regeneration von Baumarten wie Pappeln und Weiden. Größere Vorkommen von Weiden entlang der Flussläufe führten dazu, dass sich die Bieber-Populationen erholten. Durch den Dammbau der Bieber entstanden Wasserbecken, die in trockenen Monaten das Wasserlevel der Flüsse ausglichen und Rückzugsgebiete für Fische schafften. Die Zunahme an Bäumen vergrößerte auch den Lebensraum für Vögel. So verursachte die Wiederansiedelung von Wölfen vermutlich eine ganze Reihe Folgen entlang der Nahrungskette - eine trophische Kaskade, die zu einem vielfältigeren (gesünderen?) Ökosystem geführt hat. Der Umweltjournalist George Monbiot erzählt die Geschichte in einem kurzen Video (englisch).

Fragmentierung vermeiden, um Ökosysteme zu erhalten

Es ist klar, dass Fragmentierung zahlreiche Ökosystemfunktionen stark beeinflussen und die Stabilität und Widerstandsfähigkeit von Waldökosystemen reduzieren kann. Ob eine höhere Artenvielfalt, vor allem bei Spitzenprädatoren, zu robusteren Ökosystemen und verbesserten Ökosystemfunktionen führen, wurde in der Wissenschaft lange diskutiert. Aktuelle Forschungsergebnisse weisen stark darauf hin, dass dies tatsächlich der Fall ist und liefern weitere Beweise, dass Fragmentierung vermieden werden muss, um gesunde, funktionsfähige Ökosysteme zu erhalten.

Nicht zuletzt erhöht Fragmentierung die Anfälligkeit tropischer Wälder. So werden ehemals abgelegene Waldgebiete für Wilderer zugänglich gemacht und befördern die Ausbreitung landwirtschaftlicher Flächen. Gleichzeitig schwächen sie die Widerstandsfähigkeit des Ökosystems, zum Beispiel im Hinblick auf invasive Tier- und Pflanzenarten. Dies bedeutet, dass der Prozess der Fragmentierung, einmal begonnen, nur schwer aufzuhalten ist. Daher müssen besonders noch intakte Waldgebiete vor Fragmentierung geschützt werden.

 

Diese Übersetzung basiert auf dem englischsprachigen Blog "Why trees need to stand together" von Dr. Janet Cotter, Science Unit von Greenpeace International.

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